Eine bewegende Stunde


"Eine bewegende Stunde"
Die Ausstellung 'Was damals Recht war...' ist vor allem den Opfern der NS-Militärjustiz gewidmet
Festakt im Bremen mit Ludwig Baumann (v.l.), Bürgermeister Jens Böhrnsen und Manfred Messerschmidt.
30.05.2009 · Von Jörg Esser

BREMEN "Mit dieser Ausstellung ist ein später Traum in Erfüllung gegangen", sagte Ludwig Baumann, "das ist eine bewegende Stunde." Baumann wurde im Juni 1942 von einem Militärgericht als Deserteur zum Tode verurteilt. Mit Glück überlebte der heute 87-Jährige den Krieg. Jetzt endlich widmet sich eine Ausstellung in der Unteren Rathaushalle den Opfern der NS-Militärjustiz.

"Was damals Recht war..." lautet der Titel der Wanderausstellung der Berliner "Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas", die bis zum 28. Juni in Bremen zu sehen ist. Sie schildert unter anderem das Schicksal von 14 Frauen und Männern, die von Wehrmachtsgerichten zu Zuchthausstrafen oder zum Tode verurteilt wurden, sowie die Lebensläufe von fünf Militärjuristen. "Die Begegnung mit konkreten Schicksalen ist ergreifend", sagte Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) gestern bei einem Festakt zur Eröffnung der Ausstellung.

"Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein" - so hat es in den Nachkriegsjahren Hans Karl Filbinger formuliert, Marinerichter und später langjähriger CDU-Ministerpräsident von Baden-Württemberg. "Das war Ausdruck eines Denkens, dass nicht nur die Juristen beherrscht hat", so Böhrnsen. Doch Recht sei nicht das, was im Gesetzbuch steht. "Recht ist Gerechtigkeit, Recht ist Menschenwürde."

Das Recht in Hitlers Nazireich war elastisch. "Die Richter waren willige Gehilfen eines verbrecherischen Regimes", sagte Böhrnsen, "und so hätte man nach dem Krieg auch mit ihnen umgehen müssen." Das ist nicht geschehen. Nicht nur Filbinger machte Karriere. In Bremen diente sich Kurt Bode bis zum Vizepräsidenten des Oberlandesgerichtes empor. Jener Bode verurteilte 1938 als Vorsitzender eines Feldkriegsgerichts im besetzten Danzig 38 Postler zum Tode, die ihr Postamt gegen SS-Schergen verteidigten. 1949 wurde Bode als "Mitläufer" eingestuft, wenig später entlastet. Der Weg nach oben war frei. Solche Richter-Karrieren bezeichnete Böhrnsen als "einen Skandal in der Entstehungsgeschichte der Bundesrepublik."

Und die Opfer? Sie wurden als Verräter beschimpft. "Ich habe unzählige Morddrohungen bekommen", sagte Ludwig Baumann. Und vorbestraft waren die Opfer der "willkürlichen Rechtsprechung ohne jedwede Normen" (so formulierte es gestern Militärhistoriker Prof. Manfred Messerschmidt) auch. Erst 1998 wurden die ersten NS-Unrechtsurteile aufgehoben. Deserteure mussten auf ihre Rehabilitierung bis 2002 warten. Und über die Aufhebung der Urteile gegen "Kriegsverräter" debattierte der Bundestag gestern.

Als "Kriegsverräter" wurde laut Messerschmidt beispielsweise ein Soldat zum Tode verurteilt, der eine Spendensammlung für Angehörige von Kommunisten und Sozialisten organisierte, die im Konzentrationslager saßen. Gut 30000 Todesurteile verhängten die Richter der Wehrmacht gegen "Versager", "Störer", "Wehrkraftzersetzer", "treulose Schwächlinge" und "Volksschädlinge". Mindestens 20000 wurden vollstreckt.

Die Ausstellung "Was damals Recht war..." ist bis zum 28. Juni täglich in der Unteren Rathaushalle geöffnet. Der Eintritt ist frei. Das Begleitprogramm umfasst 25 Veranstaltungen.

URL:http://www.kreiszeitung.de//bremenalles/00_20090530010429_quotEine_bewegende_Stundequot.html

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