Polizeibataillon 105

 

Aus: Stefan Klemp, „Nicht ermittelt" - Polizeibataillone und die Nachkriegsjustiz. Ein Handbuch, Klartext Verlag - Essen 2005, S. 220-223.

 

Das Polizeibataillon 105 wurde gemäß eines Erlasses des Reichsführers SS und Chefs der Deutschen Polizei Heinrich Himmler vom 20. September 1939 in Bremen als "Ergänzungs-Bataillon II" aufgestellt. Kommandeur wurde der Major Hans Helwes. Die Kompanie-, Zug- und Gruppenführer waren aktive Polizisten, die Mannschaften setzten sich aus Reservisten zusammen. Am 7. Oktober 1939 wurde das Bataillon in Polizeibataillon 105 umbenannt. Nach der Ausbildung wurde das Bataillon auf Anordnung von Heinrich Himmler am 1. Mai 1940 ins KdF-Bad Rügen verlegt. Von dort wurde das Bataillon nach Norwegen transportiert und war in Oslo stationiert. Im Februar 1941 kehrte das Bataillon nach Bremen zurück.482 Vom 28. Mai 1941 bis Mai 1942 war das Polizeibataillon 105 im Osteinsatz. Es stand unter dem Kommando der 207. Sicherungs-Division der Wehrmacht. Die Aufgaben des Bataillons umschreibt die Staatsanwaltschaft Bremen wie üblich mit „Partisanenbekämpfung".483 Außer von der 207. Sicherungs-Division erhielt das Bataillon Befehle vom Kommandeur des rückwärtigen Heeresgebietes („Korück"), General Knuth, der in Wolosowo saß. Der Stab des Bataillons 105 war im Winter 1941/42 in Kempolowo untergebracht. Die 1. Kompanie lag zeitweise in Wolosowo, die 2. in Kempolowo und die 3. in Klopizy. Darüber hinaus waren die Kompanien meistens getrennt im gesamten Nordabschnitt Russlands, im Raum Leningrad, eingesetzt.

 

Im Mai 1942 wurde das Bataillon aus dem Osten nach Holland verlegt. Am 21. Juli 1942 regelte ein Schnellbrief die Eingliederung des Polizeibataillons 105 als III. Bataillon in das Polizei-Regiment 12. Dort verblieb es bis zum 29. März 1943, als der Chef der Ordnungspolizei einen „Bataillonstausch" anordnete.484 Nun trat das Polizeibataillon 105 (bisher III. Bataillon des Polizeiregiments 12), das seinerzeit in den Niederlanden eingesetzt war, als III. Bataillon zum Polizeiregiment 3, das ebenfalls in Holland eingesetzt war. Das alte III. Bataillon des Polizeiregiments 3 dagegen, das in Hamburg lag, trat als Ersatz für das Polizeibataillon 105 als III. Bataillon zum Polizeiregiment 12. Die Staatsanwaltschaft Bremen interpretierte diesen Vorgang allerdings so, als sei das Regiment 12 durch Schnellbrief des Chefs der Ordnungspolizei in SS-Polizeiregiment 3 umbenannt worden. Das Polizeibataillon 105 blieb bis Kriegsende III. Bataillon im Polizeiregiment 3. Oberst Hans Otto Karl Böhmer war Kommandeur des Polizeiregiments 3. Standorte waren Den Haag und später Tilburg.

 

Zu den Aufgaben der Polizeibataillone gehörten Streikbekämpfung, Razzien zur Festnahme von Juden und Arbeitsverweigerern, Einsatz als Transportkommando zum Durchgangslager Westerbork und von dort in die Vernichtungslager des Ostens. Die Polizeibataillone stellten auch Erschießungskommandos. Das Polizeibataillon 105 hatte insbesondere mit dem Transport in die Konzentrationslager zu tun. Ferner war es zur Bewachung des Lagers Westerbork eingesetzt. „Von den vernommenen Zeugen haben die meisten Beamten die Judentransporte begleiten müssen."485 Vernommen worden genau 226 Bataillonsangehörige, 27 hatten die Aussage verweigert. Diese Zahlen verdeutlichen den Grad der Teilnahme des Bataillons an der Judenvernichtung, zumal viele der Transporte nach Auschwitz führten.

 

Die Angehörigen des Polizeibataillons 105 wurden folgender Verbrechen beschuldigt:

1.        Kempolowo, Erschießung von 25-28 Insassen des Kriegsgefangenenlagers Kempolowo,                                          Raum Leningrad, Oktober/November 1941

2.        Senino, 22. Dezember 1941, 2. Kompanie, Erschießung von Zivilisten

3.        Senino, nach dem 22. Dezember 1941, Erschießung von 20-30 Kriegsgefangenen

4.        Transporte von Westerbork nach Auschwitz.

 

Die Ermittlungen wurden in allen Fällen eingestellt. Tatkomplex 1 wurde als Erschießung von Partisanen gewertet, die rechtmäßig zum Tode verurteilt worden seien. Zudem habe Bataillonskommandeur Helwes nur übergeordnete Befehle ausgeführt. Die Frage, ob die Tatumstände grausam waren, wurde nicht diskutiert. Tat Nr. 2 wurde nicht weiterverfolgt, weil sie nur von einem Zeugen geschildert wurde. Tat Nr. 3 wurde nach Angaben der Staatsanwaltschaft, die sich auf Zeugen aus dem Polizeibataillon 105 berief, von einem einzelnen Polizisten namens Haegquist begangen. Träfe das zu, hätte dieser eine Mann 25 bis 30 sowjetische Soldaten erschossen. Der angebliche Einzeltäter war aber am 30. Januar 1942 in Russland verstorben. Tat Nr. 4 wurde nicht weiter verfolgt, weil angeblich keine Beweise dafür zu erbringen gewesen seien, dass Bataillonschef Helwes und Angehörige des Polizeibataillons 105 über den Charakter der „Endlösung" informiert waren, als sie die Deportationszüge auf dem Weg nach Auschwitz bewachten. Allerdings hatte ein Polizist ausgesagt, dass ihn SS-Leute in Auschwitz über die dort vor sich gehende Massenvernichtung informiert hatten. Laut Staatsanwaltschaft hätten die Polizisten nicht annehmen können, dass die Erzählungen von Seiten der SS richtig waren.

 

In diesem Zusammenhang ist auch darauf hinzuweisen, dass selbst die niederländischen Ermittler in den 1960er Jahren glaubten, dass sie keine Beweise für ein Wissen der Polizisten über den Hintergrund ihrer Transporteinsätze hätten. Nun allerdings liegen solche Beweise vor. Im Rahmen der Historikertagung im Amsterdamer NIOD zum Thema Polizei im Dritten Reich in den Niederlanden im Oktober 1999 sagte AJ. van der Leeuw, ein holländischer Historiker, dass die Beweise jetzt vorliegen. Eine Zeugin, eine niederländische Witwe eines deutschen Polizisten, der nach dem Krieg in Holland blieb, sagte, dass ihr Mann und seine Kollegen sehr genau wussten, was in Auschwitz vor sich ging, als sie die Juden aus Holland dorthin begleiteten. Anna Hajkova arbeitet zum Lager Westerbork.486 Für ihren noch nicht veröffentlichten Beitrag hat sie recherchiert, was auf den Transporten nach AU9chwitz und Sobibor passierte: „Unterwegs hielten die Züge manchmal an, und die Polizisten forderten die Häftlinge auf, ihnen ihre Uhren, Füllhalter usw. abzugeben. Wenn sie zu wenig bekamen, schlugen sie auf die armen Menschen ein. Die Männer schliefen in dem Heidelager, in den Nächten vor dem Transport in einem separaten Haus im Lager. Einige Male wurden die Angehörigen der Militärpolizei aufgefordert, entweder der Grünen Polizei beizutreten oder als Zwangsarbeiter nach Deutschland geschickt zu werden." Zum Lebensweg des Hauptbelastungszeugen in diesem Verfahren hat Karl Schneider gearbeitet.487

 

Nach dem 15. Juli 1942 gingen 98 Judentransporte aus den Niederlanden ab, davon 93 von Westerbork. 67 der 93 Transporte mit 60.085 jüdischen Opfern gingen nach Auschwitz. Nur rund 1.000 Deportierte überlebten. Das Polizeibataillon 105 stellte regelmäßig Begleitkommandos mit 30 Polizisten.

 

482 Klemp, Stefan, Einsatz im Westen, S. 33ff.

483 ZStL 107 AR 294/67 Bd. V, BI. 792 = StAw Bremen 29 a Js 306/64, Schlussbericht LKA, 8.2.1968, BI. 4.

484 StAMs, Slg. Primavesi, Abschrift; Original Polizeipräsidium Düsseldorf.

485 ZStL 107 AR 294/67 Bd. V, BI.873 = StAw Bremen 29 a Js 306/64, Schlussbericht LKA, 8.2.1968, BI. 32.

486 Hajkova, Anna, Lager Westerbork, unveröffentlichtes Manuskript, 2003.

487 Schneider, Karl, Ein Bremer Kaufmann und Rottwachtmeister im Reserve-Polizeibataillon 105, S.70-74.

 

 

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