Historische Erfahrungen und nationale Besonderheiten als Hindernis und Chance im deutsch-polnischen Verhältnis.

Von Gabriele Lesser, Polen Korrespondentin mehrerer deutscher Tageszeitungen, gehalten am 19.11.2007 im Bremer Rathaus.

Dobry Wieczor, Panstwu. Witam serdecznie.
Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich begrüße Sie herzlich.
Das mir vorgegebene Thema heißt. „Historische Erfahrungen und nationale Beson-derheiten im deutsch-polnischen Verhältnis, ihre Handicaps und Chancen". Ich habe lange überlegt, wie ich es angehen soll: man könnte die gesamte deutsch-polnische Geschichte Revue passieren lassen oder das verworrene deutsch-polnische Bezie-hungsgeflecht aufdröseln, oder aber – und dazu habe ich mich entschlossen -  die Erinnerungslandschaften von Polen und Deutschen analysieren.

Das dritte Thema scheint mir am interessantesten, da sich die Erinnerungsland-schaften Polens in den letzen 18 Jahren dramatisch verändert haben. Polen konnte ja erst seit der politischen Wende 1989 frei und ohne Zensur über seine eigene Ge-schichte diskutieren. Zuvor war dies nicht möglich. Zwar gab es auch zu kommunis-tischen Zeiten den so genannten „Zweiten Umlauf", also Schriften, die im Unter-grund von Hand zu Hand gereicht wurden. Doch sie waren einer kleinen Elite vorbe-halten. Die Masse der Polen hatte zu diesen Texten keinen Zugang. Sie bezog ihr Wissen über die polnische Geschichte vor allem aus Schulbüchern, aus Zeitungen, dem Radio und dem Fernsehen. Diese Medien aber unterstanden allesamt der Kon-trolle der Polnischen Vereinten Arbeiterpartei. Eine freie Diskussion konnte so nicht entstehen. Dies wurde erst 1989 möglich, also vor knapp 20 Jahren.

Die Diskussion über die eigene Geschichte setzte aber eine dramatische Entwicklung in Gang. Das bisher verbindliche Geschichtsbild Polens vom ewigen Helden und Op-fer der Geschichte bekam von Diskussion zu Diskussion mehr Risse. Schließlich brach es in sich zusammen. An der Stelle des einst strahlenden Opfer-und-Helden-Mythos klaffte nun ein Abgrund.  Noch gab es kein neues Geschichtsbild, keinen neuen Mythos, der der Geschichte Polens einen positiven Sinn verliehen hätte. So ist Polen bis heute auf der Suche nach einer neuen Identität. Provisorisch bedienen sich polnische Politiker in ihren Außenkontakten – wenn sie mit Politikern anderer Staaten zu tun haben – des bisherigen Geschichtsbildes. Doch längst ist auch ihnen klar, dass ein partnerschaftliches Miteinander erst möglich sein wird, wenn sie selbstbewusst auf ein positives Geschichtsbild verweisen können. Polen als Frei-heitskämpfer könnte schon bald das Bild von Polen als dem ewigen Opfer der Ge-schichte ablösen. Die ganze Welt kennt die Freiheitsbewegung Solidarnosc. Dort könnten auch die Polen ansetzen. Doch – noch ist es nicht soweit.

Die letzten beiden Jahre unter den Kaczynski-Zwillingen – der eine war und ist bis heute Präsident Polens, der andere war kurze Zeit Premierminister und wurde im Oktober 2007 spektakulär abgewählt – haben die Polen auf ihrer Suche nach einer neuen Identität weit zurückgeworfen. Zwei Jahre lang versuchten Jaroslaw Kaczyns-ki, seine nationalkonservative Partei „Recht und Gerechtigkeit" und Präsident Lech Kaczynski die Diskussion der letzten 18 Jahre rückgängig zu machen. Sie wollten die Uhr auf das Jahr 1989 zurückdrehen, den alten Helden-Opfer-Mythos wiederbeleben und so tun, als habe es die Diskussionen der vergangenen Jahre nicht gegeben. Zu Regierungsbeginn 2005 rief Jaroslaw Kaczynski daher die „Vierte Republik" aus. Mit einer „moralischen Revolution" wollte er die „Dritte Republik" von 1989 hinwegfegen und mit dem Aufbau von Demokratie und Marktwirtschaft von vorn anfangen.

All das, was Politiker wie Lech Walesa, Tadeusz Mazowiecki, Leszek Balcerowicz, Jerzy Buzek oder Aleksander Kwasniewski an wegweisenden Reformen auf den Weg gebracht hatten, weckte bei ihm nur Verachtung. Polen versinke in einem Sumpf aus Kriminalität und Korruption. Überall hätten ehemaligen Partei-Mitglieder, Spitzel und Geheimdienst-Mitarbeiter ihre Finger im Spiel. Beinahe das gesamte Establish-ment in Polen sei eine Seilschaft aus Politikern, windigen Geschäftsleuten, Ex-Agenten und Mafiabossen. Diesem "uklad" (Seilschaft) sagten die Kaczynskis den Kampf an. Da sie den tief verunsicherten Polen auch die Wiederherstellung des Op-fer- und Helden-Mythos versprachen, stimmten diese 2005 tatsächlich für das "Zu-rück an den Start". Dort nämlich, am "Start", wartete das vertraute Geschichtsbild, der Helden- und Opfer-Mythos Polens, die eigene Identität.

Bereits der erste demokratisch gewählte Ministerpräsident Polens, Tadeusz Mazo-wiecki, hatte 1989  ein neues Geschichtsbild schaffen und damit den Polen zu einer neuen Identität verhelfen wollen. Er zog nach der Wende einen "dicken Strich unter die Geschichte". Damit wollte er deutlich machen, dass nun ein völlig neues Kapitel begann, die Geschichte des freien und demokratischen Polens. Sechs Jahre später wurde Aleksander Kwasniewski zum Staatspräsidenten gewählt. Anders als Mazo-wiecki gehörte Kwasniewski zur Nomenklatura des alten Systems, hatte dort als Sport- und Jugendminister Karriere gemacht. Doch Kwasniewski machte keine rückwärtsgewandte Politik. Er wollte ein "Präsident aller Polen" sein.  Dies gelang ihm auch so überzeugend, dass ihn die polnischen Wähler im Jahr 2000 im Amt bes-tätigen und auf weitere fünf Jahre wählten. Obwohl Kwasniewski aus dem alten Sys-tem stammte, hatte auch er - wie zuvor Mazowiecki - gesagt: "Lasst uns neu anfan-gen! Lasst uns alle gemeinsam ein neues 'Wir' bauen!".

Genau das aber, ein gemeinsames 'Wir',  wollte Jaroslaw Kaczynski von der natio-nalkonservativen "Recht und Gerechtigkeit" nicht. Auch er plädierte für einen Neu-anfang. Allerdings einen, der die vergangenen 18 Jahre für ungeschehen erklären sollte. "Wir fangen von vorne an!", rief er den Wählern 2005 zu. "Wir führen eine moralische Revolution durch! Wir gründen die IV. Republik". Die Polen wählten ihn, und damit schlug das Pendel zurück.

Die polnische Gesellschaft ist bis heute tief gespalten, in Arm und Reich, in Stadt und Land, in Elite und Mehrheitsgesellschaft. Wie meist ist auch hier der Begriff 'Eli-te' problematisch. Im Falle Polens haben wir es vor allem mit einer Medienelite zu tun oder auch mit einer Politikerelite, die im Radio und Fernsehen auftritt und Inter-views für Printmedien gibt. Jede andere Elite hat es schwer, sich in der Öffentlich-keit durchzusetzen. In Polen sind daher nur die Meinungen dieser einen Elite prä-sent, während sich die Ansichten der Mehrheitsgesellschaft öffentlich nur über Um-fragen und Wahlen widerspiegeln.

Doch im selben Maße, wie sich in den letzten 18 Jahren in Polen die soziale Schere immer weiter öffnete und Arm und Reich heute wahre Abgründe trennen, verflachte sich die mentale und politische Spaltung von  "Wir" und "Die da", von polnisch MY und ONI. Um diese bisherige 'Wir'-Identität der Polen zu erläutern, muss ich ein bisschen ausholen. Denn das MY-Selbstverständnis, da sich stark absetzte von ONI,  ist über mehrere Jahrhunderte entstanden.
In der Teilungszeit Polens, also im 18. und 19. Jahrhundert, als Polen von den Preußen, Österreichern und Russen geteilt wurde, waren eben diese Teilungsmächte ONI oder 'Die da' .
In der Zweiten Republik, also von 1918 bis 1939, der Zwischenkriegszeit, wurden die nationalen Minderheiten -  Deutsche, Juden,. Russen, Litauer, Weißrus-sen und Ukrainer - zu ONI oder 'Die da'.

Über die Jahrhunderte bildet sich so nicht nur ein nationales, sondern auch ein reli-giöses MY heraus: die katholischen Polen gegenüber den orthodoxen Russen, den protestantischen Preußen und den jüdischen Polen.

Mit ONI waren also zunächst die Teilungsmächte gemeint, die Nachbarn im Ausland, schließlich die Minderheiten in Polen, also die Nachbarn im Inland. Dieses Muster wiederholte sich im 20. Jahrhundert. In den Kriegsjahren 1939 bis 1945 galten die deutschen und sowjetischen Besatzer als ONI, sie wurden als Bedrohung von außen wahrgenommen, gegen die man sich wehren musste. Nach 1945 schließlich, als die Kommunisten gegen den erklärten Willen der Mehrheit der polnischen Bevölkerung die Macht im Lande übernahmen, waren sie es oder einfach 'die Partei', die zu ONI wurden, zum inneren Feind.

1989 aber passierte etwas völlig Unvorhergesehenes. Es gab keinen Aufstand, kei-nen Kampf, kein Blutvergießen. MY und ONI setzten sich einfach an einen Tisch, die Gewerkschafts- und Freiheitsbewegung Solidarnosc und die Kommunistische Partei Polens. Am Runden Tisch handelten MY und ONI den Übergang zur Demokratie aus.

Plötzlich gab es den Gegensatz von MY und ONI im eigenen Lande nicht mehr. MY und ONI hatten sich geeinigt. Mit dieser Einigung am Runden Tisch fiel aber die Grundlage für das bisherige Geschichtsbild der Polen weg: MY, die Helden und Mär-tyrer, die immer gegen ONI gekämpft hatten, waren ganz friedlich zu Siegern ge-worden. Zur Siegern der Geschichte. Doch nach Jahrhunderte langem Kampf gegen 'die anderen' war es seltsam, plötzlich keinen Feind mehr zu haben. Es war seltsam, nicht mehr das Opfer zu sein. Und auch kein Held mehr. Darauf war die polnische Gesellschaft nicht vorbereitet.

Doch nicht nur der MY und ONI-Gegensatz brach in sich zusammen. Auch das bishe-rige Geschichtsbild, auf dem das Selbstverständnis der Polen basierte, erwies sich als Chimäre. So ist die polnische Gesellschaft bis heute zutiefst verunsichert und verstört. Auf dem Weg zur Europäischen Union hat sie ihre Identität verloren.

Wie kam es zu diesem dramatischen Zusammenbruch des polnischen Geschichtsbil-des? "Schuld" sind die bereits erwähnten historischen Debatten, die erstmals seit Ende des Zweiten Weltkriegs frei von jeder Zensur geführt werden konnten. Diese Diskussionen lassen sich in drei Phasen einteilen:
Zunächst wurde über die so genannten "Weißen Flecken" diskutiert, über diejenige Geschichte Polens, die bis dahin unter die Zensur gefallen war. Dazu zählten vor allem die Verbrechen der Sowjets an den Polen im Zweiten Weltkrieg, wie beispiels-weise der Mord des sowjetischen Geheimdienstes NKWD an den polnischen Offizie-ren in den Wäldern von Katyn, auch die Massendeportation von Polen nach Sibirien sowie die sowjetische Besatzungspolitik in Ostpolen bis 1941.
Die Zensur hatte aber auch verhindert, dass sich die Gesellschaft mit den Verbre-chen der polnischen Kommunisten in der Volksrepublik Polen auseinandersetzen konnte, mit der Erschießung der streikenden Werftarbeiter 1970 oder der Einfüh-rung des Kriegsrechts 1981, mit der Ermordung des Priesters Popieluszko durch den polnischen Sicherheitsdienst, mit Spitzeln und Verrätern im eigenen Volk.

Diese erste Phase der großen historischen Debatten in Polen bestätigte zunächst das bisherige Geschichtsbild von MY und ONI, den Guten und den Bösen, den Polen als ewige Helden und Opfer der Geschichte.

Nach den "Weißen Flecken" im bisherigen Geschichtsbild nahmen sich die Polen die "Schwarzen Flecken" vor. Diese schwarzen Flecken waren durch bewusstes Ver-schweigen entstanden.  Über unangenehme Themen in der eigenen Geschichte woll-te man in Zeiten des Kampfes und der Not nicht so genau Bescheid wissen. Sie wurden verdrängt.  Zwar waren die Quellen zugänglich, doch in den schwierigen Zeiten des Kommunismus wollte kaum ein Historiker das Risiko auf sich nehmen, plötzlich als "Nestbeschmutzer" aus der guten Gesellschaft ausgestoßen zu werden.

Als diese Gefahr verschwunden war, konnte sich die Gesellschaft auch den schwieri-gen Fragen in der polnischen Geschichte zuwenden. Dass sich aber am Ende dieser zweiten Phase das eigene Geschichtsbild als Mythos erweisen könnte, ahnte kaum jemand. Der Auslöser für die bislang größte historische Debatte in Polen war das Buch von Jan Tomasz Gross "Die Nachbarn". Gross schildert darin den Judenmord in der nordpolnischen Kleinstadt Jedwabne im Jahre 1941. Anders als es in der bishe-rigen Geschichtsschreibung Polens überliefert war, anders auch, als die Inschrift auf einem Gedenkstein glauben machte, waren die Täter in Jedwabne nicht die Deut-schen, sondern die Polen. Die polnischen Nachbarn hatten die jüdischen Nachbarn in Jedwabne ermordet. Auf Geheiß eines deutschen SS-Mannes zwar, doch die Tat selbst hatten polnische Katholiken verübt. Jene also, die bislang als MY galten, als gute Gesellschaft. "Wie war das möglich?", fragten sich plötzlich alle. "Wir waren in der Geschichte doch immer Helden und Opfer! Und wenn nicht immer, so doch fast immer. Doch in Jedwabne soll MY so schlecht gewesen sein wie ONI? Und – ist Jed-wabne womöglich kein Einzelfall?"

Die dritte Phase war geprägt von einer tiefen Verunsicherung und Verstörung breiter Schichten der polnischen Gesellschaft. Dieses Gefühl der fast verlorenen, zumindest aber tief erschütterten Identität gab einen hervorragenden Nährboden für Nationa-listen ab, für Extrempositionen, wie sie vom katholisch-nationalistischen Radio Maria vertreten wurden oder von der rechtsradikalen Partei "Liga der polnischen Familien" (LPR). In dieser dritten Phase schien es vielen, als sei eine positive Identifikation mit der polnischen Geschichte kaum noch möglich. Es sei denn, man würde die Uhr zurückstellen, das Buch, die Diskussion und all die anderen Diskussionen über die schwarzen Flecken in der polnischen Geschichte ungeschehen machen und  zurück-kehren zum Helden- und Opfer-Mythos.

Doch welche Themen war es eigentlich, die lange Zeit als "schwarze Flecken" in Po-lens Geschichte von niemandem diskutiert und wahrgenommen werden wollten?

Interessanterweise - und von den meisten Deutschen längst vergessen - war eines der ersten heiß diskutierten Themen die Vertreibung der Deutschen nach 1945. Gleich in den ersten Jahren der neu gewonnen Freiheit 1989 und 1990 diskutierten die Polen über Fragen wie: "Haben wir damals Schuld auf uns geladen?" und gar: "Müssen wir die Deutschen um Verzeihung bitten?"  Auch die Vertreibung der Ukrai-ner, die 1947 über das ganze Land auf die polnischen Dörfer verteilt wurden - "Fünf ukrainische Familien pro Dorf, nicht mehr", hieß die Parole – wurde heiß diskutiert. " Wieder fragten sich die Polen: "Sollen wir sie um Verzeihung bitten? Haben wir Schuld auf uns geladen?"

Es waren zumeist die großen Jahrestage, die die Diskussionen in Gang brachten.

1995:  50 Jahre Kriegsende.
Zum 50. Jahrestag des Kriegsendes 1995 stritt Polen heftig über die Frage: "Wem gehört Auschwitz?" Ist Auschwitz vor allem ein Symbol für den Holocaust? Oder ist es vor allem ein Symbol für das polnische Märtyrertum und erst in zweiter Linie ein Symbol für den Holocaust? Die zweite Interpretation war über Jahre hin sowohl von der kommunistischen Partei als auch der katholischen Kirche als die verbindliche verbreitet worden. Die Diskussion wurde außerordentlich heftig geführt. Am Ende mussten fast alle Ausstellungen in den früheren Häftlingsbaracken in Auschwitz ge-ändert werden. Es war alles falsch.  Die Zahlen stimmten zum größten Teil nicht. Die Gedenksteine mussten ausgetauscht und die Informationsbroschüren neu ge-schrieben werden. Bislang waren die Opfer, die in Auschwitz umgekommen waren, als Nationen in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt wurden. Dabei wurden die Polen als Opfer besonders hervorgehoben. An letzter Stelle der Opferauflistung standen die Juden – auf polnisch "Zydzi" -, also unter "Z".

Weder auf den Gedenksteinen, noch in den Broschüren stand, dass Auschwitz-Birkenau ein Vernichtungslager war, in dem die Nazis fast ausschließlich Juden er-mordeten – über eine Million aus fast allen Ländern Europas. Die Diskussion zog sich über ein Jahr hin. Umfragen zeigen, wie sehr schon diese Diskussion das Ge-schichtsbild der Polen veränderte. Zu Beginn der Debatte war für den größten Teil der polnischen Gesellschaft Auschwitz noch das Symbol für das Martyrium der Polen unter den Nazis. Fünf Jahre später symbolisierte Auschwitz für die meisten Polen den Holocaust. Die Zahlen sprachen für sich. In Auschwitz waren mit rund 100.000 nichtjüdischen Polen weniger Opfer ums Leben gekommen als während des War-schauer Aufstandes 1944, den rund 200.000 polnische Zivilisten mit ihrem Leben bezahlten.

1996: 50 Jahre Pogrom von Kielce
Die nächste große Diskussion begann 1996 mit dem 50. Jahrestag des Pogroms von Kielce. In dieser zentralpolnischen Stadt ermordeten 1946 polnische Einwohner knapp 50 Holocaustüberlebende, weil ein katholisches Kind behauptete, es sei von Juden in einen Keller gesperrt worden, um "zu Matze" verarbeitet zu werden, zu un-gesäuerten Brot, das gläubige Juden zum Pessachfest essen. Schon in der Vor-kriegszeit hatte diese Ritualmordlegende immer wieder zu Pogromen und antijüdi-schen Ausschreitungen in Polen geführt, meist um die Osterzeit herum. Die katholi-sche Kirche hatte kaum je den Versuch gemacht, ihren Gläubigen zu erklären, dass Matze nur aus Wasser und Mehl besteht, ähnlich wie die in der katholischen Kirche üblichen Oblaten oder Hostien.

Die Debatte um das Pogrom von 1946 wurde so erbittert geführt, dass sich die Staatsanwaltschaft entschloss, den Fall erneut aufzurollen und nach den wahren Schuldigen zu suchen. Es kursierten mehrere Gerüchte und Thesen darüber, wer an diesem Pogrom das größte Interesse gehabt haben könnte. Die populärste ging da-von aus, dass die Kommunisten dieses Pogrom initiiert hätten, um davon abzulen-ken, dass sie 1946 die Wahlen zu ihrem Gunsten gefälscht hatten. Dass auch die neuen Haus- und Wohnungs-Eigentümer ein großes Interesse an diesem Pogrom gehabt haben könnten, weil sie von der unerwarteten Rückkehr der überlebenden Juden überrascht wurden und das fremde Eigentum nicht zurückgeben wollten, ver-drängte die Gesellschaft erfolgreich. Die Staatsanwälte sahen sich außerstande, die wahren Schuldigen zu finden und stellten das Verfahren nach einigen Jahren ergeb-nislos ein.


1998: 30 Jahre März 1968
Die nächste Diskussion 1998 wurde durch einen Jahrestag ausgelöst: im März 1968 löste die kommunistische Partei Polens eine antisemitische Hetzkampagne aus, in deren Folge knapp 30.000 Juden das Land verließen. Ende der 60er Jahre hatte sich der Machtkampf innerhalb der Polnischen Vereinten Arbeiterpartei so zugespitzt, dass er im März 1968 offen ausbrach. Auch in der Gesellschaft gärte es seit Mona-ten.  Die Nationalisten in der Partei behaupteten, dass "die Zionisten" Schuld am wirtschaftlichen Niedergang Polens seien, nicht etwa die Partei oder gar das Zent-ralverwaltungssystem. Die Juden würden das Land ruinieren. Am besten wäre es, wenn sie Polen Richtung Israel verließen. Tatsächlich reisten 1968 tausende Juden aus, viele gezwungenermaßen, viele aber auch freiwillig. Sie sahen keine Zukunft mehr für sich in diesem antisemitischen Land. Die meisten erhielten von den Behör-den einen Pass, mit dem sie bei Überschreitung der Grenze Polens automatisch die polnische Staatsbürgerschaft verloren.

2000/2001: 60 Jahrestag des Pogroms in Jedwabne
Die bislang größte historische Debatte in Polen seit dem Ende des Zweiten Welt-kriegs löste das Buch von Jan Tomasz Gross "Sasiedzi – Die Nachbarn" aus:. Dieses graue Bändchen von gerade mal 100 Seiten kam völlig unscheinbar daher. Am An-fang beachtete es kaum jemand. Bis die Diskussion begann, dauerte es ein gutes halbes Jahr. Dann allerdings gingen die Emotionen so hoch, wie nie zuvor in einer historischen Debatte in Polen. In "Nachbarn" beschreibt Gross das Pogrom von Jed-wabne im Juli 1941. Kaum hatten die Sowjets das von ihnen besetzte Ostpolen ver-lassen, rückten auch schon die Nazis ein. Ein SS-Mann soll den polnischen Einwoh-nern von Jedwabne den Befehl gegeben haben: "Entweder ihr räumt mit den Juden auf, oder wir machen das nächste Woche" Tatsächlich trieben dann die katholischen Polen ihre jüdischen Nachbarn in eine abgelegene Scheune und fackelten sie bei le-bendigem Leib ab.

In Polen war über diese Kriegspogrome nie zuvor öffentlich gesprochen worden. Dass Ukrainer und Litauer auf Anweisung der Nazis ihre jüdischen Nachbarn ermor-det hatten, war in Polen bekannt. Doch dass auch Polen selbst so etwas getan ha-ben könnten, schien außerhalb jeder Vorstellungskraft. Viele wollten dem polnisch-amerikanischen Historiker nicht glauben, der noch dazu zu jenen Emigranten gehör-te, die im März 1968 Polen verlassen mussten. Auch die Aussagen der Zeitzeugen wurden angezweifelt. Die Nachricht von diesem Pogrom war einfach so schockie-rend, dass viele sie nicht wahrhaben wollten. Staatsanwälte im Institut des Nationa-len Gedenkens (IPN) rollten den Fall neu auf, so wie Jahre zuvor das Pogrom von Kielce 1946. Doch auch diese Ermittlungen wurden Jahre später ergebnislos einge-stellt.

Mit dieser Diskussion brach das Geschichtsbild der Polen von den Helden und Märty-rern der Geschichte endgültig in sich zusammen. Es war die Katastrophe schlecht-hin.  Polen hatte sich bis dahin als "Christus der Nationen" gesehen, als Freiheits-kämpfer, der eines Tages auferstehen und allen anderen unterdrückten Völkern die Freiheit bringen würde. Doch mit den offen und selbstkritisch geführten Diskussio-nen wurde immer klarer, dass dieses Geschichtsbild ausgedient hatte und für die Demokratie nicht mehr taugte. In der Unfreiheit machte die Aufteilung Sinn "Wir die Guten" – Sie die Bösen". Das Helden- und Opfer-Bild gab Trost und Kraft. Es ermög-lichte das Weiterleben in einer Diktatur. Nach 1989 begannen sich die Grenzen von Gut und Böse zu verwischen, immer öfter erwies sich, dass auch MY nicht aus-schließlich gut und ONI nicht ausschließlich schlecht war. Auch General Jaruzelski, der 1981 das Kriegsrecht eingeführt hatte, wechselte in der Wahrnehmung vieler Polen nach 1989 die Seite und gehörte plötzlich nicht mehr zu ONI, sondern zu MY. Es entstand ein neuer Mythos um den General, der von ihm selbst auch kräftig un-terstützt wurde. Immer mehr Polen glaubten, Jaruzelski dafür dankbar sein zu müs-sen, dass er das Kriegsrecht ausgerufen hatte. Denn hätte er es nicht getan, wäre die sowjetische Armee einmarschiert und wer weiß, was dann geschehen wäre und wie viel Blutvergießen es gegeben hätte. Mit diesem neuen Mythos geriet Jaruzelski in eine moralische Grauzone, weil er als Patriot nun plötzlich zu My gehörte, also zu den Guten, zugleich aber für die Toten, Verletzten und langen Haftzeiten für die Re-gimegegner verantwortlich blieb, also zu ONI, den Bösen, gehörte.

Polens Gesellschaft wusste gefühlsmäßig nicht mehr zu unterscheiden, wer nun ei-gentlich noch zu MY und wer zu ONI gehörte. Noch war nicht klar, dass diese Auftei-lung ihren Sinn verloren hatte und man sie aufgeben musste. Zunächst führten die von der Zensur freien Diskussionen zu einer nie gekannten Verlorenheit in der Ge-schichte, zu einer Sinnkrise und zum Verlust der eigenen Identität. Das Problem vergrößerte sich, als Polen der EU beitrat. Wie sollte sich Polen innerhalb der EU präsentieren? Das bisherige Geschichtsbild funktionierte nicht mehr. Worauf sollten die Polen stolz verweisen?

In dieser Situation, als Polen also auf der Suche nach einer neuen positiven Identi-tät war, nach einem neuen Mythos, meldeten sich die Kaczynski-Zwillinge und ver-kauften den alten Mythos als den neuen. Sie zeigten auf die anderen und sagten: "Da sind sie doch die Bösen, da, schaut sie euch an, da sitzen sie. Wir sind die Gu-ten, wir, die Kaczynski-Brüder, wir sind die Opfer. Wir müssen die alten Spione und die Agenten nur anklagen, wir müssen sie an den Pranger stellen. Wir stellen die alte Ordnung wieder her."  Ähnlich wurde das alte Geschichtsbild auch innerhalb der EU propagiert. Bevor Jaroslaw Kaczynski gewählt wurde, sagte er in einem Sympo-sium, dass die beiden gefährlichsten Feinde, die Polen heute habe, Deutschland und Russland seien. Vor diesen beiden gefährlichen Feinden müsse man sich schützen und verteidigen. Vor den Augen der verunsicherten Polen erstand so das alte MY und ONI-Bild aus der Teilungszeit wieder auf, das im Zweiten Weltkrieg und auch in der Volksrepublik Trost gespendet und Kraft gegeben hatte. Die Kaczynskis führten mit ihrem klaren Freund-Feind-Bild scheinbar aus der Zeit der Verunsicherung und Orientierungslosigkeit nach 1989 hinaus. Viele Medien übernahmen das Bild und inszenierten Deutschland und Russland als die Erbfeinde Polens, die sich bis heute kaum geändert hätten.

Doch die Kaczynskis desavouierten sich selbst. Ihre Regierungszeit  - Jaroslaw als Premierminister, Lech als Präsident – geht wohl als die skandalträchtigste in die Ge-schichte Polens ein. Die moralische Revolution ging in Sex- und Korruptionsskanda-len unter. Die Vierte Republik erwies sich als Polizei- und Spitzelstaat, dessen Politi-ker die Wähler so schnell wie möglich wieder abwählten. Nach gut zwei Jahren war der Spuk vorüber.

Die neue Regierung Polens unter dem Liberalen Donald Tusk kündigte eine weltoffe-ne, selbstbewusste und partnerschaftliche Politik innerhalb der EU an. Auch Deutschland solle nicht mehr wie zu Zeiten Premier Kaczynskis und Außenministerin Anna Fotygas als Erbfeind Polens gehandelt erden, sondern als Bündnispartner, mit dem gemeinsam Polen in Zukunft viel mehr erreichen könne als im Kampf gegen Deutschland in der EU.

Es gibt allerdings eine große Gefahr. Sie besteht im großen Erwartungsdruck, der auf dieser neuen liberal-konservativen Regierungskoalition aus der Bürgerplattform PO und der Bauernpartei PSL lastet. Auch hier in Deutschland, in der EU, sind alle erleichtert, dass es in Polen eine neue Regierung und damit einen neuen Anfang gibt. Alle breiten die Arme aus und möchten den kurzzeitig fast schon verlorenen geglaubten Sohn wieder in die Arme schließen: "Polen ist wieder da!". Doch es blei-ben Themen aus der Kaczynski-Zeit, die auch in den nächsten Jahren nicht ver-schwinden werden. In Deutschland ist es den meisten Menschen wohl nicht klar, wie stark das Thema "Vertreibung, Vertriebene und Spätaussiedler" Polens Bild von Deutschland verändert hat. Die deutsche Politik hat durch ihr Schweigen zu den Tä-tigkeiten Erika Steinbachs, der Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen, und zur Preußischen Treuhand, die Polen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschen-rechte in Straßburg angeklagt hat, dem neuen Angstbild Deutschland in Polen Vor-schub geleistet. Das machen sich viele Deutsche wohl nicht klar.

In der letzten Zeit hat es in Polen einige erfolgreiche Klagen von Spätaussiedlern gegeben. Diese Deutschen werden ihr früheres Eigentum in Polen zurückbekommen. Das wirkt natürlich wie ein Signal. Plötzlich scheinen überall Deutsche zu sein, die ihr Eigentum zurückfordern und es auch bekommen. Dies löste eine riesige Angst-welle aus, die wiederum von den Kaczynski-Brüdern weiter geschürt wurde. Be-wusst vermengten sie die rechtlich völlig unterschiedlich gelagerten Fälle der Spät-aussiedler und der Vertriebenen. Das sind ja insgesamt einige Millionen. Würden diese Millionen jetzt tatsächlich alle nach Polen zurückkommen und ihr ehemaliges Eigentum einfordern, wäre dies für Polen tatsächlich eine Katastrophe. Betroffen wäre ein Drittel des Landes, wie die Kaczynski-Brüder immer wieder betonten. Das ist natürlich völlig irreal. Aber es ist nicht wichtig, ob dies eine irreale oder eine rea-le Gefahr ist. Wichtig ist, wie dieses neue Angstpotential aussieht. Aufgrund der er-folgreichen Klagen ist die Angst vor den Deutschen in Polen hoch.

Wenn Kanzlerin Angela Merkel nun die von Bund der Vertriebenen forcierte Ausstel-lung "Zentrum gegen Vertreibungen" oder "Sichtbares Zeichen" zusammen mit Eri-ka Steinbach durchsetzen will, wird sie damit in Polen Schiffbruch erleiden. Auch die liberale, weltoffene und durchaus deutschfreundliche Regierung Donald Tusks wird eine Ausstellung, an der Erika Steinbach in welcher Form auch immer beteiligt sein wird, für einen Affront halten.

Und so möchte ich mit einem Appell enden: Mehr Empathie für Polen! All jene, de-nen die Beziehungen mit Polen am Herzen liegen, sollten sich auch mit den großen Geschichtsdebatten in Polen beschäftigen, mit den Erinnerungslandschaften und den mentalen Umbrüchen in Polen. Tun wir dies nicht, wird Polen auf lange Zeit noch der "ungekannte Nachbar" bleiben. Noch einmal also mein Appell: Mehr Empathie für Polen!