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Ein Volk im Widerstand?  Ein Volk von Kollaborateuren?

Reaktionen von Niederländern auf die deutsche Besatzung

 

Von Dr. Harald Fühner

 

Lange schien er unzerstörbar – der Mythos vom einigen Widerstand der niederländischen Bevölkerung gegen die deutschen Besatzer. Heutzutage aber hat man manchmal den Eindruck, dass er durch einen anderen Mythos abgelöst wird – den von der einigen Kollaboration. Doch welche Farbe beschreibt die Reaktionen der Niederländer nun am besten: schwarz, weiß oder grau? Bis tief in die sechziger Jahre schien für die Niederländer alles klar: Die Besatzungszeit war eine schwere Herausforderung gewesen, aber als Volk war man standhaft geblieben. Der kleine Prozentsatz von Mitgliedern der Nazi-Partei NSB, diese Helfer der Feinde, bildete die umso verachtenswertere Ausnahme von der Regel. Der einzige Proteststreik gegen die Judenverfolgung in Europa hatte im Februar 1941 in Amsterdam und Umgebung stattgefunden. Eine Unzahl illegaler Zeitungen war erschienen (wie beispielsweise die Trouw, Abbildung). Mehr als drei Viertel aller Studenten hatte sich geweigert, ihre Loyalität gegenüber den Besatzern zu erklären – was sie vor die Wahl gestellt hatte, unterzutauchen oder zum Arbeitseinsatz eingezogen zu werden. Das waren Ereignisse und Tatsachen, an denen sich ein ganzes Volk aufrichtete.

 

Umkehr des Geschichtsbildes

Ab Ende der sechziger Jahre bekam dieses Bild langsam Löcher. Zunächst in Form von Kritik an der allzu weit reichenden Kooperation der Eliten mit den Besatzern, „um Schlimmeres zu verhindern“. Weitere Tatsachen wurden bekannt und nach und nach auch diskutiert: Eichmanns Aussage, in den Niederlanden sei bei der Judenverfolgung alles „wie am Schnürchen“ gelaufen. Der Umstand, dass es in den Niederlanden mehr Freiwillige für den deutschen Kriegsdienst gegeben hatte als Widerstandsangehörige im engeren Sinne. Das Faktum, dass sich niederländische Firmen um deutsche Aufträge gedrängelt und sie prompt erledigt hatten. Schließlich blieb nicht einmal Königin Wilhelmina, Ikone des Widerstandes, von der „Aufklärung“ verschont. Die Historikerin Nanda van der Zee warf ihr 1997 vor, durch ihre Flucht nach London die Judenverfolgung begünstigt zu haben. Nuancierter äußerte sich Chris van der Heijden, ein anderer Historiker. Er beschrieb die Besatzungszeit in einem Buchtitel von 2001 als „Graue Vergangenheit“. Beide, van der Zee und van der Heijden, bekamen Gegenwind durch den Journalisten Dick Verkijk. Dieser sparte nicht mit Breitseiten gegen die „Neo-Historiker“ und verteidigte die Kriegsgenerationen gegen den Vorwurf der „Schlappheit“. Die Debatte um Kollaboration und Widerstand ist nicht abgeschlossen. Zu sehr besteht weiter das Bedürfnis, Taten in die moralischen Kategorien von gut und schlecht, schwarz und weiß einzuordnen. Und hier wird es immer streitenswerte Zweifelsfälle geben.

 

Kommunikationsprobleme

Diese moralischen Bedürfnisse bedeuten auch Grenzen für die Bemühungen von Fachhistorikern. Sie verweisen darauf, dass die Fixierung auf moralische Kategorien allzu häufig das Verständnis von Vorgängen aus der Besatzungszeit erschwert. Und sie haben eigene Begriffe für Zwischenkategorien geprägt: „Akkomodation“ für die bereitwillige Anpassung an die durch die Besatzungsherrschaft gegebenen Umstände und „Resistenz“ für eine Unzugänglichkeit gegenüber nationalsozialistischen Verlockungen, die nicht zu einem vollwertigen Widerstand führt. Doch der Erfolg der Begriffe ist begrenzt geblieben. Moralische Etiketten im Stile von „willige Vollstrecker“ haben einfach mehr Zugkraft, und so reden Fachhistoriker und Publikum oft genug aneinander vorbei. Das ist vor allem deshalb zu bedauern, weil Akkomodation und Resistenz das Verhalten der meisten Niederländer viel genauer beschreiben als Kollaboration und Widerstand. Wenn man etwa den Begriff Widerstand schon für die bekannte Situation anwendet, dass einem deutschen Soldaten ein falscher Weg zum Bahnhof gewiesen wird (Dick Verkijk tut dies), führt man den Begriff durch seinen übermäßigen Gebrauch in die vollkommene Bedeutungslosigkeit. Auf der andere Seite war auch nicht jede Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern eine verachtenswerte Kollaboration.

 

Das Beispiel Judenverfolgung

Aus den Niederlanden wurden besonders viele Juden verschleppt und ermordet – mehr als 75 %, ein so hoher Prozentsatz wie sonst nirgends in Westeuropa. Aber dies war nicht allein Folge verwerflicher Kollaboration durch Niederländer und besonderer Entschlossenheit der deutschen Besatzer. Beides hat es gegeben, aber beides allein erklärt nicht den dramatischen Umfang des Völkermordes. Eine Rolle spielte z.B. auch, dass Gehorsam gegenüber Autoritäten in den Niederlanden traditionell als Tugend geschätzt wurde – was dem Bild, das die meisten Deutschen von den Niederländern heute haben, sicherlich widerspricht. Misstrauen gegen den Staat war, anders als im Nachbarland Belgien, kaum verbreitet. So blieb die Sabotage staatlicher Maßnahmen aus, selbst als diese von den Deutschen angeordnet wurden und die Deportation von Juden bedeuteten. Außerdem fehlte – auch dies im Gegensatz zu Belgien – die Möglichkeit, unerwünschte Anordnungen in einem Kompetenzwirrwarr eigener Institutionen versacken zu lassen. Der niederländische Staat war einfach zu effizient und zu straff organisiert. Und für die niederländischen Juden wirkte sich die viel gerühmte Toleranz der Vorkriegszeit tragisch aus. Bis 1940 waren sie weitgehend akzeptiert worden, und so war ihnen das Gespür für möglicherweise drohende Gefahren verloren gegangen. Sie hatten sich in falscher Sicherheit gewiegt und beruhigten sich oftmals, bis es zu spät war.

 

Genauer hinsehen

Damit ist es noch lange nicht Zeit, Schwarz und Weiß als Teile einer Zeichnung der Besatzungszeit ganz auszuschließen. Es hat verwerfliche Kollaboration und heldenhaften Widerstand gegeben. Aber in vielen Fällen hält ein schnelles moralisches Urteil dem genaueren Blick nicht stand. So hat es nach Ausführungen des führenden Kriegshistorikers Lou de Jong mehr niederländische Kriegsfreiwillige auf deutscher Seite gegeben als Widerstandsangehörige. Das hängt aber auch damit zusammen, dass De Jong hier eine besonders enge Definition des Begriffs Widerstandskämpfer verwendet. Selbst Menschen, die Untergetauchten Obdach boten, gehörten demnach noch nicht zum Kern derer, die Widerstand leisteten. Und immer wieder einmal wird angeführt, dass nirgendwo sonst ein so hoher Anteil der Bevölkerung in deutschen Kriegsdienst eintrat wie in den Niederlanden. Das ist zwar völlig richtig, aber wenn man sich die konkreten Zahlen ansieht, verblasst das Argument. Laut internen Statistiken der SS hatten sich bis zum 30. Juni 1943 0,152 % aller Niederländer zur SS beworben und waren als tauglich gemustert worden; von allen Norwegern hatten 0,151 % diesen Schritt getan, von den Dänen 0,1245 % und von den Flamen 0,116 %.

 

Vage Aussagen

So müssen die Aussagen über Kollaboration und Widerstand durch das niederländische Volk vage blieben – für viele sicher unbefriedigend vage. Und es bleibt jedem selbst überlassen, ob er von einem halbvollen oder einem halbleeren Glas sprechen will. Denn auf der einen Seite blieb die niederländische Bevölkerung für die Ideologie des Nationalsozialismus insgesamt unempfänglich. Deutsche Lageberichte aus der gesamten Kriegszeit weisen dies überdeutlich aus. Auf der anderen Seite reichte die Haltung der Mehrheit nicht über Resistenz hinaus. Den meisten ging es darum, die Besatzungszeit unbeschadet zu überstehen und soweit möglich einen halbwegs normalen Alltag aufrecht zu erhalten. Der Widerstand fand erst mehr Anhang, als die Kriegslage sich gegen die Deutschen wendete und die Gefahr in Form des Arbeitseinsatzes auch für die Normalbevölkerung real wurde. Ein Großteil der Juden war zu diesem Zeitpunkt bereits deportiert worden. So müssen für ein Bild der Besatzungszeit zwar durchaus auch Schwarz und Weiß Verwendung finden. Aber dominierend muss, wie von Chris van der Heijden zurecht konstatiert hat, doch Grau sein. (hf)

http://www.uni-muenster.de/HausDerNiederlande/Zentrum/Projekte/NiederlandeNet/NL-Info/Geschichte/1940_1945/widerstand_kollaboration.html

 

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