Symposium Kriegstraumata

Maria Hermes
Maria Hermes Foto © S. Sternebeck
Kriegstraumata

Im Mittelpunkt des Vortrags von Maria Hermes steht die Positionierung von Psychiatern im Interessenkonflikt zwischen ärztlicher und militärischer Tätigkeit im Ersten Weltkrieg. Schon wenige Wochen nach Kriegsausbruch traf man in den Städten des Deutschen Reichs auf eine hohe Anzahl psychisch erkrankter Soldaten, die aufgrund ihres Erscheinungsbildes in der Bevölkerung "Kriegszitterer" oder "Kriegsschütteler" genannt wurden. Für die militärische Führung war diese sichtbare Störung mit politischen Problemen verbunden. Bei der Therapie von "Kriegsneurotikern" mit Isolierung, Zwangsexerzieren und elektrischen Schlägen ging es nicht um Heilung, sondern um die Disziplinierung der erkrankten Soldaten.
Die Referentin wird bislang unveröffentlichtes Material (Patientenakten) des Reservelazaretts von 1916 und 1918 aus Bremen vorstellen.




Maschinengewehre hinter der Front Vortrag Maria Hermes


„Maschinengewehre hinter der Front“: Disziplinierung statt Heilung? Zur Psychiatrie im
Ersten Weltkrieg.

Vortrag von Maria Hermes M.A.
Symposium Kriegstraumata 20.06.2009

I. Zur Einführung
Zu Beginn des Jahres 1919 erschien in der Zeitschrift „Arbeiterpolitik“ in Bremen eine achtseitige
Broschüre. Mit einem Teil dieses Textes hatte sich sein Verfasser ein Jahr zuvor erstmals politisch
betätigt. Im Februar 1918 forderte er in einem Schreiben an Kaiser Wilhelm II, den seit nunmehr
dreieinhalb Jahren andauernden Krieg umgehend zu beenden und Frieden unter den Völkern zu
erwirken. Das Schreiben wurde in Form eines Märchens verfasst – des „Märchens vom lieben
Gott“. Sein Verfasser war der damals bereits aufgrund seiner Jugendstilbilder berühmte Worpsweder
Künstler Heinrich Vogeler.

Wenige Tage nach der Versendung des „Märchens vom lieben Gott“ an den Kaiser wurde Vogeler
von zwei Vertretern des Heeres zuhause auf dem Barkenhoff in Worpswede aufgesucht und auf die
psychiatrische Beobachtungsstation des Bremer Krankenhauses in der St.Jürgen-Straße gebracht –
nicht ohne vorher, wie er in seinen Erinnerungen schreibt, den beiden Feldgrauen zunächst sein
„Märchen vom lieben Gott“ vorgelesen zu haben, um ihnen zu zeigen, weshalb sie ihn in Worpswede
besuchten. Die Beobachtungsstation, auf die Vogeler kam, war bereits 1911 eingerichtet worden
und sollte den Ärzten am Krankenhaus in der St.Jürgen-Straße die Einweisung von Patienten in das
St.Jürgen-Asyl erleichtern...

Foto_Gerhard Vinnai
Gerhard Vinnai



Gerhard Vinnai thematisiert in seinem Vortrag unter welchen Umständen in den Organisationsformen des Sozialen - und damit verbunden in der Psyche von Einzelnen - ein zerstörerisches Potential erzeugt wird, wie es das Dritte Reich kennzeichnet. Dabei steht weniger ein dämonischer Charakter Adolf Hitlers, sondern eine für Männer seiner Epoche kennzeichnende kollektive Pathologie im Vordergrund.

Professor Dr. Gerhard Vinnai, geb.1940, bis 2005 Professor für Analytische Sozialpsychologie an der Universität Bremen.

Veröffentlichungen, Texte, Auswahl:

“Die Lehrer – ich kann sie nicht leiden.“ Zur Sozialpsychologie der Verachtung von Lehrern (2007)
Andere Wirklichkeiten – Zur Psychoanalyse schulischer Bildungsprozesse (2007)
Zum Fortwirken der Religion in der säkularisierten Moderne (2007)
Kriegstraumata und Faschismus – Zur Genese von Hitlers Vernichtungsantisemitismus (2006)
Religion und Gewalt - Zur Sozialpsychologie des Terrorismus (2005) Ein Gespenst geht um. Warum Adolf Hitler die Deutschen fasziniert. (2004)
Die Liebe zu Krieg und Gewalt. Zur Sozialpsychologie von Kriegsbereitschaft und Terrorismus (2003)

Buchveröffentlichungen:
Fußballsport als Ideologie. Frankfurt a. M. 1970. Digitale Wiederveröffentlichung 2006 (mit aktuellem Vorwort)
Hitler - Scheitern und Vernichtungswut. Zur Genese des faschistischen Täters. Gießen 2004
Jesus und Ödipus. Frankfurt a. M. 1999
Die Austreibung der Kritik aus der Wissenschaft. Psychologie im Universitätsbetrieb. Frankfurt a. M. 1993
Das Elend der Männlichkeit. Heterosexualität, Homosexualität und ökonomische Struktur. Reinbek 1977


Gerhard Vinnai
Kriegstraumata und Faschismus – Zur Genese von Hitlers
Vernichtungsantisemitismus


Veröffentlicht in: Psychosozial, 29. Jhg., Heft 105, Gießen 2006,
Homepage des Verlages: http://www.psychosozialverlag.de

Die folgenden Ausführungen wollen in einer sozialpsychologischen Perspektive deutlich
machen, unter welchen Umständen in den Organisationsformen des Sozialen, und damit
verbunden in der Psyche von Einzelnen, ein zerstörerisches Potential erzeugt wird, wie es das
Dritte Reich kennzeichnet. An der Person Adolf Hitlers soll deshalb nicht in erster Linie
etwas Einmaliges, Besonderes aufgezeigt werden, was ihr vielleicht eine Art dämonischen
Charakter verleihen könnte, an ihr soll vielmehr etwas Allgemeines sichtbar gemacht werden,
was für viele Männer einer Epoche kennzeichnend war. Hitler bringt auf seine Art eine aus
sozialen Krisen resultierende kollektive Pathologie zum Ausdruck, die die
nationalsozialistische Politik zu organisieren vermochte, und die in Verbindung mit
machtvollen sozialen Interessen Einfluss erlangte.1

I
In der Geschichtsschreibung, besonders in der angelsächsischen, gilt der Erste Weltkrieg als
„Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts. Der deutsche Faschismus, der Zweite Weltkrieg und
der Holocaust sind dieser Position zufolge nur zu begreifen, wenn man sie zum
Ersten Weltkrieg in Beziehung setzt. Der britische Historiker Ian Kershaw schreibt in seiner
Hitlerbiografie: „Der Krieg und die Folgen haben Hitler geschaffen.“2 Hitler selbst äußert vor
seinen Anhängern in Bezug auf das Deutsche Heer, das im Ersten Weltkrieg im Einsatz war:
„Ohne das Heer wären wir alle nicht da, wir sind einst alle aus dieser Schule gekommen“3.
Der Erste Weltkrieg war Hitlers zentrale Bildungserfahrung. Sein politisches Weltbild ist an
den Krieg gebunden. Das faschistische Führerprinzip entspringt, wie er in „Mein Kampf“
dargestellt hat, dem auf Befehl und Gehorsam beruhenden Organisationsprinzip des
preußischen Militärs, der faschistische Führer muss für Hitler immer zugleich auch Soldat
sein, Politik ist für Hitler Krieg oder Kriegsvorbereitung.
Verschiedene Historiker haben schon die These vertreten, dass in der faschistischen
Gewaltpolitik Kriegstraumatisierungen aus dem Ersten Weltkrieg fortwirken. Sie haben sie,
wahrscheinlich aufgrund ihrer mangelnden psychologischen Kenntnisse, nicht genauer
ausgeführt. Im Folgenden sollen nun Befunde vorgetragen werden, die die Annahme genauer
stützen können, dass faschistische Gewalt mit Kriegstraumatisierungen aus dem
Ersten Weltkrieg verknüpft ist. Es soll mit Hilfe von Einigem, was wir über die Biografie
Adolf Hitlers wissen, darauf hingewiesen werden, dass sein Bestreben, die Juden zu
vernichten, entscheidend von traumatischen Kriegserfahrungen mitbestimmt sein dürfte...

Lesen Sie bitte den vollständigen Test in der folgenden PDF-Daei.

Vortrag Gerhard Vinnai_Kriegstraumata und Faschismus

Vinnai_Kriegstraumata_und_Faschismus.pdf Vinnai_Kriegstraumata_und_Faschismus.pdf (101,4 kB)
Oberstabsarzt Karl Hfeinz Biesold
Oberstabsarzt Biesold


Karl-Heinz Biesold betrachtet das Phänomen der Kriegstraumata vor dem Hintergrund der aktuellen Bundeswehreinsätze. Sie haben sich seit dem Ende des „Kalten Kriegs“ grundlegend verändert und stellen außergewöhnliche Anforderungen an die Soldaten und ihre Familien. Kurzfristige oder länger dauernde Extremsituationen (potentiell traumatisierende Ereignisse) können dabei die Belastungsverarbeitung überfordern, so dass typische Symptome wie wiederkehrende Bilder in Flashbacks oder Alpträumen, ein erhöhtes Erregungsniveau, Schlafstörungen, Vermeidungsverhalten, aber auch die Erschütterung des soldatischen Selbstverständnisses bis hin zum Motivationsverlust oder Dienstunfähigkeit zu beobachten sind.

Angaben zur Person

Biesold, Karl-Heinz, Dr. med., Oberstarzt   Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Psychotherapie

Bundeswehrkrankenhaus Hamburg
Abt. Psychiatrie und Psychotherapie
Bundeswehr-Zentrum für Psychotraumatologie
Lesserstr. 180
D 22049 Hamburg

Tel.:    0049 40 – 6947 1600
Fax:    0049 40 – 6947 2922
e-mail:     karlheinzbiesold@bundeswehr.org

Wir können Ihnen leider nicht den Vortrag von Dr. Biesold, aber sein "Handout" des Vortrages als PDF-Datei zur Verfügung stellen.


http://www.bundeswehrkrankenhaus-hamburg.de/portal/a/hamburg/kcxml/04_Sj9SPykssy0xPLMnMz0vM0Y_QjzKLN_SNd7P0BclB2Z76kZiiFr5IokEpqfre-r4e-bmp-gH6BbmhEeWOjooAmJmuDQ!!/delta/base64xml/L2dJQSEvUUt3QS80SVVFLzZfMU1fRkNC?yw_contentURL=/01DB081000000001/W277ND43677INFODE/content.jsp

http://www.bundeswehrkrankenhaus-hamburg.de/portal/a/hamburg/kcxml/04_Sj9SPykssy0xPLMnMz0vM0Y_QjzKLN_SNd3N2AslB2Jae-pFQli9C1MIXJgpUG5SSqu_rkZ-bqu-tH6BfkBsaUe7oqAgAcYVpKg!!/delta/base64xml/L3dJdyEvd0ZNQUFzQUMvNElVRS82XzFNX0ZDQQ!!

Oberstarzt Dr Karl Heinz Biesold_Handout des Vortrags

K_H_Biesold_Handout Bremen 20.06.2009 PTBS [Kompatibilitaetsmodus].pdf K_H_Biesold_Handout Bremen 20.06.2009 PTBS [Kompatibilitaetsmodus].pdf (4.060,5 kB)

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