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Die Mythen der Besatzungszeit

Ein kleines, aber entschlossenes Volk, das durch seine geistige Stärke aus den Kämpfen des Zweiten Weltkriegs ungebrochen und gereinigt hervorgeht: Das war lange Zeit das Bild, das viele Niederländer von ihrer Nation hatten. Inzwischen gibt es Ansätze, solche Legenden kritisch zu hinterfragen.

Von Frieso Wielenga

 

Bis zum heutigen Tag gelten die deutsch-niederländischen Beziehungen in politisch-psychologischer Sicht vielfach als "mühsam", "problematisch" und "schwierig". Deutsche Botschafter, die sich auf den Wechsel nach Den Haag vorbereiten, lesen in ihren Instruktionen regelmäßig über die tiefen Wunden, die die Jahre 1940 bis 1945 in den Niederlanden hinterlassen haben.Ebenfalls vor diesem Hintergrund galten die Niederlande 1989/1990 als ein Land mit großem Vorbehalt gegen die deutsche Vereinigung. "Ministerpräsident Ruud Lubbers vertrat ein Volk, das unter der deutschen Besetzung besonders gelitten hatte", erinnerte Bundeskanzler Helmut Kohl sich später und meinte, dass für die niederländische Haltung die Erinnerung an die Kriegsjahre maßgebend gewesen sei. Auch wenn es in den Niederlanden viel mehr Zustimmung zur deutschen Einheit gab, als in Deutschland gedacht wurde, trifft es sicherlich zu, dass die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg das bilaterale Verhältnis über Jahrzehnte stark geprägt haben. "Nur eines erwartet der Holländer", schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung 1952: "Dass der Deutsche das dem Holländer während der Besatzung zugefügte Leid anerkennt und dass er die kämpferische Haltung des Holländers gegenüber einem blutigen Tyrannen achtet." Gegen die Behauptung, es habe in den Niederlanden während der Besatzung eine kämpferische Haltung gegeben, lässt sich vieles einwenden, aber die FAZ gab damit eine zutreffende Charakterisierung des niederländischen Umgangs mit dem Zweiten Weltkrieg, der im kollektiven niederländischen Bewusstsein bis in die neunziger Jahre dominieren sollte: Der Widerstand gegen die Nazis wurde in den Vordergrund gestellt, und Deutschland musste einsehen, dass es materiell und immateriell viel gutzumachen und eine schuldbewusste und entgegenkommende Haltung einzunehmen hatte.

 

"Klein aber tapfer"

Kennzeichnend für diesen Umgang waren die Begriffe "Gut" und "Böse", überliefert aus der Besatzungszeit selber, die damals – kurz formuliert – Widerstand und Kollaboration voneinander getrennt hatten. Nach 1945 pflegte die Mehrheit der Niederländer die Erinnerungen an den Widerstand, identifizierte sich mit den "Guten" der Kriegsjahre, und es verstärkte sich das nationale Selbstbild, das der niederländische Geschichtsprofessor Hans Blom zutreffend als "klein-aber-tapfer" umschrieben hat. Ein Selbstbild, das bereits älteren Datums war und auch die Geschichtsbilder über den Kampf gegen Spanien (1568 bis 1648) und über die Selbstbehauptung gegen Frankreich und England im Goldenen Zeitalter dominiert hatte. Entschlossenheit und Tapferkeit wurden darin zu nationalen Charaktermerkmalen hochstilisiert, die in Krisenzeiten die Nation zusammenführen und diese gestärkt aus dem Kampf hervorgehen lassen.

 

Allerdings verringerte sich etwa drei Jahre nach der Befreiung das Interesse für die Kriegszeit: Der Kalte Krieg, die Indonesien-Frage und der Wiederaufbau führten dazu, dass in den fünfziger Jahren der Blick mehr auf die Gegenwart und Zukunft als auf die Vergangenheit gerichtet war. Um 1960 zeigte sich in vielen westlichen Ländern, dass der Zweite Weltkrieg doch noch viel näher war, als viele in den fünfziger Jahren gedacht hatten oder zuzugeben bereit gewesen waren. Auch in den Niederlanden wuchs nach dieser relativ stillen Phase der Erinnerung das Interesse an den Kriegsjahren. Besonders prägend für die weitere Entwicklung des kollektiven niederländischen Bewusstsein war die zwischen 1960 und 1965 im Fernsehen ausgestrahlte Dokumentarserie "De Bezetting" ("Die Besatzung"). Moderiert vom langjährigen Direktor des "Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie" (RIOD), Lou de Jong, der zwischen 1969 und 1989 eine umfangreiche zwölfteilige Geschichte der Niederlande während der Besatzungszeit vorlegen sollte, verstärkte die Serie das kollektive Selbstbild: " Die ‚Bezetting‘ war die Geschichte der Vergewaltigung eines unschuldigen Volkes", schrieb später der Historiker Frank van Vree unter Benutzung von Begriffen aus der Serie selbst, "das aber durch seine geistige Stärke und Unbeugsamkeit, unter der beseelten Führung seiner Monarchin, das Böse besiegt und im Prinzip ungebrochen und gereinigt aus diesem Kampf hervorgeht. Der Preis ist hoch, aber die Gerechtigkeit triumphiert."

 

In Verbindung mit der eindringlichen Präsentation De Jongs, dem fließenden Übergang von individuellen zu nationalen Identifikationsmomenten und der langen Zeit, über die die Ausstrahlung sich erstreckte – einer Zeit, in der sich viele Menschen Fernsehgeräte anschafften – lieferte die Serie genau das Geschichtsbild, das viele gern bestätigt sahen. Es gab jedoch auch Kritik, und nicht jeder fühlte sich wohl bei diesem "Klein-aber-tapfer"-Image. Manche riefen zum Argwohn gegenüber der niederländischen Selbstgenügsamkeit und zur Erforschung der Kollaboration auf. Wie berechtigt diese Forderung war, zeigte das 1965 veröffentlichte Buch "De ondergang" ("Der Untergang"), das das Schicksal niederländischer Juden beschrieb und das Versagen der niederländischen Bevölkerung beim Schutz der verfolgten Juden anprangerte. Wie war es möglich, dass in den Niederlanden nur 20 Prozent der Juden überlebt hatten, ein viel geringerer Prozentsatz als in anderen westlichen Ländern? Wie war zu erklären, dass im internationalen Vergleich verhältnismäßig die meisten SS-Freiwilligen aus den Niederlanden gekommen waren? Das waren kritische Fragen, die sich die Historiker zwar stellten, aber an der großen Mehrheit der Bevölkerung vorbeigingen: Die Vorbildfunktion des Widerstands wurde weiterhin als wichtiger Bestandteil der nationalen Identität gepflegt.

 

Das Bild von "Gut" und "Böse" durchbrechen

Eine neuer Versuch zu mehr Differenzierung kam Anfang der achtziger Jahre. Der bereits erwähnte Historiker Blom, plädierte für eine Durchbrechung der vereinfachten Betrachtungsweise von "Gut" und "Böse". Damit versuchte er nicht nur, von dem noch immer stark moralisierenden Umgang mit der Besatzungszeit wegzukommen, sondern auch die Geschichtsschreibung für weitere neue Fragen zu öffnen, zum Beispiel nach dem Alltagsleben der großen Mehrheit der Bevölkerung, die weder "Gut" noch "Böse" gewesen war, sondern vor allem versucht hatte zu überleben. Unter Historikern war dieses Plädoyer anfänglich nicht unumstritten, schon bald entstand in der "Zunft" jedoch ein breiter Konsens über die Richtigkeit dieses Ansatzes.

 

Bloms Plädoyer war vor allem an die Historiker gerichtet gewesen, und es wundert nicht, dass es noch dauern sollte, bis auch die breitere Öffentlichkeit sich damit anfreunden konnte. Von großer Bedeutung in dieser Hinsicht waren drei Ansprachen von Königin Beatrix im Jahre 1994/1995. In ihrer Weihnachtsansprache von 1994 erinnerte sie an den deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus und trat für einen ehrlichen Rückblick in den Niederlanden selbst ein: "Der Widerstand war nicht allgemein; ja, die meisten entschieden sich dafür, so normal wie möglich weiterzuleben, in der Hoffnung, selbst zu überleben. Sie schauten darum manchmal in die andere Richtung, wenn am hellen Tag düstere Dinge geschahen. Später trugen sie die verborgene Scham mit sich mit." Im März 1995 sprach sie bei einem Staatsbesuch in Israel ähnliche Sätze, und am nationalen Befreiungstag (5.Mai) hielt sie auf einer Gedenkversammlung den Niederländern vor, dass in Deutschland seit 1945 viele der eigenen Geschichte "ohne mildernde Worte" ins Auge hätten blicken wollen. So versuchte die Königin, das zugespitzte Bild von "Gut" und "Böse" über die Jahre 1940 bis 1945 zweifach zu durchbrechen: sowohl hinsichtlich der nationalen Erinnerung an die Besatzungszeit als auch bezogen auf den Kontrast zwischen den "guten" Niederlanden und dem "bösen" Deutschland. Königin Beatrix erhielt viel Zuspruch, und die positive Resonanz zeigte, dass 50 Jahre nach Kriegsende viele Niederländer nun bereit waren, die lange Zeit dominierenden Mythen und Legenden hinsichtlich der Besatzungszeit kritisch zu hinterfragen.

 

Überblickt man die vielen Jahre, die die Niederlande dafür gebraucht haben, und vergleicht man dies mit dem westdeutschen Umgang mit der Vergangenheit, so könnte man behaupten, dass die Bundesrepublik viel früher angefangen hat, sich konstruktiv und kritisch mit der eigenen Geschichte auseinander zu setzen. Folgt man diesem Gedanken, dann hätten die Niederländer, die für sich selbst (und nicht zuletzt gegenüber der Bundesrepublik) so gerne eine internationale Vorbildfunktion in Anspruch nehmen, gerade in dieser Hinsicht vom östlichen Nachbarn lernen können.

http://cms.ifa.de/ro/pub/kulturaustausch/archiv/zfk-1999/die-zukunft-der-erinnerung/wielenga/

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