Judenverfolgung in den Niederlanden

Von Dr. Harald Fühner

 

Die Niederlande, das „Polen des Westens“. So heißt es manchmal, wenn sich der Blick auf die Zeit der deutschen Besatzung richtet. Anlass ist das Ergebnis der Judenverfolgung in diesem Land. Von den rund 140.000 „Volljuden“, die 1940 in den Niederlanden lebten wurden mehr als drei Viertel ermordet, so viel wie in keinem anderen westeuropäischen Land. Anfangs standen die Zeichen nicht auf Sturm. Im Gegenteil. Freudig wurde die Äußerung aus deutschen militärischen Kreisen weitergetragen, die „Judenfrage“ sei in den Niederlanden nicht existent. Und bei seinem offiziellen Amtsantritt am 29. Mai 1940 erklärte Reichskommissar Arthur Seyß-Inquart als Chef der deutschen Zivilverwaltung, dass die Besatzer die niederländischen Gesetze so weit wie möglich respektieren würden. Rund drei Wochen nach dem deutschen Überfall auf die Niederlande schien es an der Zeit, Entwarnung zu geben. Mochten die Juden in Deutschland auch auf übelste Weise unterdrückt werden – für die Niederlande schienen derartige Horrorvisionen gegenstandslos.

„Juden sind keine Niederländer“

Es war eine falsche Sicherheit, in der die Niederländer ihre jüdischen Mitbürger wähnten. Seyß-Inquart selbst machte am 12. März 1941 auf den entscheidenden Punkt aufmerksam, den die meisten übersehen hatten: Seine Versicherung zur Achtung der Gesetze galt eben nur für die Niederländer. Juden aber waren aus deutscher Sicht keine Niederländer, sondern schlicht Feinde. Als der Reichskommissar hierauf hinwies, war längst klar, dass die Juden in den Niederlanden genauso verfolgt wurden wie im Deutschen Reich. Denn die Besatzer hatten eine Reihe antisemitischer Maßnahmen ergriffen. Unschuldig wirkende, kaum als anti-jüdisch zu erkennende zunächst, dann immer schärfere. Im Oktober 1940 mussten die niederländischen Staatsbediensteten eine „Ariererklärung“ unterzeichnen, d.h. sie mussten Auskunft über eine eigene Zugehörigkeit zum Judentum und über jüdische Eltern und Großeltern geben. Der Rücklauf betrug fast 100 %, denn der Sinn der Erklärung blieb den meisten unklar, und eine Verweigerung bedeutete Entlassung. Nur 7 Wochen nach Austeilung der Formulare durften Juden nicht mehr im öffentlichen Dienst tätig sein. Die Besatzer duldeten keine „Feinde“ im niederländischen Staatsapparat – die Bezüge wurden übrigens zunächst weiterbezahlt. Anfang 1941 mussten sich die Juden in den Niederlanden registrieren lassen. Die Besatzer planten weitere antisemitische Maßnahmen. Dafür mussten sie jedoch zunächst wissen, mit wem sie es eigentlich zu tun hatten.

Der Februarstreik

Im Februar 1941 folgte der erste Höhepunkt der Judenverfolgung, der aber auch ein Höhepunkt des Widerstandes war. Niederländische Nationalsozialisten hatten wochenlang im Judenviertel Amsterdams provoziert, Bewohner hatten sich gewehrt, die Anspannungen nahmen immer weiter zu. Am 19. Februar schließlich wurde der Einfall einer deutschen Patrouille in einen Eissalon mit dem Einsatz von Ammoniakgas beantwortet. Daraufhin sperrten die Besatzer das Judenviertel ab, trieben zumeist jüngere Männer zusammen und deportierten mehr als 400 von ihnen über Buchenwald in den berüchtigten Steinbruch des KZ Mauthausen. Nur ein einziger kehrte lebend zurück. Die Amsterdamer Bevölkerung antwortete mit einem beeindruckenden Proteststreik, der mit stillstehenden Straßenbahnen begann und auch auf das Umland übergriff. Nachdem der Streik am zweiten Tag gewalttätig niedergeschlagen worden war – es gab 9 Tote und 45 Verletzte –, sollte es allerdings nicht nur der erste, sondern auch der einzige seiner Art bleiben.

Isolierung und Deportationen

Die Vorfälle vom Februar 1941 waren noch nicht der Anfang massenhafter Deportationen. Zunächst, zwischen März 1941 und Mai 1942, wurden die Juden immer weiter isoliert, immer weiter in die Enge getrieben. Sie mussten ihre Radios abliefern, durften nicht mehr in Theater und Kinos und ebenso wenig in öffentliche Schwimmbäder, sie durften keine Straßen- und Eisenbahnen mehr benutzen und nicht mehr Fahrrad fahren. Jüdischen Ärzten, Apothekern und später auch Lehrern wurde es verboten, für Nicht-Juden zu arbeiten. Und jüdische Vermögen mussten auf Sperrkonten bei der Bank Lippmann-Rosenthal deponiert werden – nichts anderes als die Vorstufe zur Enteignung. Dass dies noch nicht das Ende der antisemitischen Verordnungen bedeutete, war jedem Juden klar, so der Historiker Jacques Presser. Aber niemand wollte glauben, dass die Besatzer bis zum Äußersten gehen würden. Bitter fügt Presser hinzu: „Sie wussten es noch nicht.“

 

Ab Juli 1942 wurden auch die letzten Hoffnungen zerstört, dass alles nicht so schlimm werde. Es begann die Kernphase der Deportationen, die als Aufrufe zum „Arbeitseinsatz im Osten“ getarnt wurden. Nach kurzer Zeit befolgte nur noch ein kleiner Teil der Aufgerufenen die Anordnungen. Inzwischen war klar, dass auch die angedrohten „schwersten Strafen“ nicht schlimmer sein konnten als das Los, das im „Osten“ wartete. Auf die Verweigerung reagierten die Besatzer mit Razzien. In den großen Städten, wo die meisten Juden wohnten, holten deutsche und auch niederländische Polizisten ihre Opfer aus deren Häusern und brachten sie zu einem Sammelplatz. Glückliche bekamen noch einmal eine Schonfrist, Unglückliche mussten nach Westerbork. Bis zum September 1943 wurden praktisch alle Juden, die sich nicht versteckt halten konnten, dorthin gebracht. Das Lager war die letzte Durchgangsstation in den Niederlanden. Nach der Ankunft folgte noch einmal eine Zeit in höchster Anspannung, zwischen Hoffen und Bangen. Wer in Westerbork bleiben durfte, konnte sich seines Lebens noch sicher sein. Denn es handelte sich nicht um ein KZ und erst recht nicht um ein Vernichtungslager. Doch einmal pro Woche fuhr ein Transport nach Theresienstadt oder – viel schlimmer und viel häufiger – in eines der Todeslager Auschwitz oder Sobibor. Und von dort gab es für fast niemanden ein Zurück.

Letztes Update: 25. Juni 2007

Foto: Judenstern, Quelle: Nationaal Archief

http://www.uni-muenster.de/HausDerNiederlande/Zentrum/Projekte/NiederlandeNet/NL-Info/Geschichte/1940_1945/judenverfolgung.html

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