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Calmeyer - Der größte Judenretter in Deutschland

 

Hans Calmeyer registrierte für die Nazis in den Niederlanden Juden. Tausenden rettete der Jurist das Leben. Calmeyer-Forscher Mathias Middelberg über den Beamten im Widerstand

Der jüdische Publizist Arno Lustiger hat festgestellt, daß den deutschen Rettern von Juden hierzulande nicht angemessen gedacht werde. Über einen von ihnen, Hans Calmeyer (1903 bis 1972), ist soeben ein Buch erschienen. Autor Mathias Middelberg erklärt, warum Calmeyer, von 1941 bis 1944 "Judenreferent" in den besetzten Niederlanden, besondere Würdigung verdiene.

 

Wie ist Calmeyer vorgegangen?

Er hat die Antragsteller, die sich bei ihm als Juden gemeldet haben oder zu melden hatten, ermuntert, sich falsche Familiengeschichten auszudenken - ob es nicht denkbar gewesen wäre, daß der Großvater nur außereheliche Nachkommen mit dem "arischen" Zimmermädchen der Familie gehabt hätte. Calmeyer hat dafür Beweise verlangt. Die Betroffenen haben sich dann um passende Zeugenaussagen bemüht oder falsche Blutgruppennachweise erbracht.

 

War es für Calmeyer gefährlich, Menschenleben zu retten?

Die SS ist ihm auf der Spur gewesen. Im Archivmaterial aus dem Reichssicherheits-Hauptamt habe ich einen Befehl gefunden, nach dem die Akten, die Calmeyer bearbeitete, auf Fälle von "Abstammungsschwindel" hin überprüft werden sollten. Die geheime Notiz stammt aus dem August 1944. Calmeyer hatte Glück, der Befehl wurde nicht mehr ausgeführt. Die Alliierten waren bereits in der Normandie gelandet, im September standen sie bei Arnheim. Da herrschte bei den Besatzern nur noch Panik.

 

Wie bewerten Sie sein Handeln?

Hans Calmeyer hat über 6000 Verfahren zur Registrierung bearbeitet. Davon hat er etwa 3700 positiv beschieden, daß heißt, Menschen amtlich zu "Ariern" erklärt. Darüber hinaus haben Kinder überlebt, die gemäß der Nazi-Gesetze als "Mischlinge" galten. Deswegen kann man von 4000 bis 6000 Geretteten ausgehen. Damit ist Calmeyer eigentlich der größte Judenretter in Deutschland, neben Schindler und Berthold Beitz.

Der spätere Krupp-Chef rettete als Manager der Karpaten-Oel AG in Polen hunderte von Juden, Oskar Schindler bewahrte etwa 1200 Juden als Zwangsarbeiter in seiner Fabrik im Sudetenland vor dem gewaltsamen Tod. Die drei sind in Israel als "Gerechte unter den Völkern" geehrt worden.

 

 Aber Calmeyer war zumindest in den Niederlanden auch umstritten.

Einige niederländische Historiker bezweifelten, ob er wirklich ein Guter gewesen sei. Die Juden selbst hätten den deutschen Beamten getäuscht, er habe davon als funktionierendes Rädchen im System nichts mitbekommen, lautete ein Vorwurf.

 

Was ist da dran?

Ich halte es für klar beweisbar, daß Hans Calmeyer bewußt gehandelt hat. Natürlich findet sich in den Archiven darüber kein Akteneintrag. Im Gegenteil, Calmeyer drückte sich perfekt im rassistischen Jargon aus, wenn er seine Entscheidungen begründete. Aber er rettete Minderjährige vor Deportationen in die Vernichtungslager, in dem er argumentierte, sie seien nicht rechtswirksam Kirchenmitglieder. Erhalten ist auch eine "Zurückstellungsliste" mit Namen der Personen, die einen Antrag auf Überprüfung ihrer Abstammung gestellt hatten. Wer auf der Liste stand, war jedenfalls bis zur Entscheidung Calmeyers vor einer Deportation geschützt.

 

Wieso hat Calmeyer sich nach dem Krieg nicht öffentlich geäußert?

Er konnte die Taten im Nachkriegsdeutschland nicht publik machen, das wäre ihm nie anerkannt worden. Deswegen hat er sich damit zurückgehalten. Er hat sich im Nachhinein Vorwürfe gemacht, ob er nicht noch mehr Menschen hätte retten können.

 

Warum?

Er hat natürlich negative Entscheidungen fällen müssen, die meist den Tod der Menschen bedeuteten. Diese bereits als Juden erfaßten Menschen wären vermutlich in jedem Fall deportiert worden, auch ohne Calmeyers Bescheide. Aber er hat wahrscheinlich Namen und ihre Geschichten zeitlebens in Erinnerung behalten.

 

Was wußte Hans Calmeyer von der Judenvernichtung?

Nach seinen Aussagen in der Kriegsgefangenschaft war ihm damals klar, daß die zur Deportation bestimmten Menschen nicht in die Niederlande zurückkehren würden. Er wußte von Auschwitz. Aber ich denke, ihm war aus seiner Position in den Niederlanden heraus nicht klar, was dieses Lager bedeutete. Er hat zum Beispiel gemeint, daß das Ghetto Theresienstadt für die dorthin Transportierten die Rettung bedeutete.

 

Wie lebte Hans Calmeyer nach 1945?

Er ließ sich als Anwalt in Osnabrück nieder, wo er auch geboren wurde. Er erschien zunehmend vergeistigt, hat viel geschrieben und gedichtet. Das Schicksal der Juden hat ihn nie mehr losgelassen.

 

Die israelische Shoa-Gedenkstätte Yad Vashem hat Calmeyer 1992 als Gerechten unter den Völkern geehrt. Hat er zu Lebzeiten eine Würdigung erfahren?

Der französische Historiker Jacques Presser hat in seinem 1965 veröffentlichten Buch über den Holocaust ein Kapitel über Calmeyer verfaßt. Beide schrieben sich. Aber eigentlich hat Hans Calmeyer immer ein Leben gegen den Strom geführt. Als sich die Stimmung in Deutschland wandelte und man über Nazis und Widerstand offener zu sprechen begann, war er bereits tot.

Interview: Oliver Haustein-Teßmer

 

Mathias Middelberg: Judenrecht, Judenpolitik und der Jurist Hans Calmeyer in den besetzten Niederlanden 1940-1945, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN: 3899711238

http://www.welt.de/politik/article670163/Der_groesste_Judenretter_in_Deutschland.html

 

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