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Die Retter warten auf ihr Urteil

Die Retter warten auf ihr Urteil

Bremen. Mohammed Yussif konnte nur einmal gerettet werden. Am 20. Juni 2004 fischte ihn die Besatzung des deutschen Hilfs- und Hospitalschiffes "Cap Anamur" zusammen mit 36 anderen afrikanischen Flüchtlingen aus einem havarierenden Schlauchboot vor der italienischen Küste. In Italien bleiben durfte Yussif nicht. Keine zwei Jahre später, im April 2006, ertrank er beim erneuten Versuch, das gelobte Europa zu erreichen. Das Boot mit 20 weiteren Flüchtlingen war vor der Küste Lampedusas im Sturm gekentert. Mohammed Yussif wurde 28 Jahre alt.

Die Geschichte der "Cap Anamur" machte damals als Flüchtlings-, Medien- und Justizdrama weltweit Schlagzeilen. Dem Schiff wurde erst nach einer dreiwöchigen Odyssee auf dem Mittelmeer die Einreise in einen sizilianischen Hafen erlaubt. Die Situation an Bord wurde zunehmend kritischer, die italienische Marine fuhr Scheinangriffe auf das Schiff, die Medien rissen sich um die Geschichte.

Die Flüchtlinge, von denen unklar war, ob sie aus dem Krisengebiet Sudan, aus Ghana oder Nigeria kamen, wurden schließlich - bis auf eine Ausnahme - ausgewiesen. Die Besatzung wurde verhaftet. Der Vorwurf: Kapitän Stefan Schmidt und Elias Bierdel, der damalige Vorsitzende des Vereins "Cap Anamur", sollen als Schleuser Ausländern zur illegalen Einreise nach Italien verholfen haben.

Schmidt und Bierdel wurden nach fünf Tagen freigelassen, der Prozess im sizilianischen Agrigent dagegen zieht sich inzwischen über drei Jahre hin. Das gestern erwartete Urteil zur Rettungsaktion vor fünf Jahren ist jedoch verschoben worden. Das Urteil werde wahrscheinlich am 21. Juli gefällt, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa aus Agrigent auf Sizilien. Nach drei Jahren Prozess gingen die Verhandlungen dort gestern mit den Plädoyers der Verteidigung zu Ende. Dem früheren Vorsitzenden der Hilfsorganisation Cap Anamur, Elias Bierdel, und seinem mitangeklagten Kapitän Stefan Schmidt wird Beihilfe zur illegalen Einwanderung in einem besonders schweren Fall vorgeworfen. Die Staatsanwaltschaft fordert vier Jahre Gefängnis und 400 000 Euro Geldstrafe für Schmidt und Bierdel.

Für Stefan Schmidt kommt bei dem Ver-fahren nur ein Freispruch in Frage. "Der Kapitän ist bei Seenot die letzte Instanz, die entscheidet", betont der 67-Jährige und beruft sich auf internationales Seerecht. Der Hamburger Völkerrechtler und Seerechtsexperte Sicco Rah bestätigt diese "Pflicht zur Seenot-Rettung". Darüber hinaus hätten die italienischen Hafenbehörden mit dem Verbot für die "Cap Anamur" in einen sicheren Hafen einzufahren, gegen die Genfer Flüchtlingskonvention verstoßen.

Stefan Schmidt ist als Kapitän auf verschiedensten Schiffen gefahren; er war Leiter einer Seemannsschule in der Südsee und Honorarkonsul von Tuvalu. Er befürchtet, dass hinter dem Verfahren ein politisches Kalkül der Abschreckung für andere Schiffe und Reedereien steht. "In einem Fall wissen wir von Geretteten, dass acht Schiffe trotz einer Seenotsituation vorbeigefahren sind - obwohl schon die Hälfte der Flüchtlinge an Bord tot waren", berichtet er. Über die Ortungssysteme der internationalen Seefahrt kämen ständig Meldungen über Flüchtlingsboote, die auf vielen Schiffen aus Angst vor juristischen Problemen ignoriert würden.

Auch den Vorwurf, mit der Rettungsaktion der "Cap Anamur" mediale Aufmerksamkeit erregen zu wollen, kann Stefan Schmidt nicht stehen lassen. Diese sei erst entstanden als italienische Kriegsschiffe mit schwarz vermummten Männern an Bord die "Cap Anamur" eskortierten.

Inzwischen gibt es eine breite Unterstützerfront für Stefan Schmidt und Elias Bierdel - von Menschenrechtsorganisationen wie Pro Asyl bis zum Lübecker Senat. Selbst Bundesinnenminister Schäuble soll sich auf dem G8-Gipfel in Rom für die Angeklagten stark gemacht haben.

Nach den Erfahrungen auf der "Cap Anamur" hat Stefan Schmidt vor zwei Jahren die Organisation "borderline europe" gegründet, die europäische Menschenrechts- und Flüchtlingsinitiativen vernetzen soll.

Die Zahl der Toten im Mittelmeer und im Atlantik ist in den vergangenen Jahren dramatisch angestiegen. Allein im Jahr 2006, in dem auch Mohammed Yussif ertrank, starben nach offiziellen Angaben der spanischen Regierung 6000 Menschen nur auf dem Seeweg zwischen Afrika und den kanarischen Inseln. "Europa scheint hier nur auf dem Papier zu existieren", sagt Stefan Schmidt.

http://www.weser-kurier.de

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