Erinnerungskulturen im Vergleich.

Deutsche und niederländische Rückblicke auf die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg

 

Von Friso Wielenga

 

Unter dem Titel De Bezetting [Die Besatzungszeit] wurde zwischen 1960 und 1965 im niederländischen Fernsehen eine Serie über die Niederlande im Zweiten Weltkrieg ausgestrahlt.

 

In dieser Serie wurde ein nationales Geschichtsbild präsentiert, das der Historiker Frank van Vree – mit Worten aus der Serie selbst – treffend so zusammengefaßt hat: „De Bezetting ist die Geschichte der Vergewaltigung eines unschuldigen und ahnungslosen Volkes, das aber durch seine geistige Stärke und Unbeugsamkeit, unter der beseelten Führung seiner Monarchin das Böse bekämpft und ungebrochen und gereinigt aus diesem Kampf hervorgeht. Der Preis ist hoch, aber die Gerechtigkeit triumphiert.“ Dieses Bild war zwar keineswegs neu, aber nicht zuletzt deswegen hatte die Serie so eine enorme Wirkung: In Verbindung mit der eindringlichen Präsentation durch den Direktor des Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie (RIOD), Prof. Dr. Lou de Jong, dem fließenden Übergang von individuellen zu nationalen Identifikationsmomenten und der langen Zeit, über die die Ausstrahlung sich erstreckte – einer Zeit, in der sich außerdem viele Menschen Fernsehgeräte anschafften – lieferte die Serie ein Geschichtsbild, das viele gern bestätigt sahen und das im kollektiven historischen Bewußtsein noch lange dominieren sollte.1

 

Darüber hinaus fügte sich dieses Bild nahtlos in das ,Klein-aber-tapfer-Image‘, das eine lange Tradition im populären Geschichtsbewußtsein hat und in dem sich Entschlossenheit, Überlebensfähigkeit und Tapferkeit der Niederländer bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen lassen.2 Hatten die kleinen Niederlande nicht bereits in ihrem Kampf gegen das vermeintlich unbesiegbare Spanien Freiheitsliebe, Widerstandsfähigkeit und Mut gezeigt und sich damit die internationale Anerkennung der Republik erkämpft? Waren das nicht die nationalen Tugenden, die sich auch in den späteren Kämpfen gegen andere Großmächte wie England und Frankreich bewährt hatten und im Zweiten Weltkrieg gegen die deutschen Besatzer erneut die Nation gekennzeichnet hatten?

 

Auch wenn die Niederlande eine Nation vieler Minderheiten und Gegensätze seien, wenn es darauf ankäme, so das historische Selbstbild, halte man zusammen und zeige nicht nur eine enge nationale Zusammengehörigkeit, sondern auch eine hohe moralische Substanz. Das Selbstbild der hohen eigenen Moralität war nicht neu, hatte doch 1939 der niederländische Ministerpräsident de Geer die Niederlande in dieser Tradition als ,einen Leuchtturm in der Finsternis‘ charakterisiert und damit die friedlichen neutralen Niederlande als ein Vorbild für die mächtigen Staaten der Welt dargestellt.3 Mehrere wichtige Elemente, die in der niederländischen Erinnerungskultur bezüglich des Zweiten Weltkriegs in den Vordergrund traten, waren also bereits im nationalen Geschichtsbild verankert gewesen und hatten durch die Besatzungszeit lediglich einen weiteren, wenn auch einen sehr starken Impuls bekommen.

 

In der oben zitierten Charakterisierung von van Vree geht es aber nicht nur um dieses positive Nationalbild. Ebenso wichtig ist der Hinweis auf den hohen Preis, der für den Triumph der Gerechtigkeit bezahlt werden mußte. Damit ist das Leiden angesprochen, das die deutsche Besatzung über die Niederlande brachte, sowohl in ihrer unmittelbaren Wirkung wie Tod, Schmerz, Angst, immaterielle und materielle Verluste als auch in ihrer Langzeitwirkung wie unverarbeitete Trauer und psychische Nachfolgeschäden von Verfolgung und Gefangenschaft. Die Schockwirkung der Besatzungszeit war nicht zuletzt auch deswegen so groß, weil viele Niederländer davon ausgegangen waren, daß die Neutralität des Landes, wie im Ersten Weltkrieg, respektiert werden würde. Der Krieg und die Besatzung trafen viele Niederländer – ,unschuldig und ahnungslos‘ – völlig unvorbereitet.

 

Zu erwähnen ist auch, daß es seit der napoleonischen Zeit keine fremden Truppen im Land mehr gegeben hatte und nationale Kriegserfahrungen – abgesehen von militärischen Auseinandersetzungen in den Kolonien – sehr weit zurücklagen.

 

So sind nicht nur Stichwörter wie Freiheitsliebe, geistige Stärke, Unbeugsamkeit und Mut zentrale Merkmale der niederländischen Erinnerungskultur im Hinblick auf den Zweiten Weltkrieg, sondern auch unschuldiges Leiden, Schmerz und Trauer.

 

Letztendlich triumphierte jedoch die Gerechtigkeit, und damit ist ein dritter Aspekt angesprochen: die Vorbildfunktion des Widerstandes gegen die Besatzungsmacht, die – in Begriffen aus der Kriegszeit selber – ein Kampf von ,Gut‘ gegen ,Böse‘ war.

 

Nach 1945 pflegte die Mehrheit der Bevölkerung die Erinnerung an den Widerstand, identifizierte sich mit den ,guten‘ Niederländern der Kriegsjahre und verschaffte sich den Mythos eines Heldenvolkes, der auch von Teilen nachfolgender Generationen internalisiert wurde.4 Es sind auch diese Merkmale, die bis vor einigen Jahren bei den jährlichen Gedenkfeiern – der Totenehrung am 4. Mai und der Befreiungsfeier am Tag der deutschen Kapitulation in den Niederlanden (5. Mai) – immer wieder bestätigt wurden. Während der Totenehrung finden bei mehreren hundert Mahnmalen und Gedenkstätten Kranzniederlegungen statt, und um 20.00 Uhr gibt es zwei Schweigeminuten im ganzen Land. Die wichtigste Zeremonie der Totenehrung findet in Amsterdam am nationalen Denkmal auf dem Dam statt, wenn die Königin, die Regierung, die Armee, Widerstandsvertreter und viele andere – direkt ausgestrahlt in den drei öffentlich-rechtlichen Fernsehprogrammen – ihre Kränze niederlegen und mehrere Millionen Niederländer diese Gedenkfeier und Schweigeminuten im Fernsehen miterleben.

 

Wie sehr dieser 4. Mai Teil des niederländischen Selbstverständnisses geworden ist, kann man Umfrageergebnissen entnehmen: Mehr als 90 Prozent der Bevölkerung meinen, diese Zeremonie und diese Schweigeminuten sollen beibehalten bleiben, 70 Prozent der Jüngeren meinen darüber hinaus, daß sie auch dann fortgesetzt werden sollen, wenn der letzte Überlebende der Kriegszeit gestorben ist. Kein Zweifel: Der 4. Mai und das, wofür dieses Datum steht – Leiden, Trauer und Widerstand gegen Unrecht –, sind Teil des niederländischen Selbstverständnisses. Das gleiche gilt für den 5. Mai, den Befreiungstag.

 

Nach dieser ersten Charakterisierung der niederländischen Erinnerungskultur stellt sich die Frage nach den Vergleichsmöglichkeiten mit der Bundesrepublik, denn die Unterschiede sind auf den ersten Blick sehr groß. Während die Besatzungszeit 1940–1945 für die Niederlande als einer Nation der Opfer der Aggression positiv besetzt werden konnte und zu einer Verstärkung des ,Klein-aber-tapfer‘-Selbstbildes führte, galt für die Nation der Täter, daß sie sich vor allem mit Fragen nach Schuld und Verstrickung konfrontiert sah, die die nationale Identität und das Selbstbild nur schwer belasten konnten. In den Niederlanden haben die Gedenktage vom 4. und 5. Mai die Nation jährlich im positiven Sinne zusammengeführt, in der Bundesrepublik konnte der 8. Mai diese Funktion selbstverständlich nicht erfüllen, war dieses Datum doch mit widersprüchlichen Begriffen wie Zusammenbruch, Kapitulation, Niederlage, Befreiung und für viele auch mit Tod und Vertreibung in der unmittelbaren Nachkriegszeit verbunden. Befanden sich die Niederlande, sei es auch lange Zeit mit Verdrängung der eigenen Kollaboration und Passivität, auf der sicheren, ,guten‘ Seite, betrachtete sich die Bundesrepublik als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches, nahm als Staat die Last der Vergangenheit auf sich und mußte in der internationalen Völkergemeinschaft einen langen Weg vom Feind zum Partner zurücklegen.

 

Was leistete die Bundesrepublik an materieller und immaterieller Wiedergutmachung? Welche Lehren zog sie aus der Vergangenheit? Wie wachsam war die junge Demokratie und wie zuverlässig und berechenbar der neue Bundesgenosse? Das waren Fragen, die die Geschichte der Bundesrepublik ständig begleiteten, wobei die Nazizeit, im Gegensatz zur Besatzungszeit in den Niederlanden, nur eine Funktion als Anti-Identität haben konnte. Trotz dieser fundamental unterschiedlichen Ausgangspositionen gibt es bei näherer Betrachtung auch Ähnlichkeiten zwischen beiden Ländern im Umgang mit dieser traumatischen Zeit, die im nachfolgenden an Hand einer vergleichenden Periodisierung der Erinnerungskulturen zu erläutern sind.

 

Die frühe Nachkriegszeit 1945–1948

Die zweite Hälfte der sechziger Jahre gilt allgemein als der eigentliche Beginn der Auseinandersetzung in der Bundesrepublik mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands. Demnach habe die Jugend damals die Diskussion eröffnet oder bewußt durchbrochen, indem sie der älteren Generation bohrende Fragen stellte und die politischen und gesellschaftlichen Karrieren, die ehemalige Nationalsozialisten in der Bundesrepublik machen konnten, anprangerte. Zweifelsohne hat die Protestgeneration der sechziger Jahre in der Tat eine wichtige Rolle in der Debatte über das Dritte Reich gespielt. Sie ließ sich nicht mehr mit den geringen und oft oberflächlichen Kenntnissen über die nationalsozialistische Vergangenheit abspeisen, die Schule und Elternhaus ihr zumeist vermittelt hatten. Diese Generation, der die eigene Biographie insofern nicht im Weg stand, als sie frei von persönlicher Schuld, Verantwortung oder jedweder Verstrickung in das nationalsozialistische Regime war, stand der Vergangenheit unbefangener gegenüber und stellte Fragen, die viele bisher nicht zu stellen gewagt hatten oder nicht hatten stellen wollen.

 

Das alles ist der Protestgeneration keineswegs abzusprechen. Allerdings übersah sie, daß die Debatte nicht erst 1966/67 oder ’68 begann, sondern schon 1945 eingesetzt hatte, wenn die Diskussion auch damals in anderem Ton geführt wurde. In den ersten Nachkriegsjahren gab es nämlich sehr wohl eine Diskussion über Schuld und über die Ursachen des Nationalsozialismus, auch wenn diese Diskussion hauptsächlich von einer kleinen intellektuellen Minderheit geführt wurde und von den Besatzungsmächten mit initiiert worden war. In der Presse wurde ausführlich über die Nazizeit und die Verbrechen geschrieben, der Philosoph Karl Jaspers veröffentlichte 1946 Die Schuldfrage,5 die evangelische Kirche trat im Oktober 1945 mit dem Stuttgarter Schuldbekenntnis an die Öffentlichkeit, und Politiker zogen Lehren aus der Vergangenheit. Barbro Eberan spricht in ihrer ausführlichen Studie über die Schulddebatte in der deutschen Presse zwischen 1945 und 1949 sogar über „eine intensive Auseinandersetzung mit der Schuldfrage“, die übrigens nicht so sehr „in Form einer offenen Debatte als vielmehr monologisch, indirekt und häufig auch verschlüsselt“ abgelaufen sei.6

 

Ganz konkret hingegen war die Berichterstattung über die Nürnberger Prozesse von 1945/1946 gegen die Hauptkriegsverbrecher. In der Presse wurde ausführlich darüber berichtet, und Meinungsumfragen in der amerikanischen Besatzungszone ergaben, daß 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung der Berichterstattung über die Prozesse folgten und die vielen neuen Informationen, die diese Prozesse zutage förderten, als wahr, ja als ,Lektion‘ akzeptierten. Es gab eine weitgehende Zustimmung zu den Prozessen und zu den Urteilen, die sicherlich auch damit zu erklären ist, daß sich viele Menschen auf diese Weise als unschuldige ,Mitläufer‘ von Schuld freizusprechen trachteten. Festzuhalten aber bleibt, daß die Nürnberger Prozesse wesentlich dazu beitrugen, das NS-Regime bei der deutschen Bevölkerung zu diskreditieren.

 

Weitgehend läßt sich das auch über die Entnazifizierung sagen, die zu Unrecht als völliger Fehlschlag in die Geschichte eingegangen ist. Zugegeben, die Bezeichnung ,Mitläuferfabrik‘ ist nicht unberechtigt, und später waren Rehabilitationen an der Tagesordnung. Gemessen an den ursprünglichen Zielen ist die Entnazifizierung in der Tat mißglückt. Man könnte sagen, sie mußte mißglücken, denn die Alliierten beschränkten sich nicht auf die Säuberung der relativ kleinen Führungsschicht, sondern wollten die gesamte Bevölkerung ,durchleuchten‘. Dennoch trug auch die Entnazifizierung zu einer weiteren Abkehr vom Nationalsozialismus bei, auch wenn man das Ergebnis, daß viele anfänglich lediglich zwischen einem damals sogenannten ,anständigen‘ und ,unanständigen‘ Nazi zu unterscheiden wußten, wohl dürftig finden kann. Sucht man nach einem gemeinsamen Nenner der Diskussion über die Schuldfrage in den ersten Nachkriegsjahren, so fällt auf, daß vor allem in allgemeinen und metaphorischen Wendungen über die nationalsozialistische Vergangenheit gesprochen wurde und die Verbrechen selbst häufig nur verschleiert im Hintergrund standen. Es war eine Zeit ,des Unheils‘, von ,dämonischen Kräften‘, ein ,dunkles Kapitel‘ gewesen.7 So ist das Ergebnis dieser frühen Auseinandersetzung einerseits nicht sehr weitreichend gewesen, andererseits wuchs eine breite öffentliche Distanzierung von der Nazizeit als normative Grundlage für die Bundesrepublik.8

 

Auch in den Niederlanden waren die ersten Nachkriegsjahre eine Phase relativ großer Aufmerksamkeit für die Besatzungszeit. Nach den Befreiungsfeiern des Sommers 1945 blieb das Bedürfnis nach gegenseitigen Erzählungen über die Jahre der Unterdrückung groß. Es war eine Periode des Wiedererlebens und Zeugnisablegens, der Betonung der Werte des Widerstandes wie Freiheit, Gerechtigkeit und Gemeinschaftsgefühl sowie eine Periode einer erhofften politisch-sozialen Erneuerung.9

 

Diese Phase der intensiven Beschäftigung mit der Besatzungszeit, die auch die Säuberung des öffentlichen Lebens von Kollaborateuren und die strafrechtliche Verfolgung politischer Delinquenten umfaßte, ging 1947–1948 zu Ende. Natürlich blieben die Erinnerungen an die Besatzungszeit frisch im Gedächtnis, und auf den jährlichen Gedenktreffen waren sie auch sozusagen kollektiv sichtbar. Aber gleichzeitig konnte man eine Müdigkeit und einen Widerwillen dagegen spüren, sich weiterhin intensiv mit den Jahren 1940–1945 zu beschäftigen. Literatur über den Widerstand, im Informationshunger der beiden ersten Nachkriegsjahre viel gefragt, wurden bereits 1947 zu reduzierten Preisen angeboten, weil die Nachfrage nachließ.10

 

Tüchtigkeit, Wiederaufbaudenken und der Wunsch, ,nach vorne zu schauen‘, wurden bestimmend, während die zunehmenden Ost-West-Spannungen und die Indonesien-Frage die Kriegszeit in den Hintergrund drängten. Das Gemeinschaftsgefühl der Kriegszeit, das im ersten Nachkriegsjahr in der Diskussion um die politisch-soziale Erneuerung noch so stark gewesen war, hatte ebenfalls nachgelassen, und die Hoffnung auf Erneuerung war einer gewissen Enttäuschung über die dominierende politische Kontinuität zur Vorkriegszeit gewichen. Enttäuschung gab es auch in ehemaligen Widerstandskreisen über den Verlauf der politischen Säuberung und der strafrechtlichen Verfolgung, die nicht nach dem Schema von ,Gut‘ und ,Böse‘ durchzusetzen gewesen waren. Die Realität deckte sich nicht mit der vereinfachten Aussage von Königin Wilhelmina aus der Kriegszeit, daß es für Kollaborateure und Landesverräter in den befreiten Niederlanden keinen Platz mehr geben würde.

 

So zeigen die ersten Jahren nach 1945 im Umgang mit der Kriegszeit zwar große Unterschiede zwischen den Niederlanden und Deutschland auf. Aber gleichzeitig ist festzustellen, daß auf beiden Seiten der Grenze um 1948 eine Phase der relativ intensiven Auseinandersetzung – wie unterschiedlich sie in inhaltlicher Hinsicht auch war – abgeebbt war und der Blick wieder stärker auf die Zukunft gerichtet wurde, die inzwischen in vielen Bereichen Gestalt annahm. Die Entnazifizierung, die politische Säuberung und die strafrechtliche Verfolgung wurden vorerst abgeschlossen oder zumindest weitgehend zurückgedreht; der Kalte Krieg, die deutsche Teilung, die Zukunft der westlichen Zusammenarbeit und der wirtschaftliche Wiederaufbau rückten in den Vordergrund, und das Interesse für die jüngste Vergangenheit ließ nach.

 

Die relative Ruhe der fünfziger Jahre

Der gängigen Geschichtsauffassung zufolge bilden die fünfziger Jahre den Höhepunkt in der Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit in der Bundesrepublik. Nach dem Buchtitel der 1967 erschienenen psychoanalytischen Studie von Alexander und Margarethe Mitscherlich wäre diese Zeit der Höhepunkt der Unfähigkeit zu trauern.11 Bei näherer Betrachtung ließe sich dieser Zeitraum jedoch zutreffender als Phase einer ,relativen Ruhe‘ kennzeichnen.12 Kurz nach dem Krieg errichtete Denkmäler für die Opfer des Dritten Reiches verfielen, wurden abgebaut oder machten entpolitisierten Mahnmalen Platz, deren Inschriften aller Kriegsopfer gedachten. In den Schulbüchern waren die Abschnitte über die Verbrechen des Dritten Reiches kurz und allgemein gehalten, wobei die Verantwortung auf Hitler geschoben wurde und die vielen anderen Täter außerhalb des Blickfeldes blieben.

 

Auch die Westmächte – nicht zuletzt die Niederlande – trugen zu dieser Entwicklung bei, indem sie unter Führung der Vereinigten Staaten auf die deutsche Wiederbewaffnung drängten, verurteilte NS-Verbrecher begnadigten und die Bundesrepublik 1955 als praktisch gleichberechtigten Partner in die westliche Gemeinschaft aufnahmen.

 

Was die Einstellung gegenüber dem Dritten Reich betrifft, so ist das geistige Klima der fünfziger Jahre am besten durch die gesellschaftliche Reaktion auf zwei Bücher über diese Vergangenheit zu kennzeichnen. Vom Tagebuch der Anne Frank wurden zwischen 1950 und 1958 in der Bundesrepublik 700.000 Exemplare verkauft. Die Wirkung dieses Buches ist nach dem Historiker Hermann Graml mit der aufwühlenden Fernsehserie Holocaust aus dem Jahre 1979 zu vergleichen.13 Dem steht jedoch gegenüber, daß Erich Maria Remarque für sein Manuskript Der Funke Leben über das Konzentrationslager Buchenwald nur mit großer Mühe überhaupt einen Verleger finden konnte. Als das schließlich doch gelungen war, stieß das Buch weitgehend auf Vorbehalte und verkaufte sich schlecht. Die verschiedenartige Aufnahme der beiden Bücher kennzeichnet die fünfziger Jahre treffend: Vielen Deutschen ging es nicht so sehr um ein ,Nicht-wahrhaben-Wollen‘ als vielmehr um ein ,Nicht-genau-wissen-Wollen‘ der deutschen Verbrechen.14 In Anne Franks Tagebuch ist dem Leser die Tatsache, daß die Verfasserin ermordet wurde, zwar von Anfang an bewußt, aber die Greueltat selbst – stellvertretend für millionenfache weitere Verbrechen – bleibt implizit. Remarque dagegen beschreibt in Der Funke Leben das Grauen von Tod und Untergang in Buchenwald äußerst detailliert, und es sind Deutsche, die darin die Hauptrollen als Verbrecher spielen.

 

Auch für die Niederlande kann im Hinblick auf den Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg von einer relativen Ruhe in den fünfziger Jahren gesprochen werden. Blom weist zurecht darauf hin, daß nach 1948 der Krieg als „direkte Inspirationsquelle für das tägliche Handeln“ in den Hintergrund trat und das Interesse für die Besatzungszeit hauptsächlich bei bestimmten Ereignissen aufflammte, dann aber immer wieder abebbte.15 Wichtige Ereignisse waren selbstverständlich die jährliche Totenehrung am Abend des 4. Mai und – wenn auch von geringerer Bedeutung – die Feierlichkeiten anläßlich der Befreiung am nächsten Tag. Nach der ,Wiederbelebungsliteratur‘ der unmittelbaren Nachkriegszeit erschienen in den fünfziger Jahren die ersten wissenschaftlichen Studien über die Kriegszeit. Von großer Bedeutung und mit viel öffentlicher Aufmerksamkeit veröffentlichte das RIOD 1950, 1954 und 1960 wichtige Untersuchungen über drei Streiks aus der Besatzungszeit (Februar- Streik von 1941, April/Mai-Streik von 1943 und Eisenbahner-Streik von 1944).16

 

Ein wichtiges Ereignis, dem viel Aufmerksamkeit zuteil wurde, war die Enthüllung des Nationaldenkmals am Amsterdamer Dam am 4. Mai 1956. Charakteristisch für das Klima dieser Periode war jedoch eher, daß die Regierung 1954 die Entscheidung traf, den Befreiungstag nur noch in einem ,runden‘ Fünfjahres-Rhythmus als arbeitsfreien Nationalfeiertag zu feiern. Ministerpräsident Dr. Willem Drees, nicht zuletzt bekannt wegen seiner Sparsamkeit, meinte in einer Kabinettssitzung dazu, daß zusätzliche Feiertage zu teuer seien und der Wiederaufbau dadurch gebremst würde. Sicherlich wurde der Befreiungstag weiterhin gefeiert, die Fahnen wurden gehißt, und die Medien widmeten den Kriegsjahren in den frühen Maitagen viel Aufmerksamkeit, aber Erinnern und Feiern durften nicht länger zu Lasten der Arbeitszeit gehen. Charakteristisch für diese Periode, in der vor allem nach vorne geschaut wurde, war auch, daß das Haus, in dem Anne Frank untergetaucht gewesen war, 1956 fast abgerissen wurde. Erst Ende der fünfziger Jahre ,entdeckte‘ man die historische Bedeutung dieses Hauses. Nun wurde es – mit finanzieller Unterstützung der Bundesrepublik – renoviert und 1960 als Museum in Gebrauch genommen.

 

Was bedeutete diese relative Ruhe in beiden Ländern für die bilateralen politischpsychologischen Beziehungen? In der Bundesrepublik der fünfziger Jahre sprach nur noch eine kleine Minderheit über Schuld und Verantwortung, und das Interesse für die Folgen des Zweiten Weltkriegs in anderen Ländern war gering. Je mehr Früchte das Wirtschaftswunder abwarf und je mehr die Bundesrepublik ihre Stellung als Partner in der westlichen Gemeinschaft aufbauen konnte, desto mehr verwischte die Vergangenheit. Nicht Rückblick oder Bescheidenheit, sondern ein selbstbewusstes ,Wir-sind-wieder-wer-Gefühl‘ wurde zum Kennzeichen der Lebenseinstellung vieler Deutscher in den fünfziger Jahren. In den Niederlanden führte die relative Ruhe zu einem Klima, in dem die antideutschen Gefühle der unmittelbaren Nachkriegszeit zwar vorhanden blieben, aber eher unter der Oberfläche ruhten. In einem Klima, in dem man eher in die Zukunft als in die Vergangenheit blicken wollte, lag es näher, Deutschland instinktiv den Rücken zuzuwenden und diesem Land gegenüber psychologisch Abstand zu halten, als antideutschen Gefühlen breiten Raum zu geben.

 

Hermann Opitz, in diesen Jahren Korrespondent in den Niederlanden für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, charakterisierte diese Stimmung einmal treffend mit folgenden Worten: „In bezug auf das deutsch-niederländische Verhältnis ist der Boden in Holland wie unterminiert. Wenn man behutsam auf ihm läuft, dann geschieht nichts. Aber das Hochgehen einer Mine bei einem unbedachten Schritt löst eine Kettenreaktion aus.“17 Anlaß seines Artikels war eine derartige Kettenreaktion, die während der Gedenktage 1954 ausgelöst worden war. Zum ersten Mal seit Kriegsende konnten Deutsche ohne Visum in die Niederlande, und viele Tausende fuhren Anfang Mai zur Tulpenblüte, wo sie mit Schildern und Flugblättern mit dem Text ,Deutsche nicht erwünscht‘ ,willkommen‘ geheißen wurden. Auf deutscher Seite führte dies zu Reaktionen wie Boykott-Aufrufen niederländischer Produkte, und einige Wochen später berichtete der niederländische Wirtschaftsminister Jelle Zijlstra tatsächlich in einer Kabinettssitzung von annullierten Aufträgen für die niederländische Industrie.18 Auch wenn der Sturm sich wieder schnell legte und keinen Einfluß auf die bereits normalisierten und intensiven Wirtschaftsbeziehungen ausgeübt hat, war klar geworden, daß es auf niederländischer Seite gerade während der Gedenktage eine besondere Empfindlichkeit gegenüber Deutschland und den Deutschen gab. Angesichts der Tatsache, daß die Gedenkfeier und die von vielen Deutschen geliebte Tulpenblüte naturbedingt immer zusammenfallen, wurde nach den Zwischenfällen von 1954 ein Jahr später in der deutschen Presse davor gewarnt, gerade um den 4. und 5. Mai in die Niederlande zu reisen. Das Thema war sogar in einer Kabinettssitzung der Bundesregierung angesprochen worden, und danach hatte das Bundesverkehrsministerium in einem vertraulichen Rundschreiben an Reiseveranstalter davon abgeraten, in den ersten zwei Maiwochen ,Tulpenfahrten‘ zu organisieren. Die Bild-Zeitung schrieb: „Zehn Jahre sind eben draußen nicht so schnell vergangen wie bei uns. Daran müssen wir immer denken. Und dagegen ist kein Kraut gewachsen. Auch die Tulpen nicht.“19 Derartige Aufrufe erschienen in vielen Zeitungen. In der FAZ hieß es, daß „von unserer Seite nicht der Schein eines Anlasses gegeben werden darf, das Fest der Befreiung zu stören“.20 Die Folge war, daß während der Gedenktage von 1955 Zwischenfälle ausblieben, weil die Niederlande – wie der deutsche Botschafter zufrieden an das Auswärtige Amt berichtete –„von deutschen Touristen, dank der vorbildlichen Aufklärungsarbeit der deutschen Presse, wie leer gefegt (waren).“21

 

Sowohl in den Niederlanden als auch in der Bundesrepublik ist im Hinblick auf den Umgang mit der NS-Zeit und dem Zweiten Weltkrieg in den fünfziger Jahren von einer Phase der relativen Ruhe die Rede. Dass in beiden Staaten vor allem nach vorne geblickt wurde, bedeutete jedoch keine inhaltlichen Ähnlichkeiten der Erinnerungskulturen in beiden Ländern. Wie Hermann von der Dunk es in einem Bonmot zusammengefaßt hat, war in Deutschland nach 1945 keiner in der Partei und in den Niederlanden jeder im Widerstand gewesen.22 So wundert es nicht, daß es in den fünfziger Jahren wiederholt zu Zwischenfällen und Mißverständnissen kam, wenn die beiden Erinnerungskulturen aufeinanderprallten.

 

Moralisierung und Emotionalisierung in den sechziger und siebziger Jahren

Um 1960 zeigte sich, daß der Zweite Weltkrieg noch viel näher war, als viele in den fünfziger Jahren gedacht hatten oder zuzugeben bereit gewesen waren. Die Phase des Wiederaufbaus ging zu Ende, die internationalen Beziehungen schienen einigermaßen stabilisiert, und es gab allmählich mehr Raum für Fragen, die man bis dahin selten gestellt hatte. Kennzeichnend für dieses wiederauflebende Interesse an den Kriegsjahren war die gegenseitige Beeinflussung über die Landesgrenzen hinweg.

 

Ereignisse oder Debatten des einen Landes schwappten über in andere Länder und vermischten sich mit nationalen Diskussionen, die dort in Gang gekommen waren. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Entführung Adolf Eichmanns aus Argentinien 1960 und der anschließende Prozeß in Jerusalem, der weltweit Aufsehen erregte. Auch in Deutschland thematisierte man die NS-Vergangenheit nun wieder stärker. Nach einem aufsehenerregenden Prozeß gegen Mitglieder eines ehemaligen Einsatzkommandos, das in Litauen Tausende Juden ermordet hatte, wurde 1958 die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen gegründet. Diese Bundeseinrichtung hatte die Aufgabe, systematisch die NS-Verbrechen zu erforschen, die außerhalb des Territoriums der Bundesrepublik begangen und noch nicht verfolgt worden waren. Dank der Arbeit der Zentralen Stelle kam die beinahe zum Stillstand gekommene strafrechtliche Verfolgung von NS-Verbrechern wieder in Gang. Im Vergleich zu den fünfziger Jahren verdoppelte sich zwischen 1961 und 1965 die Zahl der Verurteilungen.

 

Gleichzeitig wuchs um 1960 die Kritik daran, daß ehemalige Nationalsozialisten wichtige politische und gesellschaftliche Positionen innehatten. Kennzeichnend für diesen Wandel im politisch- gesellschaftlichen Klima war der zunehmende Druck auf Adenauer, sich von seinem Bundesvertriebenenminister Theodor Oberländer zu trennen. Oberländer, seit 1953 im Amt, hatte in den fünfziger Jahren noch wiederholt seine Sympathie für die frühere nationalsozialistische Sudetendeutsche Bewegung Konrad Henleins zum Ausdruck gebracht. Dies hatte ihn zu einem umstrittenen Minister gemacht. Lange Zeit hatte Adenauer seine Hand über ihn gehalten, aber im Frühjahr 1960 drohte diese Haltung auf den Bundeskanzler selbst zurückzufallen, womit Oberländers  Schicksal als Minister besiegelt war.23 Zum Jahreswechsel 1959/60 war die Bundesrepublik außerdem dadurch aufgeschreckt worden, daß man auf eine gerade wiedererrichtete Synagoge in Köln Hakenkreuze geschmiert hatte. Auch andernorts waren antisemitische Parolen aufgetaucht, und es erhob sich die Frage, ob Deutschland tatsächlich mit dem Antisemitismus gebrochen hatte. So unterschiedlich diese Ereignisse für sich genommen auch waren, sie läuteten doch eine Phase wachsenden öffentlichen Interesses und kontroverser Debatten im Umgang mit der NSVergangenheit ein. Der Frankfurter Auschwitz-Prozeß, die 1965 und 1969 im Bundestag über die Verjährung von Mord geführten Debatten und nicht zuletzt die kritischen Fragen vieler Jüngerer an ihre Eltern machten die sechziger Jahre unverkennbar zu einer Zeit, in der sich die Bundesrepublik stärker als zuvor der Konfrontation mit der Vergangenheit stellte.24

 

Die Protestbewegung der sechziger Jahre konnte auf der seit 1958 gewachsenen Offenheit gegenüber der nationalsozialistischen Vergangenheit aufbauen. Problematisch war allerdings, daß sich bei einem Teil der Protestgeneration in ihrer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit die Unterschiede zwischen einst und jetzt verwischten. Ihr Widerstand gegen den Staat beruhte auf neomarxistischen Antifaschismus-Theorien, die eine bündig umfassende Erklärung für den Nationalsozialismus, den westlichen ,Imperialismus‘ und den ,repressiven‘ Charakter der bürgerlichen Demokratie zu bieten schienen. Diese Theorien verschmolzen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zu einem übersichtlichen Ganzen. Der Haken war jedoch, daß sie auf die Vergangenheit kaum und auf die Realität der Bundesrepublik Deutschland in den sechziger Jahren überhaupt nicht zutrafen. Trotz dieser Wirklichkeitsferne schlug sich der Beitrag der Protestgeneration aus den sechziger Jahren zur Auseinandersetzung mit der NS - Vergangenheit positiv nieder, denn er erweiterte die bereits gewachsene moralische Sensibilität. Viele Mitglieder dieser Bewegung setzten sich in einer stark moralisierenden, schuldbewußten, auf die Opfer gerichteten Haltung mit dem Dritten Reich auseinander. Damit unterschieden sie sich nicht nur von einem Großteil der älteren, sondern auch von einem Teil der nachfolgenden Generation, die mit einer größeren Distanz auf die Vergangenheit zurückblickte als viele ihrer Eltern.

 

Auch in den Niederlanden wuchs um 1960 das Interesse an den Kriegsjahren. Als Ausgangspunkt dieser Entwicklung gilt die oben bereits genannte Fernsehserie De Bezetting, die zwischen 1960 und 1965 ausgestrahlt wurde und 1966 innerhalb eines Jahres wiederholt wurde. Eingangs ist auch schon darauf hingewiesen worden, daß diese Serie wichtige Merkmale des niederländischen Umgangs mit der Besatzungszeit bestätigte: das nationale Selbstbild von ,Klein-aber-tapfer‘, das Leiden und die Vorbildfunktion des Widerstandes mit dem moralischen Unterschied zwischen ,Gut‘ und ,Böse‘. Gleichzeitig gab es Mitte der sechziger Jahre auch Kritik an diesem unkritischen Selbstbild. Der Publizist W.L. Brugsma charakterisierte Professor de Jong 1965 als ,Rijksbureauvooroorlogsdocumentatiekwezel‘ [Betschwester des Reichsbüros für Kriegsdokumentation], und Han Lammers, Redakteur der linken Wochenzeitung Groene Amsterdammer und ein Vertreter der Neuen Linken in der PvdA, machte kurzen Prozeß mit Lou de Jong, ,dem Süßlichen‘. Er rief zum Argwohn gegenüber der niederländischen Selbstgenügsamkeit und zur Erforschung der Kollaboration auf.25 Dies forderten auch andere, und Jacques Pressers dramatische Beschreibung des Schicksals der niederländischen Juden (De ondergang, 1965) bekräftigte, wie berechtigt diese Forderungen waren. Das Buch Pressers schlug wie eine Bombe ein und führte in den Medien zu geschockten Betrachtungen über das Versagen der niederländischen Bevölkerung in der Besatzungszeit.26 „Wer das Buch von Presser liest und wieder liest“, schrieb Lammers, „für den ist das Märchen zu Ende: Die Fabel der kleinen Niederlande, die sich so vorbildhaft gegenüber ,ihren‘ Juden verhalten haben.“27

 

Anders als in der Bundesrepublik waren die kritischen Fragen über Mitschuld und Kollaboration in den Niederlanden jedoch kaum ein Teil des Generationskonflikts, den die ,68er‘ in diesen Jahren austrugen. Gewiß erscholl auch aus der niederländischen Protestbewegung der Vorwurf, das ,Establishment‘ der sechziger Jahre habe bereits während der Kriegsjahre versagt. Und auch in den Niederlanden sahen sich die Kämpfer gegen die Ordnung als die wahren Erben des Widerstands aus der Kriegszeit. Von einer scharfen Auseinandersetzung über die Vergangenheit wie in der Bundesrepublik konnte aber keine Rede sein. Kritische Betrachtungen über passive Schuld zur Zeit der Besatzung kamen aus allen Altersgruppen, und die Protestgeneration blieb im Rahmen des Nachkriegs-Konsenses über die moralischen Lektionen, die aus der Besatzungszeit zu ziehen seien. Sie verstärkte sogar diesen Konsens und kultivierte die Vorbildfunktion des Widerstandes gegen die Nazis für den eigenen ,Antifaschismus‘.

 

So ist das Ergebnis der Entwicklung der sechziger Jahre auch in den Niederlanden zwiespältig, wenn auch auf eine andere Art als in der Bundesrepublik: Einerseits gab es im kollektiven historischen Bewusstsein eine Verstärkung des bereits vorhandenen Bildes, andererseits wurde dieses Bild von einer kritischen Minderheit nicht länger akzeptiert. Paradoxerweise führte das nicht zu einer Relativierung, sondern zu einer Bekräftigung der moralischen Zweiteilung in ,Gut‘ und ,Böse‘ mit der Folge, daß von einer Differenzierung des kollektiven Geschichtsbildes noch keine Rede sein konnte.28 Deutlich wurde dies auch in den verschiedenen Affären über die Vergangenheit öffentlicher Personen in diesen Jahren und in den Debatten darüber, die mit großer Emotionalität geführt wurden.29

 

Genauso wie in der Bundesrepublik und in anderen westlichen Ländern wurden in den Niederlanden in den sechziger Jahren neue Fragen gestellt. Im Gegensatz zu den fünfziger Jahren traten das Leiden der jüdischen Bevölkerung und der Mord an den Juden in den Vordergrund, und erst seitdem ist der Holocaust das zentrale Thema in der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und der Besatzungszeit. In den Niederlanden fällt außerdem auf, daß das individuelle Leiden einzelner Menschen in Vergangenheit und Gegenwart zunehmend thematisiert wurde. Als die Regierung Anfang der siebziger Jahre die letzten drei noch inhaftierten deutschen Kriegsverbrecher freilassen wollte, ging ein Sturm der Entrüstung durch die öffentliche Meinung, und als sich herausstellte, daß viele Überlebende der NS-Verfolgung eine Freilassung nicht ertragen könnten, setzte sich die Meinung durch, daß diese humanitären Überlegungen wichtiger seien als das Schicksal der lebenslänglich inhaftierten deutschen NS-Verbrecher. Dieses Argument sollte bis 1989 eine Freilassung blockieren.30 Ebenfalls Anfang der siebziger Jahre zeigten sich bei vielen Überlebenden die psychischen Spätfolgen der Besatzungszeit, und auch in diesem Zusammenhang wurde deutlich, wie sehr das Schicksal einzelner Personen das Interesse von Politik und Gesellschaft auf sich zog. Damals kam der Begriff ‚KZ-Syndrom‘ für die ehemaligen Gefangenen der Nazi-Lager auf, die in Albträumen von ihren Erinnerungen heimgesucht und dadurch in ihrem täglichen Leben so beeinträchtigt wurden, daß sie arbeitsunfähig wurden. 1973 wurde ein Rentengesetz für Verfolgungsopfer verabschiedet, und im selben Jahr wurde eine spezielle Klinik (Centrum 40–45) zur stationären und ambulanten Behandlung von Patienten eröffnet, die unter psychischen Spätfolgen der Kriegszeit litten.31 Genauso wie die verhinderte Freilassung der noch inhaftierten deutschen Kriegsverbrecher waren auch dies Zeichen politischer und gesellschaftlicher Anerkennung individueller Schicksale und Trauer, die in den Niederlanden seitdem zentraler Bestandteil der Erinnerungskultur geblieben sind.

 

Welche Folgen hatten diese Entwicklungen im Umgang mit der Vergangenheit für die bilateralen Beziehungen in den sechziger und siebziger Jahren? Das wachsende Interesse am Zweiten Weltkrieg seit Anfang der sechziger Jahre bedeutete, daß die Besatzungszeit wieder stärker in den niederländischen Deutschlandbildern in den Vordergrund trat. Der deutsche Botschafter in Den Haag berichtete 1960 an das Auswärtige Amt, die Wiederbelebung der Kriegserinnerungen sei für die Bundesrepublik nicht ohne Gefahren und würde zu einer neuen Versteifung der ohnehin ,nur wenig aufgetauten Haltung‘ gegenüber Deutschland und den Deutschen führen. Vor diesem Hintergrund wurde genauso wie Mitte der fünfziger Jahre auf Initiative der deutschen Botschaft hin eine Kampagne in Deutschland gestartet, um Zwischenfälle zu vermeiden. Über die Medien wurde die deutsche Bevölkerung informiert, daß man in den Niederlanden Anfang Mai Ereignissen gedenke, ,die eine besonders negative Beziehung zu Deutschland haben‘. Infolgedessen besuchten 1960 im Vergleich zu dem normalen Touristenverkehr nur wenige Deutsche in diesen Tagen die Niederlande, und denjenigen, die doch fuhren, bekamen beim Überschreiten der Grenze ein Papier mit einer Reihe von Informationen ausgehändigt, das auch einen Verhaltenskodex enthielt: keine Teilnahme an Gedenkversammlungen oder Befreiungsfeiern und kein Café-Besuch am Abend des 4. Mai. Erleichtert und nicht ohne Stolz berichtete der deutsche Botschafter nach den Gedenktagen an das Auswärtige Amt, daß nicht zuletzt aufgrund seiner Initiative Zwischenfälle ausgeblieben seien. Ob dies tatsächlich der Fall war, lässt sich nicht belegen. Allerdings kann man feststellen, daß er den Anstoß zu Maßnahmen gegeben hatte, die zweifellos vernünftig waren und im folgenden Jahr wiederholt wurden.

 

Auch Mitte der sechziger Jahre wurde wiederholt deutlich, wie sehr die (überlieferten) Besatzungserinnerungen Emotionen auf niederländischer Seite hervorrufen konnten. „Sehr beunruhigt wegen der Vergangenheit: Deutscher [...]“, notierte der niederländische Ministerpräsident Jo Cals Anfang Mai 1965 in seinem Tagebuch, nachdem Königin Juliana ihn darüber informiert hatte, daß Prinzessin Beatrix eine Romanze mit einem Deutschen hatte. Name und Hintergrund des Geliebten kannte Cals in diesem Moment noch nicht, aber allein die Nationalität ließ ihn das Schlimmste befürchten.32 Diese ungute Vorahnung des Ministerpräsidenten sollte sich bewahrheiten. „Für uns ist es ein unerträglicher Gedanke, daß Prinzessin Beatrix einen Schritt zu tun beabsichtigt, der sie bald gemeinsam mit einem Deutschen, der in der Zeit unserer größten nationalen Not mit erhobenem Arm dastand und ,Heil Hitler‘ rief, zu den Gedenkversammlungen für unsere Toten führen wird“, hieß es in einer Erklärung ehemaliger Widerstandskämpfer. Auch auf der politischen Ebene gerieten manche auf Abwege. Im Sommer 1965 diskutierte die niederländische Regierung ausführlich über die Notwendigkeit, den Vornamen von Claus-Georg Wilhelm Otto Friedrich Gerd von Amsberg ins Niederländische zu übersetzen. Außenminister Joseph Luns trat energisch für eine Änderung des Rufnamens ein, weil der Name Claus so ,typisch deutsch‘ sei, und er schlug den Namen ,George‘ vor. Obwohl Ministerpräsident Cals die Namensfrage als eine persönliche Angelegenheit von Amsbergs und der königlichen Familie ansah, erhielt Luns im Ministerrat genug Unterstützung für seinen Standpunkt. Dass ,George‘ kein niederländischer Name war, spielte keine Rolle, wohl aber schien von Amsberg offensichtlich akzeptabler, je mehr er ,entdeutscht‘ würde. So wurde Königin Juliana mitgeteilt, daß das Kabinett einen niederländischen Namen bevorzuge. Soweit sollte es schließlich dann doch nicht kommen: Claus blieb Claus, aber seine übrigen Vornamen sollten anlässlich der Einbürgerung ins Niederländische übersetzt werden.33 Kennzeichnend für den ,Empfang‘ für von Amsberg war die Art und Weise, in der die niederländischen Medien ihn über seine Einstellung zum Dritten Reich befragten. Dabei ging es nicht nur um seine eigene Rolle in jenen Jahren – die objektiv gesehen überhaupt keinen Grund zur Aufregung gab –, sondern auch um die Frage, ob er aus niederländischer Sicht fähig und bereit war, sich die Lebenswelt der ,guten‘ Niederlande anzueignen. Bejahte man dies – und nachdem von Amsberg unter dem Joch eines niederländischen Kreuzverhörs bezüglich seiner Haltung zur NS-Zeit hindurchgegangen war, neigten viele dazu –, dann konnte sein deutscher Hintergrund allmählich verblassen, und dann war Akzeptanz möglich.

 

Der Umgang mit der NS-Vergangenheit in beiden Ländern war jedoch nicht nur eine Belastung für das bilaterale politisch-psychologische Verhältnis. Als 1969 Gustav Heinemann Bundespräsident wurde und Willy Brandt Bundeskanzler, waren aus niederländischer Sicht Vertreter des ,anderen‘ Deutschland an die politische Spitze getreten, die auch einen anderen Umgang der Bundesrepublik mit der NSVergangenheit einläuteten. Noch im Jahr seines Amtsantritts besuchte Heinemann die Niederlande, wo er in Amsterdam in der Hollandsche Schouwburg einen Kranz niederlegte. Das war eine offizielle Geste deutscher Reue an einem historischen Ort: In diesem früheren Theater hatte während der Besatzungszeit der Leidensweg für zehntausende Juden angefangen, war doch dieses Gebäude im östlichen Stadtteil von Amsterdam die Sammelstelle für die Juden gewesen, die deportiert werden sollten. Heinemanns eigene Vergangenheit als Mann der Bekennenden Kirche, seine religiös gefärbte Bußfertigkeit und seine moralischen Gesten machten den Besuch zu einem Erfolg – nicht zuletzt, weil sich in der niederländischen Öffentlichkeit die Einsicht durchsetzte, daß sich in Deutschland der Umgang mit der Vergangenheit veränderte.

 

Ein Jahr später besuchte Willy Brandt Warschau und kniete am Mahnmal des Warschauer Gettos nieder. Die Bundesrepublik nahm Konturen an, die es vielen Niederländern erleichterten, ,Frieden‘ mit Deutschland zu schließen.

 

Für die sechziger und siebziger Jahre fallen erneut Ähnlichkeiten zwischen den Niederlanden und der Bundesrepublik im Umgang mit der jüngsten Vergangenheit auf. In beiden Ländern wurden neue Fragen gestellt, wurde der Mord an den Juden intensiv thematisiert und wirkten die Protestbewegungen jener Zeit als Katalysator in einem Prozess der Enttabuisierung. Da dieser Prozess auch mit Emotionalisierung und Moralisierung einherging und in den Niederlanden die Zweiteilung zwischen ,Gut‘ und ,Böse‘ weiter zementiert wurde, kam es auch im bilateralen Verhältnis wiederholt zu Spannungen zwischen den ,guten‘ Niederländern und den ,bösen‘ Deutschen.

 

Gleichzeitig wirkte sich die größere Offenheit in der Bundesrepublik hinsichtlich der NS-Zeit auch positiv im bilateralen psychologischen Verhältnis aus, wie aus der großen niederländischen Sympathie für Gustav Heinemann und Willy Brandt hervorgeht, die sich auch im Gesamtbild der Bundesrepublik und der Deutschen positiv niederschlug.

 

Polarisierung, Historisierung und Differenzierung seit den achtziger Jahren

Auch wenn die Moralisierung im Umgang mit der Vergangenheit nicht verschwand, zeigte sich ab Ende der siebziger Jahre sowohl in den Niederlanden als auch in der Bundesrepublik das Bedürfnis nach Versachlichung, Differenzierung und Nuancierung.

1981 erklärte Bundeskanzler Helmut Schmidt anlässlich eines Besuchs in Saudi-Arabien und deutscher Waffenlieferungen an dieses Land, daß die deutsche Politik der achtziger und neunziger Jahre nicht länger im Schatten der Vergangenheit stehen dürfe. Sein Nachfolger Helmut Kohl setzte den Weg einer ,demonstrativen Normalität‘ in der Außenpolitik mit Nachdruck fort. Während eines Besuchs in Israel 1984 sprach er von der ,Gnade der späten Geburt‘, die für ihn (Geburtsjahr 1930), Gleichaltrige und die folgenden Generationen gelte. Gegen den von Kohl gebrauchten Begriff ist zwar inhaltlich nichts einzuwenden, da er nichts anderes bedeutet, als daß seine und die folgenden Generationen das zufällige und nicht selbst verdiente Glück hatten, aufgrund ihres Geburtsjahres frei von Schuld geblieben zu sein. Kohl erweckte in Israel aber den Eindruck, daß er „mit allen Mitteln des Wortes und der Körpersprache [...] über eine Hintertür den Ausgang aus der historischen Verantwortung in die tagespolitische Normalität suchte“, wie Michael Wolffsohn kritisch feststellte.34

 

Ein vergleichbares Verlangen nach ,Normalität‘ lag Kohls Vorhaben zugrunde, 1985 zusammen mit dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg einen Kranz niederzulegen. Vom linken Flügel des politischen Spektrums wurde dem Bundeskanzler das Fehlen historischen Bewusstseins und moralischer Sensibilität vorgeworfen. So verkörperte er für viele kritische Beobachter innerhalb und außerhalb Deutschlands die in den achtziger Jahren wachsende Bestrebung, die NS-Vergangenheit ruhen zu lassen. Das war sicherlich eine vereinfachte und undifferenzierte Wahrnehmung, aber die achtziger Jahre waren durch eine starke Polarisierung zwischen zwei scheinbar unversöhnlichen Lagern gekennzeichnet, zwischen konservativen ,Relativierern‘ auf der einen und einer Front von ,wahren Hütern‘ des belasteten historischen Erbes auf der anderen Seite.

 

Auch im Historikerstreit wurde 1986 ein derartiges simples Schwarzweißbild des Relativierens und Verdrängens der NS-Vergangenheit einerseits und der schuldbewussten Betonung dieser Vergangenheit als Teil der deutschen Identität andererseits sichtbar. Die Wirklichkeit der achtziger Jahre war aber vielschichtiger und nuancierter, als viele damals meinten. Nach der ersten Konfrontation mit der Vergangenheit gleich nach dem Krieg, der relativen Ruhe der fünfziger Jahre, der Durchbrechung dieser Ruhe ab etwa 1958 und dem moralisierenden Impuls der 68er-Generation war die Bundesrepublik in den achtziger Jahren auf der Suche nach einer neuen Standortbestimmung. Auf diesem Wege waren sicher wiederholt schrille Töne zu hören, und das Streben nach ,Normalität‘ machte zuweilen einen forcierten Eindruck. Aber daß die Diskussion über die Vergangenheit in dieser Zeit mit ihren vielen Gedenkjahren kontrovers geführt wurde, war im Grunde weniger beunruhigend, als es in der Hektik des politischen Alltags oft schien. Sicher strebten viele gut vierzig Jahre nach Kriegsende nach mehr Distanz gegenüber der Vergangenheit. Zweifellos suchten manche auch nach einem Notausgang aus der Geschichte. Aber die Intensität und der Verlauf der Debatte zeigten, daß dieser Notausgang nicht existierte und sich die NS-Vergangenheit – ob man wollte oder nicht –seit langem in die deutsche Identität ,eingebrannt‘ hatte.35

 

Am Ende der achtziger Jahre legte sich die Polarisierung, und es setzte sich im vereinigten Deutschland ein breiter Konsens durch, in dem die NS-Vergangenheit ein schwieriger, doch integraler Bestandteil deutscher Geschichte ist, der sich auch in Gegenwart und Zukunft nicht von der deutschen Politik und Gesellschaft lösen wird. Politische Moralisierung und Instrumentalisierung ließen nach, und die Vergangenheit wurde zunehmend historisiert betrachtet. Diese Versachlichung bedeutete keine Vereinheitlichung historischer Interpretationen oder das Ende von Kontroversen über die Vergangenheit und den Umgang mit ihr (man denke etwa an die Auseinandersetzungen über die Wehrmachtausstellung und das Berliner Holocaust-Mahnmal), aber die frühere Kluft zwischen ,links‘ und ,konservativ‘ ist weitgehend verschwunden. Es hat sich, nicht nur unter Historikern, sondern auch in der breiteren Erinnerungskultur, eine Historisierung der NS-Vergangenheit durchgesetzt, die es möglich macht, den Nationalsozialismus in die Geschichte des 20. Jahrhundert einzuordnen und sich nicht nur mit den moralischen Fragen und Folgen jener Jahre zu beschäftigen. Wichtige Fragen nach dem Alltagsleben unter dem Hakenkreuz, nach dem Maß der Durchdringung der Bevölkerung durch die NS-Ideologie, nach Resistenz und nach den vielen Nuancen zwischen ,Gut‘ und ,Böse‘ waren in der Geschichtswissenschaft bereits seit den siebziger Jahren gestellt worden. Inzwischen scheint es, als ob die nuancierten, differenzierten und manchmal sicherlich auch schockierenden Antworten auf solche Fragen ihren Platz in einem vielschichtigen kollektiven Geschichtsbewusstsein gefunden haben.

 

In der Bundesrepublik war es der Historiker Martin Broszat gewesen, der sich ab den siebziger Jahren für eine Historisierung eingesetzt hatte, in den Niederlanden plädierte Hans Blom in seiner vielbeachteten und immer wieder zitierten Antrittsvorlesung 1983 für einen ähnlichen Weg.36 Blom stellte fest, daß sich die Geschichtsschreibung über die Besatzungszeit bis Anfang der achtziger Jahre zu sehr von moralischen Fragestellungen, von Themen wie Widerstand und Kollaboration, vom Unterschied zwischen ,Gut‘ und ,Böse‘ habe bestimmen lassen und daß Erneuerung notwendig sei. Damit meinte er, daß die Geschichtsschreibung durch die moralische Perspektive von ,Gut‘ und ,Böse‘ in eine Sackgasse zu geraten drohte, weil sich dadurch viele wichtige Fragen nicht stellten – nicht zuletzt die Frage nach der Haltung der Mehrheit der Bevölkerung, die weder ,gut‘ (Widerstand) noch ,böse‘ (Kollaboration) gewesen war, sondern durch Anpassung versucht habe, zu überleben. Blom ging es um eine systematische Analyse der Entwicklung der Stimmung und der Mentalität unter der Bevölkerung zwischen 1940 und 1945, um international vergleichende Forschung (beispielsweise mit Blick auf die Frage, warum 75 Prozent der niederländischen Juden umkamen, während dieser Prozentsatz in allen anderen westlichen Ländern viel niedriger war?) und um die Frage, ob die Besatzungszeit wirklich der bedeutende Bruch in der niederländischen Geschichte gewesen ist, der im kollektiven Geschichtsbild immer wieder hervorgehoben wird. Kurzum: Auch bei Blom ging es, genauso wie in Broszats Plädoyer für eine Historisierung der NS-Vergangenheit in Deutschland, um die Frage nach der Bedeutung jener Zeit in der niederländischen Geschichte. Bloms Plädoyer blieb nicht unwidersprochen,37 aber es wurde schnell deutlich, daß der spätere Direktor des Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie (NIOD, die Nachfolgeorganisation des oben erwähnten RIOD) eine wegweisende Antrittsvorlesung gehalten hatte, die sowohl in der historischen Forschung als auch im breiteren kollektiven historischen Bewusstsein allmählich Spuren hinterließ.

 

Im kollektiven Bewusstsein kam der Durchbruch allerdings erst ein Jahrzehnt später, und zwar im Vorfeld der Gedenk- und Befreiungsfeier des Jahres 1995. Sollte ein halbes Jahrhundert nach 1945 nicht nach neuen Formen des Gedenkens gesucht werden, die auch Deutsche einbeziehen würden? Sollte nicht eine Verschiebung des Schwerpunktes angestrebt werden und anstelle der Niederlage Deutschlands der inzwischen gemeinsame demokratische Normen- und Wertekanon in den Mittelpunkt gestellt werden? Solche Fragen wurden 1994 häufig formuliert, und obwohl sich auf lokaler Ebene verschiedene deutsch-niederländische Initiativen entfalteten, ging der allgemeine Tenor dahin, daß der 4. und 5. Mai nationale Gedenk- und Feiertage bleiben müßten. Die niederländische Regierung, die zur Einbeziehung von Deutschen bereit war, verhielt sich vorsichtig und akzeptierte den ablehnenden Standpunkt des Nationaal Comité 4 en 5 mei. Statt den deutsch-niederländischen Beziehungen einen positiven Impuls zu geben, schien das Gegenteil der Fall zu sein: Der Ausgang der Gedenkdiskussion von 1994 bekräftigte letztendlich den Schatten, den die Besatzungszeit über die bilateralen Beziehungen warf, und auch in der Bundesrepublik hatte man registriert, daß die Niederländer lieber unter sich blieben.

 

Dennoch hatte die Diskussion über das Gedenken einen positiveren Effekt, als es 1994 anfänglich schien. Zum ersten Mal hatte man so offen über ein gemeinsames deutsch-niederländisches Gedenken gesprochen, und verschiedene Gegner hatten zu erkennen gegeben, daß sie nach 1995 solche Initiativen unterstützen würden. Von großer Bedeutung war, daß Königin Beatrix seit Ende 1994 die Diskussion in Richtung auf eine deutsch-niederländische Annäherung lenkte. In ihrer Weihnachtsansprache von 1994 erinnerte sie an den deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus und trat für einen ehrlichen Rückblick in den Niederlanden selbst ein: „Der Widerstand war nicht allgemein; ja, die meisten entschieden sich dafür, so normal wie möglich weiterzuleben, in der Hoffnung selbst zu überleben. Sie schauten darum manchmal in die andere Richtung, wenn am hellen Tag düstere Dinge geschahen. Später trugen sie die verborgene Scham mit sich herum.“ Am Befreiungstag 1995 hielt sie auf der Gedenkversammlung im Ridderzaal in Den Haag den Niederländern vor, daß in Deutschland seit 1945 viele der eigenen Geschichte ,ohne mildernde Worte‘ ins Auge hätten blicken wollen.38 So versuchte die Königin, das zugespitzte Bild von ,Gut‘ und ,Böse‘ über die Jahre 1940

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