Rolf Hochhuth im Porträt: Direkt von der Kanzel


Dass Schreiben nichts bewegt, trifft für Rolf Hochhuth nicht zu. Sein Erstling sorgte für den ersten westdeutschen NachkriegsTheaterskandal. Ein Ministerpräsident stolperte über eine seiner Erzählungen. Sein letztes Werk verärgerte die Deutsche Bank, während McKinsey Mitarbeiter ins Theater schickt. Die Kritik an seinen engagierten Werken bleibt: Zu viel Agitprop.

"Der Stellvertreter"
Dass Schreiben nichts bewegt, trifft für den Autor Rolf Hochhuth nicht zu. Sein erstes Stück sorgte für den größten Eklat der deutschen Nachkriegstheatergeschichte. Im DokuDrama "Der Stellvertreter" fragte Rolf Hochhuth, ob Papst Pius XII. und die katholische Kirche durch ihr Schweigen eine Mitschuld an der Vernichtung der Juden durch das NSRegime treffe. Uraufgeführt wurde "Der Stellvertreter" 1963 von Erwin Piscator an der Freien Volksbühne Berlin. Anschließend erlebte das Stück Aufführungen in 28 Ländern. Seitdem gilt der Autor als einer der erfolgreichsten, aber auch umstrittensten deutschen Dramatiker.

"Eine Liebe in Deutschland"  Filbingers Rücktritt
Rolf Hochhuth hat es abgesehen auf die Skandale unter der "Schutthalde" der deutschen Vergangenheit. Er gräbt sie aus  wie in seiner Erzählung "Eine Liebe in Deutschland" (1978): Sie spielt in der NSZeit. Der polnische Zwangsarbeiter Stasiek Zasada wird wegen der Liebesbeziehung zu einer Deutschen hingerichtet, die schließlich im KZ Ravensbrück landet.

Ein Vorabdruck der Erzählung in der "Zeit" war Auslöser für den Rücktritt des damaligen badenwürttembergischen CDUMinisterpräsidenten Hans Filbinger bei. Hochhuth bezeichnete ihn im Stück als "furchtbaren Juristen" und "Hitlers Marinerichter". Filbinger klagte gegen Hochhuth und verlor. In der Folge wurde mehrere Todesurteile bekannt, an denen Filbinger als NSMarinerichter beteiligt gewesen war. Hochhuths "Eine Liebe in Deutschland" war im Herbst 2000 erneut ein Thema, nachdem CDUKultusministerin Schavan das Buch von der PflichtlektüreListe für das Abitur an den beruflichen Gymnasien streichen ließ, weil es dazu, wie es hieß, "zu wenig Sekundärliteratur gebe". Die Rechtsradikalen in der BRD würden sich nun auch in den Spitzen der Ministerialbürokratie austoben, schimpfte der Autor.

"Juristen" und "Soldaten"
Auch in seinem Schauspiel "Juristen" klagte er ein Jahr später die ehemalige NaziRichter wegen ihrer Vergangenheit an. Mit Vorliebe suchte sich Hochhuth diese Stoffe aus. Das hat seinen Grund: Schließlich könne man nur durch Provakationen Erstarrungen lösen, sagt der Dramatiker. So untersuchte er einmal die Mitverantwortung des englischen Premiers Winston Churchill an den Luftangriffen auf deutsche Städte im Zweiten Weltkrieg ("Soldaten, Nekrolog auf Genf", 1967), ein anderes Mal prangerte er die auf Profit ausgerichteten Praktiken der Pharmaindustrie an ("Ärztinnen", 1980).

"Wessis in Weimar"
Für hitzige Debatten sorgte sein 1993 uraufgeführtes Stück "Wessis in Weimar" über das Wirken der Treuhand im Osten Deutschlands, über Verzweiflung und MissManagement. Schon im Vorfeld hatte Hochhuth über den am 1. April 1991 von RAFTerroristen ermordeten Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder wissen lassen, "wer so etwas wie Rohwedder tut, soll sich nicht wundern, wenn er erschossen wird". Vor der Uraufführung am Berliner Ensemble warf Hochhuth dann dem Regisseur Einar Schleef vor, seinen Text zu "zerstückeln und zu zerstören". Die Drohung, die Premiere juristisch untersagen zu lassen, setzte er aber nicht um. Nur 15 Tage später wurde das Stück in Hamburg vom Schweizer Regisseur Ives Jansen noch einmal aufgeführt  nach Kritikermeinung "Hundert Prozent Hochhuth".

Der Traum vom Autorentheater
Um missliebigen Interpretationen seiner Stücke vorzubeugen, plante Hochhuth ein Autorentheater, in dem die Dramatiker und nicht eigenmächtige Regisseure entscheiden. So machte er Anfang und Mitte der 90er Jahre vor allem als verhinderter Theaterbesitzer von sich reden, der einmal das Berliner SchlossparkTheater, dann die Freie Volksbühne begehrte, beide Spielstätten aber nicht bekam. 1996 klappte es dann doch: Die 1993 von ihm im Namen seiner Mutter gegründete IlseHolzapfelStiftung ist seitdem neue Eigentümerin des Berliner Ensembles, das er laut Mietvertrag jeweils im Sommer mit eigenen Stücken bespielen darf.


Die wiederkehrende Kritik
Die Kritik an seinen Werken wiederholt sich: Der Moralist Hochhuth schreibe mit erhobenen Zeigefinger, immer wie direkt von der Kanzel und fühle sich immer im Recht. Seine Werke versprühten die dramatische Wirkung von gesprochenen Leitartikeln. Zudem höre man in jeder Zeile das Knistern von Papier. Er schreibe Bandwurmsätze in schlechtem Deutsch, die ohne Kraft und Grazie, überhaupt nicht schöpferisch seien. Die Kritik macht Hochhuth nichts aus. Schließlich sieht er sich als "friedlichen Menschen": "Ich habe noch nie in meinem Leben eine Pistole in der Hand gehabt, nicht mal zum Spaß."

Heute lebt Hochhuth im schweizerischen Grenzach bei Basel und pendelt von dort zu seiner zweiten Wohnung in Berlin in der geschichtsträchtigen Wilhelmstraße. Geboren wurde er am 1. April 1921  mit vier Wirbeln am Kopf  in Eschwege als Sohn eines Schuhfabrikanten. Die Mutter gab gelegentlich Aphorismen heraus. Hochhuth verließ die Schule ohne Abitur, war nach eigenen Aussagen nur in Deutsch und Geschichte gut, in Erdkunde leidlich, wurde einmal nicht versetzt. Die Buchhändlerlehre mündete in Lektortätigkeit beim BertelsmannLesering

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