Affäre um Friedrich Weinreb

Ein Fantast schreibt Geschichte: Die Affäre um Friedrich Weinreb

Habilitationsschrift zur Verleihung des Grades eines Doktor Habil. an der Reichsuniversität zu Leiden,
30. Oktober 1997, durch Regina Grüter

(Überarbeitete) Zusammenfassung

In den 60er Jahren entwickelte sich in den Niederlanden eine beispiellose und heftige Kontroverse über die Kriegsvergangenheit von Friedrich (Freek) Weinreb (1910-1988). Er war ein holländisch-jüdischer Ökonom, der während der deutschen Besatzung (1940-1945) seine bedrängten Partner getäuscht hatte, indem er ihnen vorgaukelte, die deutschen Behörden hätten ihm die Erlaubnis erteilt, die Ausreise für eine Gruppe von Juden in das unbesetzte Frankreich und nach Portugal zu organisieren Unglücklicherweise existierten diese Pläne nur in seiner Fantasie. Nach dem Krieg wurde er wegen Betruges und Schwindel zum Schaden anderen Juden zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Trotzdem wurde er von der jüngeren Generation und den Gesellschaftskritikern in den 60ern zum Helden erklärt. 1976 hat das staatliche Institut für Kriegsdokumentation nach einer eingehenden Untersuchung einen Bericht herausgegeben, der zu dem Schluss kommt, dass Friedrich Weinreb ein Märchenerzähler und Schwindler war und darüber hinaus seine Kollaboration mit den Deutschen 70 Leben gekostet hat. Seine Kriegsmemoiren „collaboration en vezet..en poging tot ont; veröffentlicht 1969, waren in vielen Teile reine Erfindung.

 

Später erwies er sich auch in anderen Lebensbereichen als zweifelhafte Gestalt. Er wurde zweimal wegen Sexualdelikten verurteilt. Außerdem wurde er wegen Betrugs verhaftet, darüber hinaus gab es Gerüchte über zweifelhafte Aktivitäten im Ausland während seiner Tätigkeit als Professor für Wirtschaftswissenschaften. Er war außerdem bekannt dafür, sich in den Kreisen von „Greet Hofmans“, einer Wunderheilerin, zu bewegen, die als Zentrum der Skandale von 1956 angesehen wurde, die insbes. Königin Juliane betrafen (s. Greet-Hofmans-Affäre). Charakteristisch für Weinreb ist, dass er es einerseits immer wieder schaffte Vertrauen zu gewinnen, andererseits verursachte er Ärger, egal wo er aktiv wurde.

 

Dies ist eine Studie über F. Weinrebs Phantasien, Betrügereien und Glaubwürdigkeit. Eine der zentralen Fragen ist, wie er es schaffte, solch extreme Charakterisierungen und widersprüchliche Meinungen hervorzurufen. Manche Leute sprechen ihm einen messianischen Charakter zu, während andere ihn als Verkörperung des Bösen bezeichnen. Andere Fragen stellen sich nach seiner Persönlichkeit.

 

F. Weinreb wächst in osteuropäischen jüdischen Kreisen in Schevningen (NL) auf, wo sich seine Eltern nach der Flucht aus ihrer Heimatstadt Lemberg (Lvov) während des ersten Weltkrieges, mit den zwei Söhnen niederließen. Die Familie war nicht religiös, aber F. Weinreb wurde es während seiner Schulzeit auf dem Gymnasium. Er wurde Mitglied der orthodoxen anti-zionistischen Agudas Ysrael und trat in den 30ern in den Kreis des jüdischen Philosophen Nathan Birnbaum, der seine letzten Lebensjahre in Scheveningen verbrachte. Weinreb studierte Wirtschaft in Rotterdam und wurde leitendender Angestellter des Nederlands Economisch Instituut (NEI). Als die Nazis im Mai 1940 die Niederlande besetzten, war F. Weinreb verheiratet und Vater von zwei Mädchen.

 

Ende 1940 wurde sein einziger Bruder Edmond verhaftet und im September 1941im KZ Mauthausen umgebracht. Im November 1941 verlor Friedrich Weinreb wegen anti-jüdischer Maßnahmen seinen Arbeitsplatz. Zu dieser Zeit beginnen seine Betrügereien an 3.000-4.000 Juden, die sich in seine Immigrationsliste gegen eine Gebühr von 100 NLG per Erwachsenn eingetragen hatten. Die Nazis entdeckten seine Pläne und verhafteten ihn im September 1942. Aber es gelang ihm, auch die Deutschen zu täuschen und so wurde er nach drei Tagen wieder freigelassen. Mit seiner Freilassung beginnt die Zusammenarbeit von Weinreb mit den Nazis. 1943 wurde er wieder verhaftet: Während dieser Haftzeit betrog er Zellenkameraden und verkaufte Mitjuden und einige Kontaktleute des Widerstandes an den deutschen Feind. Ende 1943 wurde er wieder freigelassen und organisierte im Auftrag der Deutschen eine zweite Immigrationsliste, um versteckt lebende Juden und jüdische Vermögen aufzuspüren. Im Februar 1944 versteckte sich F. Weinreb mit seiner Familie.

 

Kurz nach der Befreiung Hollands wurde er des Betruges angeklagt, verhaftet und zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt Bereits im Dezember 1948 war er wieder ein freier Mann. Die Reststrafe wurde ihm wegen des 50jährigen Chronjubiläums von Königin Wilhelmina erlassen. Weinreb-Sympathisanten, die in ihm einen zweiten „Fall Dreyfuss“ sahen, gründeten das Weinreb-Komitee für seine Freilassung.

 

1952, nach erneuten Problemen mit dem Gesetz, entschloss sich Weinreb, eine Beschäftigung im Auland zu suchen. Dank einer Referenz von Prof. Jan Tinbergen, dem späteren Wirtschaftsnobelpreiträger, wurde er zum Prof. für Wirtschaft und Wirtschaftsstatistik in Jakarta, Indnesien ernannt. Hier bgann F. Weinrebs zweite Phantasterei, indem er Hollands Außenminister Luns und seine hochrangigen Beamten Glauben machte wollte, dass die indonesischen Behörden ihn zwängen mit ihnen zusammenzuarbeiten, um Gerichtsklagen gegen holländische Zivilisten und holländische Unternehmen in Indnesien vorzubereiten. Die von Weinreb eingefädelten Manipulationen wurden Dank Aufklärung über Weinrebs Lebensstil gebrochen. Das Justizministerium gewährte Zugang zu Berichten über Weinrebs betrügerische Geschäfte und über seine pseudo medizinischen Praktiken. Außerdem erhielten die Bhörden einige Briefe Weinrebs, die wohl durchdachte Täuschungsmanöver enthielten und von ihm an einen früheren holländischen Kollegen in Indonesien geschickt wurden. Als Ergebnis wurden seine Manipulation aufgedeckt. Die holländischen Offiziellen kamen schließlich zu der Überzeugung, dass Weinreb sie erpresste. Sie waren über seine Machenschaften so bestürzt, dass sie Weinreb im März 1956 in die Heimat zurückführten. Dort gelang es ihm, als Ergebnis von Intrigen und Machenschaften bis August 1957 Abschreibungsbeträge von Geheimfonds zu sammeln.

 

Dennoch erhielt er 1958 erneut eine Auslandsanstellung, dieses mal an der Mittelost-Technik-Universität in Ankara, Türkei. Im Sommer 1961 beklagte sich ein wütender türkischer Vater bei der holländischen Botschaft, dass Weinreb zwei Studentinnen, darunter seine Tochter, medizinisch untersucht hatte. Er hätte ihnen sogar Injektionen verabreicht. Das Außenministerium beschloss daraufhin, nie wieder mit Weinreb zusammen zu arbeiten.

 

Bereits 1957 ist Weinrebs für unqualifizierte medizinische Behandlungen verurteilt worden und 1968 erhielt er eine acht monatige Haftstrafe, der er sich durch Flucht in die Schweiz entzog.

 

Ebenfalls im Jahr 1968 erging gegen ihn ein Haftbefehl wegen sexueller Nötigung von Frauen und unsittlichem Verhalten, der allerdings ausgesetzt wurde. Die meisten „Patientinnen“ wurden ihm von seinen religiösen Anhängern zugeführt oder gehörten selbst zu diesem Kreis, der sich seit 1948 um F. Weinreb gebildet hatte. Seine Anhänger glaubten nicht nur, dass er Ökonom und Jüdisch - chassidischer Weiser sondern auch Facharzt, für Gynäkologie sei. Weinreb bestärkte die Frauen geschickt in ihrem Glauben und nannte plausible Gründe dafür, warum er seine medizinische Tätigkeit geheim halten musste. Später erpresste sie mit intimen Informationen, die sie ihm als Arzt anvertraut hatten. Weinrebs „Patientinnen“ schöpften natürlich Verdacht. Es gelang ihnen, sich seinem „Bann“ zu entziehen, indem sie unter sich Informationen über seine Behandlung austauschten. So fanden sie z.B. heraus, dass teilweise völlig verschiedene Beschwerden die gleiche gynäkologische Behandlung erfuhren.

 

 

1965 wurden seine Kriegsaktivitäten in der „Ondergang. De vervolging en verdelging van het Nerderlandse jodendom 1940-1945” – “The Destruction of the Dutch Jews, New York, 1969) dargestellt. Der Autor, der jüdische Historiker J. Presser, verklärte F. Weinreb zum Helden. Sein Urteil basierte auf einzig auf Weinrebs Niederschriften, die er während seines Nachkriegsprozesses niederlegte und in denen er seine Aktivitäten als Versuch zur Rettung von Glaubensgenossen beschrieben hat. Unglücklicherweise versäumte es J. Presser, F. Weinrebs Gerichtsakten von 1945-1948 zu studieren. Die Journalistin Renate Rubinstein und der Publizist Aad Nuis bemühten sich ebenfalls um Weinrebs Rehabilitation. Zusammen mit anderen gesellschaftskritischen Kreisen betrachteten sie Weinreb als einen Helden, der während der deutschen Besetzung tat, was kaum ein anderer gewagt hatte. Seine außerordentlichen Aktionen seien ein Symbol für alternativen und ungewöhnlichen Widerstand, der auf List und Betrug, anstatt auf Waffen und Gewalt basierte. Nach der Herausgabe von Weinrebs Memoiren begann die öffentliche Debatte erst richtig. Besonders die Autoren W. F. Hermans und Henriette Boas, ein jüdischer Lehrer für Latein und Griechisch, Freizeithistoriker und Korrespondent für diverse israelische Zeitungen, wurden scharfe Gegner von Weinreb und seinen Verteidigern.

 

Das Untersuchungsergebnis des Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie war nachteilig für Weinreb. Aber der Staatssekretär für Bildung und Wissenschaft, G.Klein, verweigerte die Erlaubnis, den Report herauszugeben trotz eines Versprechens von 1970, die Ergebnisse der Studie zu veröffentlichen. Erst nachdem Justizminister van Agt die Verantwortung übernahm, konnte der Report 1976 veröffentlicht werden. Dank seiner erstarb die Debatte allmählich. Einige kritisierten Punkte wurden nochmals untersucht, wodurch die vorliegenden Ergebnisse erneut bestätigt wurden. Diese neuen Fakten wurden in den Anhang zum Weinreb-Report festgehalten, der als Teil des parlamentarischen Verfahrens 1981 veröffentlicht wurde. Der Anhang erhielt außerdem eine Antwort auf das Buch Das Monster im Wohnzimmer von Aad Nuis, der 1979 versucht hatte, den Weinreb-Report als falsch hinzustellen. Die Affäre endete offiziell, aber unbefriedigend, als 1981 J. Voogd, ein Abgeordneter der sozialistischen Partei (PvdA) in einer Rede im Parlament die Diskussion um Weinrebs Kriegszeit für unentschieden erklärte.

 

Die positive Reaktion der bedrohten Juden auf Weinrebs Immigrationsliste entsprang hauptsächlich ihrem gemeinsamen osteuropäischen Hintergrund und Weinrebs gutem Ruf innerhalb der jüdischen Bevölkerung Scheveningens. Allerdings beruhte dieser Ruf hauptsächlich auf seinen größenwahnsinnigen Phantasien über seine Arbeit und Studien. Vielmehr noch machte die Verfolgung durch die Nazis die ängstlichen Juden zu einer leichten Beute für Weinrebs Märchen über Sonderzüge, die sie in die Freiheit bringen würden. Schlussendlich entsprang der Glaube an F. Weinreb mehr der Verzweiflung als dem Vertrauen in ihn.

 

Zwischen 1945-1948 basierte das Vertrauen der Unterstützer Weinrebs auf dessen eigenen Angaben über seine Aktivitäten während der Besetzung Hollands. Manche davon enthielten groteske Verzerrungen der Realität. Seine Verteidiger (seine Frau, einige Vorkriegsfreunde und seine beiden Anwälte) versuchten die Unterstützung hochrangiger Politiker und Journalisten zu erhalten. Weinreb und seine Verteidiger diffamierten die vehemente Kritik an ihm damit, dass er die Namen vieler hochrangigen Holländer kenne, die mit den Nazis kollaboriert hätten, der Enttäuschung über die Entwicklung der Nachkriegsgesellschaftsordnung und -politik sowie offensichtlichem Antisemitismus.

 

Weinrebs öffentliche Anerkennung in den 60er und 70er Jahren war von der Tatsache bestimmt, dass seine Berichte über seine Widerstandsbemühungen während des Krieges mit neuen Deutungen zu Besetzung, Widerstand und Kollaboration übereinstimmten, die in den Niederlanden zu dieser Zeit an Popularität gewannen. Wegen seiner eigenen Aussagen hinsichtlich Bürokratie, kollektiver Verantwortung für die öffentliche Ordnung und friedlichen Widerstand erschien Weinreb selbst als ein Beispiel dafür, wie es 20 Jahre früher möglich gewesen war, erfolgreich einen moralisch korrekten Weg des Widerstandes zu gehen.

 

Nach den 60er Jahren spielte er in der akademischen Wahrnehmung des Zweiten Weltkrieg kaum eine Rolle, ebenso wenig im Disput über moralisch gute und schlechte Handlungsweisen während des Krieges. Trotzdem hat er die öffentliche Meinung wahrscheinlich beeinflusst. Die Tatsache, dass heutzutage die Idee einer Kollektivschuld für die Judenverfolgung populär ist, hat mit einem Meinungsumschwung in der Diskussion über den Zweiten Weltkrieg zu tun, bei der Weinrebs Autobiographie in den späten 60ern und frühen 70ern eine Rolle spielte.

 

Zum Schluss ist die Frage zu stellen, wie Weinrebs Persönlichkeit und seine persönliche Geschichte zu interpretieren ist. Als Kind war er ein Flüchtling. Später schienen Größenwahn, Phantastereien, Betrug und Intrigen seine Reaktionsmuster auf eine Welt zu sein, die ihn unsicher machte und die er bedrohlich fand. Sexuelle Abweichungen, Machtmissbrauch, Paranoia und Verbitterung verfestigten sich als Teil seiner mentalen Verfassung.

 

War also Weinreb geistig gestört? Können seine Taten als Symptome einer psychischen Störung interpretiert werden? Soweit es ohne psychiatrische Untersuchung aus seinem Lebenslauf möglich ist Schlussfolgerungen zu ziehen, sind drei psychiatrische Aspekte festzustellen: die narzisstische Persönlichkeitsstörung, Symptome pseudowissenschaftlicher Phantasien und das Phänomen des Guru. Zusammenfassend ist der Schluss zu ziehen, dass, wenn eine Persönlichkeitsstörung als Krankheit betrachtet werden kann, Weinreb tatsächlich krank war. Aber – Friedrich Weinreb war nicht nur krank, ein Schurke und Geschichtsfälscher, sondern er war auch ein Opfer des Krieges und seiner eigenen Unfähigkeit mit der Realität angemessen umzugehen.



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