Wirksame Stütze

 

War Nato-Generalsekretär Luns Mitglied der holländischen Nazi-Partei? Der Leiter eines Staatsarchivs behauptet das.

Die Regierung blieb hart. Abermals lehnte sie am Donnerstag voriger Woche die Freilassung der letzten drei in Holland einsitzenden deutschen Kriegsverbrecher, der "Drei von Breda", ab: "Aus Rücksicht auf die Gefühle des niederländischen Volkes."

 

An eben diesem Tag waren die Gefühle der Niederländer einer harten Belastungsprobe ausgesetzt. Entsetzt las das gegenüber Nazi-Verbrechen hochempfindliche Volk im "Algemeen Dagblad" " eine ihrer politischen Galionsfiguren sei von 1933 bis 1936 Mitglied der "Nationaal-Socialistische Beweging" der Niederlande (NSB) gewesen: Joseph Luns, 67, Nato-Generalsekretär und langjähriger Außenminister der Niederlande. Luns verschiedene Dementis -- "total irrelevant", eine "Verwechslung" müsse vorliegen, möglicherweise habe sein Bruder ihn in die NSB-Mitgliederliste eintragen lassen -- konnten die Schockwellen wohl abebben lassen.

 

Doch der Mann, der unbeirrt eine Verwechslung ausschließt, ist ein angesehener Wissenschaftler, der der Legende vom geschlossenen Widerstand der Niederländer gegen die Nazis schon so manchen Stoß versetzt hat: Professor Louis de Jong. 64. De Jong wurde vor einem Vierteljahrhundert die Leitung des "Rijksinstituut voor Oorlogsdokumentazie" (Staatsinstitut für Kriegsdokumentation) übertragen; ihm oblag auch, die Vergangenheit des Deutschen Claus von Arnsberg zu durchleuchten, bevor der die Oranierprinzessin Beatrix zum Traualtar führen durfte.

 

Schonungslos rechnete de Jong den Nachbarn der Deutschen vor, wie die NS-Besatzer ihre wirksamste Stütze in der holländischen NSB fanden, der zeitweilig 100 000 Personen angehört haben sollen. Als einzige "Politische Partei" war die NSB von Berlin anerkannt, nachdem ihr "leider" Anton Adriaan Mussert "Ihnen, Adolf Hitler, als germanischem Führer Treue bis in den Tod" gelobt hatte.

 

Holländische Kampfverbände, aufgebaut nach dem Vorbild der deutschen Waffen-SS, verstärkten die deutschen Kampftruppen an der West- und Ostfront: die SS-Standarte "Westland" die später in der 5. SS-Panzergrenadierdivision "Wiking" aufging, die Freiwilligen-Legion "Nederland" sowie die SS-Brigade "Landstorm Nederland".

 

Mussert wurde im Mai 1946 im Alter von 51 Jahren auf dem Waalsdorp Feld bei Den Haag hingerichtet. Insgesamt sind nach dem Krieg in Kriegsverbrecherprozessen in Holland mindestens 141 Menschen zum Tode verurteilt worden, darunter 19 Deutsche. 40 Todesurteile wurden vollstreckt, fünf der Hingerichteten waren Deutsche. Die restlichen Todesstrafen wurden in Lebenslänglich umgewandelt.

 

Außer den "Drei von Breda", Josef Kotälla, Franz Fischer und Ferdinand Hugo aus der Fünten, sind in niederländischen Gefängnissen keine Kriegsverbrecher mehr inhaftiert. Für "Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit" hat das Land 1971 die Verjährungsfrist aufgehoben. Nach 350 Kriegsverbrechern wird noch gefahndet.

 

Niederländer, die der NSB angehörten oder mit den Nazis kollaborierten, tragen heute noch unter ihren Landsleuten das Stigma "fout" (falsch). Wie das plötzliche Aufdecken einer braunen Vergangenheit das Ende einer politischen Karriere bedeuten kann, hat unlängst erst der "Fall Aantjes" gezeigt.

 

Willem Aantjes, 55, galt 20 Jahre lang als einer der progressivsten unter den konservativen Politikern des Landes, bis im November vergangenen Jahres herauskam, daß er 1944 in Mecklenburg dem "Landstorm" beigetreten war. Er kam zurück nach Holland und wurde im Arbeitslager Port Natal bei Assen eingesetzt. Seine Verteidigung, er sei der Waffen-SS nur beigetreten mit dem Ziel, nach Holland zurückversetzt zu werden, um dort unterzutauchen, half ihm nichts. Er mußte unter dem Druck der Öffentlichkeit seinen Posten als Fraktionschef der Regierungspartei CDA räumen.

 

Es war Professor de Jong, der -- ohne Rücksprache mit der Regierung die Dokumente über Aantjes auf den Tisch gelegt hatte. "Schon wieder eine Eigenmächtigkeit von de Jong", kommentierte Oppositionsführer Joop den Uyl die Angaben im Fall des verdächtigten Nato-Generalsekretärs.

 

Viele solcher Eigenmächtigkeiten wird de Jong nicht mehr vornehmen können.,, Auf eigenes Ersuchen", so gab Unterrichtsminister Pais, dessen Ressort das Institut de Jongs untersteht, am Tag der Luns-Veröffentlichung bekannt, geht de Jong am 1. Mai dieses Jahres in den Ruhestand.

 

"Er wurde gegangen", beharrte demgegenüber ein Politiker im Haag, "damit er nicht noch mehr Verheerungen anrichten kann unter der politischen Prominenz der Niederlande."

 

DER SPIEGEL 10/1979

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