Ein Sohn sucht den Vater


Aus: Osterholzer Kreisblatt vom 28. April 2009

Der Vater erzählte nichts von diesem Kapitel
BBS-Projekt bringt Bernd Göller auf die Spur des Mannes, der vor 64 Jahren Kurt Albrecht zum Tode verurteilte

Von Lutz Rode

Osterholz-Scharmbeck.

Misstrauisch war Bernd Göller schon lange gewesen. Das Gefühl, vom Vater nicht alles über dessen Vergangenheit während der Nazi-Herrschaft erfahren zu haben, begleitete den Sohn fast ein Leben lang. Ein Mausklick auf die Internet-Seite der Berufsbildenden Schulen Osterholz-Scharmbeck ließ einen schrecklichen Verdacht au&ommen: War der dort erwähnte Marineoberstabsrichter Dr. Kurt Göiler, der den 17¬jährigen Kurt Albrecht am 28. April 1945 als Deserteur zum Tode verurteilt hatte, sein Vater? Aus der Vermutung sollte bittere Gewissheit werden.
Seit rund einem Jahr weiß Bernd Göller, dass sein Vater der Mann war, der den Jugendlichen aus Rodenbach in den Tod geschickt hatte. Als er in der alten Gerichtsakte die Unterschrift unter dem Urteil sah, wusste er sofort Bescheid. Es war jener unverkennbare Schriftzug, wie der Vater stets auch die Schulzeugnisse seines Sohnes unterzeichnet hatte.

Göller senior gehörte jenem fliegenden Standgericht an, das in Osterholz-Scharmbeck das Todesurteil gesprochen hatte. Noch am selben Abend wurde es auf dem Schützenplatz von einem Erschießungskommando vollstreckt. Zehn Tage später war der Krieg vorbei.
Kurt Albrecht starb, weil er kein Soldat mehr sein wollte und sich nichts sehnlicher wünschte, als nach Hause zu seinen Eltern nach Rheinland-Pfalz zurückzukehren. Der junge Marinesoldat war kein Widerstandskämpfer oder hatte politische Motive, die ihn zum Deserteur werden ließen. Er nahm sich voller Verzweiflung die Freiheit, der Truppe den Rücken zu kehren, sich aufs Fahrrad zu setzen und in Richtung Süden davonzufahren - in der Hand einen Zettel mit den Namen der Städte, an denen er auf seiner Fahrt vorbeikommen wollte. Weit kam er nicht: Er wurde geschnappt und bezahlte dies mit dem Leben, obwohl er vor Gericht darum gefleht hatte, weiterleben zu dürfen.

Was im April 1945 genau geschah und wie es zur Verurteilung kam, haben BBS-Schüler vor gut vier Jahren recherchiert. Seither ist viel geschehen: Nicht nur, dass in Osterholz¬Scharmbeck dem jungen Deserteur der Kurt-Albrecht-Weg gewidmet wurde, auch in seinem Heimatdorf Rodenbach gibt es seit 2008 einen Platz und auch eine Skulptur, die an ihn erinnern. "Er suchte die Freiheit und fand den Tod", lautet ein Satz auf der Tafel, die auf dem dortigen Kurt-Albrecht-Platz zu finden ist.

Ob bewusst oder nicht - im Heimatdorf kannten bis in die jüngste Vergangenheit hinein nur Wenige das wahre Schicksal des Kurt Albrecht. Offiziell wurde ein anderes Bild gezeichnet: Auf dem Grabstein, das Kurt Albrechts Eltern im Jahr 1955 anfertigen ließen, steht neben dem Todestag der Hinweis "gefallen". Und auch am Ehrenmal, das in der 4000 Einwohner zählenden Gemeinde Rodenbach an die im Weltkrieg gestorbenen Soldaten erinnert, findet sich sein Name. Schämte man sich vielleicht dafür, dass Kurt Albrecht ein Deserteur war? Wurde er wie viele andere Deserteure als Verräter verschmäht? Beweise für diese These gibt es nicht.

Bernd Göller hat sich seit seinem Zufallsfund im Internet intensiv mit der Vergangenheit seines Vaters beschäftigt. Über BBS-Lehrer Ulrich Schröder, der das Geschichtsprojekt geleitet hat, kam der 68-Jährige an die Adresse von Ludwig Baumann aus Bremen, der sich für die Rehabilitierung von Deserteuren einsetzt. Göller schrieb dem heute 87-Jährigen einen bemerkenswerten Brief. "In Scham und Trauer verneige ich mich vor Kurt Albrecht, dem Opfer einer gnadenlosen Nazi-Justiz und seiner furchtbaren Juristen, deren Einer mein Vater war.... In Scham und Trauer verneige ich mich auch vor seiner Familie, die von meinem Vater um ihren Sohn gebracht worden ist. Scham und Trauer empfinde ich angesichts des Todesurteils, federführend verhängt von meinem Vater gegen einen noch nicht 18-Jährigen zu einem Zeitpunkt, da die Tage der Nazi-Herrschaft für Jedermann sichtbar gezählt waren. Und ich muss fürchten, dass dieses Urteil nur die Spitze des Eisbergs seiner Tätigkeit als Marinegerichtsrat auf der Krim und anderswo darstellt."

Warum tut Bernd Göller das? Warum sagt er nicht einfach: Das, was geschehen ist, hat mein Vater zu verantworten. Das geht mich nichts an? Der Sohn antwortet so auf diese Frage: "Natürlich hafte ich nicht für meinen Vater - und ich habe auch kein Recht, über ihn zu Gericht zu sitzen. Aber meine beiden Schwestern und ich - die noch lebenden Nachfahren des erbarmungslosen Richters Dr. Göller - wissen sich verpflichtet, zusammen mit der Stadt Osterholz-Scharmbeck und der Gemeinde Rodenbach dem jungen Deserteur Kurt Albrecht seine Würde und Ehre zurück zu geben und zu bewahren".

Dass sein Vater in den fast 40 Jahren seiner Berufstätigkeit als Rechtsanwalt nach Ende der Nazi-Herrschaft nicht den Mut fand, seinen fünf irgendwann erwachsenen Kindern dieses Kapitel seines Lebens zu eröffnen, beschämt Bernd Göller bis heute und macht ihn traurig und zornig zugleich. Dass der Vater zu Lebzeiten geschwiegen hat, hätte Göller junior noch verstanden. Dass er aber nicht die Kraft besaß, nach seinem Tod im Jahr 1984 wenigsten einen Brief zu hinterlassen, in dem er seine Rolle als Marinerichter darlegt, sei nicht nachvollziehbar. "Er hat immer wieder über seine Zeit bei der Marine erzählt, und dass er auf der Krim war. Wie er im Krieg so schnell wieder hierherkam und was er dann tat, darüber haben ich und meine Geschwister nichts erfahren", sagt Bernd Göller. Nach dem Krieg machte der Vater als "Fürsten-Anwalt" von Württemberg von sich reden. Er brachte es zu was, wie man so schön sagt.

Bernd Göller hat in alten Gerichtsakten und mit viel Kleinarbeit das Bild seines Vaters vervollständigt. In Berlin stieß er zum Beispiel auf Beurteilungsberichte, die zwischen 1940 und 1944 erstellt wurden und die einen Eindruck davon vermitteln, wie sich der Vater wandelte: Heißt es 1940 noch: "... In seinen richterlichen Entscheidungen könnte er manchmal eine etwas größere Härte im Strafmaß aufbringen. Er neigt bei seiner süddeutschen Art stark zur Milde... ", liest man 1944: "... Eine starke Seite bei ihm ist das richtige Gefühl für die militärischen Notwendigkeiten straffster Disziplin an der Front, verbunden mit gutem Einfühlungsvermögen in die Seele des Soldaten, nicht ohne wohlwollendes Verständnis für menschliche Unzulänglichkeiten. Er ist klar und hart, aber gerecht in seinen Vorschlägen und Entscheidungen." Bernd Göller fand auch heraus, dass Kernaussagen in der Urteilsbegründung im Falle des Matrosen Kurt Albrecht wörtliche Zitate aus dem Gesetzestext und aus einer Rede von Goebbels sind.

Auf Einladung eines Verwandten ist Bernd Göller auch zur Enthüllung einer Skulptur auf dem Kurt-Albrecht-Platz in Rodenbach gefahren. Mit gemischten Gefühlen fuhr er dort hin, und war dann nach eigener Darstellung "überwältigt von der warmherzigen, offenen und vorurteilsfreien Aufnahme". Kurt Albrechts Eltern seien einfache Leute gewesen, die nach dem Krieg Jahr für Jahr das Grab ihres Sohnes in Osterholz-Scharmbeck besuchten, bis sie gesundheitlich nicht mehr dazu in der Lage waren und die sterblichen Überreste 1955 nach Rodenbach überführen ließen.


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