Wolfram Wette Kriegsverrat bleibt ein Tabu

Buchumschlag W. Wette, D.Vogel, Das letzte Tabu, Bundeszentrale für politische Bildung
Wolfram Wette Detlev Vogel (Hrsg.) Das letzte Tabu

Weser-Kurier 20.06.2009

Kriegsverrat bleibt ein Tabu

Rehabilitierung verzögert sich / Historiker spricht in Bremen
Von Mario Assmann

Bremen. Ausgebremst, kurz vor dem Ziel. Nach jahrelangem Streit ist die Rehabilitierung sogenannter Kriegsverräter jetzt greifbar nahe gewesen. Doch seit Mittwoch steht fest: Wenn nicht noch eine faustdicke Überraschung gelingt, muss sich auch der 17. Bundestag mit der Hängepartie beschäftigen. Zu denjenigen, die dies bedauern und für eine Aufhebung der Urteile aus dem Zweiten Weltkrieg plädieren, gehört der Historiker Wolfram Wette. Am Montag spricht er in Bremen über „das letzte Tabu. NS-Militärjustiz und Kriegsverrat“.

Wettes gleichnamiges Buch gilt als Standartwerk, der Rat des Geschichtswissenschaftlers ist gefragt. Die jüngste politische Entwicklung habe ihn überrascht, wie Wette im Gespräch mit dieser Zeitung sagt. Denn die Debatte schien festgefahren, als sich 126 Bundestagsabgeordnete hinter einen fraktionsübergreifenden Antrag zugunsten einer Kriegsverräter Rehabilitierung stellten.

Wolfram Wette / Detlev Vogel (Hrsg.)
Das letzte Tabu
NS-Militärjustiz und "Kriegsverrat"
Bundeszentrale für politische Bildung
Schriftenreihe Band 685
ISBN 978-3-89331-864-g

URL: http://www.bpb.de

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Schriftliche Stellungnahme von Professor Dr. Wolfram Wette_Öffentlichen Anhörung _im Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages am 5. Mai 2008

Professor Dr. Wolfram Wette stellt uns diese Stellungnahme an Stelle des Vortrags, gehalten in Bremen zur Verfügung. Als PDF finden Sie ebenfalls die mündliche Stellungnahme.

Schriftliche Stellungnahme
von Professor Dr. Wolfram Wette,
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Historisches Seminar,
vormals, 1971-1995, Historiker im Militärgeschichtlichen Forschungsamt Freiburg,
zur Vorbereitung der Öffentlichen Anhörung als Sachverständiger
im Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages am 5. Mai 2008


1. Kriegsverrat im NS-Recht

1934, also schon zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft, erhielt der einschlägige Paragraph 57 des Militärstrafgesetzes von 1872 eine entscheidende Änderung. Sie sah für Kriegsverrat generell die Todesstrafe vor. Gleichzeitig fielen alle konkreten Tatbestandsbeschreibungen, die vordem im Gesetz aufgelistet waren, zugunsten allgemeiner Formulierungen weg. Wegen Kriegsverrats wird bestraft, so hieß es jetzt, wer es unternimmt, „der feindlichen Macht Vorschub zu leisten und der Kriegsmacht des Reiches oder seiner Bundesgenossen einen Nachteil zuzufügen“ (§ 91 b des Strafgesetzes, auf welches der geänderte § 57 des Militärstrafgesetzes Bezug nahm). Das aber war eine Definition, die sich nahezu beliebig ausdehnen ließ. Bei dem während des Zweiten Weltkrieges von der deutschen Militärjustiz angewendeten Kriegsverrats-Paragraphen handelte es sich also um NS-Recht.

2. Schwinge-Kommentare zum Kriegsverrats-Paragraphen:

Die Kommentare des wohl einflußreichsten zeitgenössischen Interpreten des Militärstrafgesetzbuches, Erich Schwinge, lassen eine fortschreitende Entgrenzung der Tatbestandsbeschreibung erkennen. Aus seiner Sicht erfüllte bereits eine pazifistische Gesinnung den Tatbestand des Kriegsverrats, und seit dem Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges im Juni 1941 reichte die kommunistische Gesinnung eines Wehrmachtsoldaten aus, um den Straftatbestand des Kriegsverrats zu erfüllen. Ein Kontakt zu russischen Kriegsgefangenen konnte ähnlich gewertet werden. - Hier wird deutlich, was Hitler und die in seinem Dienst stehenden Militärjuristen mit dem pauschal formulierten Kriegsverrats-Paragraphen beabsichtigten: Sie wollten den Kriegsrichtern zusätzlich zu den übrigen, präziser formulierten Straftatbeständen des Militärstrafgesetzbuches einen allgemeinen justiziellen Schlagstock an die Hand geben, um Wehrmachtangehörige, die in irgendeiner Weise den Interessen der kämpfenden Volksgemeinschaft zuwider handelten, vernichten zu können. Die wegen Kriegsverrats ergangenen Todesurteile sprechen genau diese Sprache.

3. Dokumentation von Todesurteilen wegen Kriegsverrats als Basis der Beurteilung

Die Zuständigkeit für den Straftatbestand Kriegsverrat (für die Fälle nach §§ 57, 59, 60 MStGB) lag seit Kriegsbeginn grundsätzlich beim Reichskriegsgericht. Für Angehörige des im Operationsgebiet befindlichen Feldheeres konnten auch die Feldkriegsgerichte tätig werden. Im Herbst 1944 wurde die Zuständigkeit auf den Volksgerichtshof und die neu eingerichteten Standgerichte ausgedehnt.
   In der Quellensammlung „Das letzte Tabu. NS-Militärjustiz und Kriegsverrat“* werden die wegen Kriegsverrats verhängten Todesurteile des Reichskriegsgerichts, des Volksgerichtshofs und einzelne Feldkriegsgerichtsurteile dokumentiert. Die Urteile der Feldkriegsgerichte insgesamt, die seit 2005 im Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg verwahrt werden, sind noch nicht erschlossen. Es handelt sich um einen Bestand von 180.000 Akten, die ein Volumen von 926 laufenden Metern haben. Eine systematische statistische und inhaltliche Auswertung steht noch aus.

4. Handlungen, die zur Verurteilung wegen Kriegsverrats führen konnten

Es gab Soldaten, die den Kriegsgegnern Deutschlands Informationen über Angriffspläne zuspielten und sich damit gegen das NS-System stellten. Wehrmachtsoldaten in österreichischen Widerstandsgruppen organisierten bewaffneten Widerstand gegen das NS-Regime. Mit ihren Handlungen begingen sie Hochverrat, der dadurch zum Kriegsverrat wurde, dass diese Soldaten beabsichtigten, mit den einmarschierenden Truppen der späteren Siegermächte zusammen zu arbeiten. Die Überläufer zu den Partisanen hatten vermutlich ebenfalls meist politische Motive. Neben den Widerstandskämpfern bringt ein Teil der Kriegsgerichtsurteile unbotmäßige einfache Soldaten in unser Blickfeld, die den Krieg ablehnten, die sich gegen Vorgesetztenwillkür auflehnten, die entgegen den Befehlen anständig mit  Kriegsgefangenen umgingen oder verfolgten Juden halfen. Diesen Soldaten war meist nicht einmal bekannt, was der Begriff Kriegsverrat überhaupt bedeutete und welche Strafe das Militärstrafrecht für ihn androhte. Zu Kriegsverrätern wurden sie insoweit erst durch die NS-Militärjustiz gemacht. Die Sachverhalte, die zur Verurteilung wegen Kriegsverrats führen konnten, waren also sehr unterschiedlich. Gelegentlich unterstellte die Militärjustiz politische Motive, wo sie gar nicht erwiesen waren. Nicht wenige der verurteilten Soldaten, so scheint es, wurden eher zufällig vom Kriegsverrats-Paragraphen 57 des Militärstrafgesetzbuches erfasst. Die Militärrichter hätten ebenso gut den Straftatbestand der Wehrkraftzersetzung oder einen anderen Paragraphen gegen sie zur Anwendung bringen können.

5. Waren die wegen Kriegsverrats Verurteilten widerständige Soldaten?

Wie eine qualitative Analyse der dokumentierten Fälle ergeben hat, handelten keineswegs alle 68 Soldaten, die wegen Kriegsverrats verurteilt wurden, im Sinne eines bewussten politischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Aktiven Widerstand leisteten, so weit dies den Urteilen zu entnehmen ist, wahrscheinlich 27 der wegen Kriegsverrats Verurteilten. Weitere 19, also ein knappes Drittel dieser Opfer der NS-Militärjustiz, verfolgten offenbar das Ziel, auf irgendeine Weise etwas zur Beendigung des Krieges beizutragen, was ebenfalls als ein widerständiges Verhalten betrachtet werden kann. Bei dem verbleibenden Drittel ist ein widerständiges Potential nicht ohne weiteres zu erkennen, was allerdings auch der für die Kriegsgerichtsurteile typischen Verfolgerperspektive geschuldet sein kann.
  
6. Landes- und Kriegsverrat von Mitgliedern des konservativen Widerstandes

Bereits vor Kriegsbeginn 1939 und während des Zweiten Weltkrieges hatten Angehörige des konservativen Widerstandes immer wieder Kontakte mit führenden Persönlichkeiten der Feindmächte, also landes- und kriegsverräterische Auslandskontakte. Sie verstanden sich als deutsche Patrioten. Um einen exemplarischen Fall zu nennen: Josef Müller und Hans v. Dohnanyi aus dem Amt Ausland/Abwehr des OKW fertigten im Frühjahr 1940, nach diversen Sondierungskontakten mit der Regierung in London, einen sogenannten „X-Bericht“ über die britischen Bedingungen für eine Zusammenarbeit mit dem nationalkonservativen deutschen Widerstand an. Darin war die Rede von: Beseitigung Hitlers und Ribbentrops, Neubildung einer deutschen Regierung bei klarer Trennung von den bisherigen Machthabern des NS-Regimes, Fortbestand der deutschen Grenzen von 1937. Generalstabschef Franz Halder ließ diesen Bericht im April 1940 seinem Vorgesetzten, dem – in die genannten Auslandskontakte eingeweihten – Oberbefehlshaber des Heeres, General Walther v. Brauchitsch, überbringen. Brauchitsch ließ Halder durch den General Georg Thomas Folgendes ausrichten: „Sie hätten mir das nicht vorlegen sollen. Das ist glatter Landesverrat, das mitzumachen kommt für mich unter keinen Umständen in Frage. Im Krieg ist für den Soldaten keinerlei Verbindung mit einer ausländischen Macht zulässig.“ Darüber hinaus verlangte v. Brauchitsch die Verhaftung der an der Aktion beteiligten Hitler-Gegner. Halder setzte sich über diesen Befehl jedoch hinweg. Die Angelegenheit wurde nicht weiter verfolgt. In diesem und vielen vergleichbaren Fällen blieb eine kriegsgerichtliche Verfolgung aus. Offenbar gab es Doppelstandards für Angehörige der Elite und für den „kleinen Mann“ in Uniform.

7. Die Legende von der Gefährdung von Kameraden durch Kriegsverräter

In den Beratungen des Deutschen Bundestages hat das Argument eine Rolle gespielt, es sei  nicht auszuschließen, dass die von den sogenannten Kriegsverrätern begangenen Handlungen „eine Lebensgefährdung für eine Vielzahl von Soldaten“ mit sich gebracht hätten, was auch im Falle eines völkerrechtswidrigen Angriffskrieges nicht entschuldbar sei. In der Tat haben sowohl Angehörige des konservativen Widerstandes - Zivilisten und Militärs - als auch Personen aus der Berliner Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ militärische Angriffsplanungen verraten. Es ist jedoch nicht erkennbar, dass diese Informationen zu einer unmittelbaren Lebensgefährdung einer Vielzahl deutscher Soldaten geführt hätten. Die meisten „kleinen Leute“ in Uniform hatten zu einem Geheimnisverrat dieser Art gar keine Gelegenheit. – Das Argument macht auf einer größeren Ebene Sinn: Eine Lebensgefährdung für einen Vielzahl deutscher Soldaten ging von Hitler und der willfährigen Wehrmachtelite aus, die Europa mit Angriffskriegen überzogen, in deren Folge mehr als 50 Millionen Menschen ihr Leben verloren.

8. Aufhebung des Todesurteils gegen General v. Seydlitz 1955

Der einzige hochrangige Offizier der Wehrmacht, der wegen Kriegsverrats zum Tode verurteilt wurde, war General Walther von Seydlitz-Kurzbach. Er geriet nach der Schlacht von Stalingrad, im Januar 1943, in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Dort trat er dem Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) und dem Bund Deutscher Offiziere (BDO) bei und übernahm in beiden Organisationen Führungspositionen. Er rief die im Osten kämpfenden Wehrmachttruppen in Flugblättern dazu auf, sich auf die Reichsgrenzen zurückzuziehen, sich gegen das NS-Regime zu erheben und eine Beendigung des Krieges zu erzwingen. Als Reaktion auf diese Frontpropaganda wurden gegen fast 300 Mitglieder von NKFD und BDO Strafermittlungsverfahren wegen „Verrat und Treuebruch“ in Abwesenheit eingeleitet. Das Reichskriegsgericht verurteilte Seydlitz am 16. April 1944 in Abwesenheit wegen Hoch- und Kriegsverrats zum Tode. Das Todesurteil gegen den „Kriegsverräter“ Seydlitz wurde bald nach dessen Heimkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft im Jahre 1955 durch das Landgericht Verden an der Aller aufgehoben. Die Strafkammer bescheinigte ihm, ein Widerstandskämpfer gegen das NS-System gewesen zu sein. So erfuhr der General vom demokratischen Deutschland Gerechtigkeit. Die Todesurteile gegen die „kleinen Leute“ in Uniform dagegen sind nach wie vor gültig. Sie müssen auf diese Gerechtigkeit bis heute warten.

9. Fazit

Die meisten der wegen Kriegsverrats verurteilten Wehrmachtsoldaten leisteten auf unterschiedliche Weise politischen Widerstand gegen das NS-Regime, andere halfen verfolgten Juden oder Kriegsgefangenen, wieder andere desertierten und liefen zu den Partisanen über. Selbst die einseitig von der Betrachtungsweise der NS-Militärrichter geprägten Quellen lassen erkennen, dass die meisten Fälle von „Kriegsverrat“ politisch oder moralisch/ethisch motiviert waren. Sie waren Opfer einer willkürlich urteilenden und gnadenlosen NS-Militärjustiz. Wer Widerstand gegen das verbrecherische NS-Regime für legitim hält, sollte den wegen Kriegsverrats Verurteilen die Rehabilitierung nicht verweigern.

Literaturhinweise

*Wolfram Wette/Detlef Vogel (Hrsg.): Das letzte Tabu. NS-Militärjustiz und Kriegsverrat. Mitarbeit von Ricarda Berthold und Helmut Kramer. Mit einem Vorwort von Manfred Messerschmidt. Berlin (Aufbau-Verlag) 2007.

Lizenzausgabe der Bundeszentale für politische Bildung (Schriftenreihe Bd. 685). Bonn 2008.

Wolfram Wette: Die Verratenen. In: DIE ZEIT Nr. 18, 24.4.2008, S. 96 (“Zeitläufte“).


NS-Militärjustiz und "Kriegsverrat"


Weser-Kurier, Stadtteilkurier  22.06.2009

NS-Militärjustiz und "Kriegsverrat"

Wolfram Wette spricht heute Abend
Altstadt (xck). "Das letzte Tabu. NS-Militärjustiz und Kriegsverrat" ist der Titel eines  Vortrags, den Professor Wolfram Wette von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg am heutigen Montag ab 19.30 im Domkapitelsaal, Domsheide 8, hält. Auf Einladung der Bremer Stiftung „Die Schwelle“ spricht Wette über Männer, die zwischen die Mühlen der NS-Justiz gerieten. 

Als „Kriegsverräter“ gebrandmarkt wurden die Wehrmachtssoldaten zum Tode verurteilt. Wer entkam, wurde von einstigen Kriegskameraden mitunter noch Jahrzehnte später als Verräter, Feigling oder Drückeberger beschimpft. Der Deutsche Bundestag hat die verurteilten Soldaten bis heute nicht in seine Rehabilitierungspolitik einbezogen.

Selbst 2002 noch, als die Deserteure des zweiten Weltkrieges endlich pauschal rehabilitiert wurden, klammerte das Parlament die so genannten Kriegsverräter aus – und das obwohl die wegen Landesverrats und Spionage ergangenen Urteile längst aufgehoben sind.

Gemeinsam mit weiteren Militärhistorikern hat Professor Wette Urteile wegen Kriegsverrats zusammengetragen und in dem Buch „Das letzte Tabu. NS-Militärjuristen und Kriegsverrat“ publiziert (erschienen ist es im Aufbau-Verlag Berlin 2007 und bei der bundeszentrale für politische Bildung). In seinem Vortrag zeigt er auf, dass die meisten Urteile nicht einmal unter der damals geltenden Militärgesetzgebung rechtmäßig waren. Denn die meisten Verurteilten hatten keineswegs landesverräterische Kontakte zu Feindmächten. Vielmehr handelte es sich um unbotmäßige oder widerständige Männer mit moralischen oder politischen Motiven.

Der Vortrag ist Teil des Begleitprogramms zur Ausstellung „Was damals Recht war…Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht“, die bei freiem Eintritt noch bis zum 28. Juni in der Unteren Rathaushalle zu sehen ist.

Interview zu NS-Urteilen gegen "Kriegsverräter" Nach 1945 diffamiert - bis heute nicht rehabilitiert

ARD 26.08.2009 Tagesschau

Interview zu NS-Urteilen gegen "Kriegsverräter"
Nach 1945 diffamiert - bis heute nicht rehabilitiert

Sie galten als Verbrecher und wurden von der NS-Justiz zum Tode verurteilt: angebliche Kriegsverräter. Nun ist der Weg für ihre Rehabilitierung geebnet. Der

Rechtsausschuss des Bundestags verabschiedete einstimmig eine Beschlussempfehlung an das Parlament, die NS-Unrechtsurteile pauschal aufzuheben. Dies soll am 8. September geschehen. Der Historiker Wette spricht mit tagesschau.de über ein "schändliches Tabu", wie er es nennt.

tagesschau.de: Herr Wette, der Bundestag wird am 8. September aller Voraussicht nach die Aufhebung der Urteile der NS-Militärjustiz gegen die angeblichen

Kriegsverräter beschließen. Warum geschieht diese Rehabilitierung so spät?

Wette: Es hat über Jahrzehnte politische Vorbehalte gegeben, die mit dem langen Schatten der Geschichte des deutschen Militarismus und Nationalismus zusammenhängen, der auch nach 1945 noch über dem Land lag. Konservative Politiker hatten die Befürchtung, dass mit einer Rehabilitierung der Verurteilten die Militärrichter pauschal verurteilt würden.

Diese Vorbehalte haben ihre Ursache in der Unkenntnis der Sache, welche Handlungen diejenigen Soldaten begangen hatten, die wegen Kriegsverrats zum Tode verurteilt wurden. Diese Unkenntnis führte auch dazu, dass die Parlamentarier 2002 – damals hatten wir eine rot-grüne Bundesregierung – entschieden, die von der NS-Justiz als Kriegsverräter Verurteilten explizit von der Rehabilitierung auszunehmen.

Wolfram Wette Foto: Sylvia Timm (Foto: sti) Zur Person: Professor Wolfram Wette ist Professor für Neueste Geschichte in Freiburg im Breisgau. Zusammen mit Detlef Vogel hat der Militärhistoriker 2007 das Buch "Das letzte Tabu - Militärjustiz und Kriegsverrat" herausgegeben. Die Erkenntnisse ihrer Forschung waren Grundlage für den Meinungsbildungsprozess im Parlament zur Rehabilitierung der von nationalsozialistischen Richtern verurteilten "Kriegsverräter".

Sylvia Timm

tagesschau.de: Warum wurden sie nicht in das Rehabilitierungsgesetz aufgenommen?

Wette:  Für nationalistisch Gesinnte galt Kriegsverrat als das schlimmste aller Verbrechen. Der Bundesregierung wurde vermittelt, dass das ganz schlimme Leute gewesen seien, die ihre Kameraden verraten hätten. Das ist aber ein fiktives Szenario. Das ist nach unseren Forschungen kein einziges Mal der Fall gewesen. Lange Zeit hat man das auch den Deserteuren nachgesagt, konnte jedoch auch dafür keine Beweise beibringen.
Es ging um banale Dinge

tagesschau.de: Wer wurde unter dem NS-Regime als Kriegsverräter angeklagt und wer als Deserteur?

Wette:  Ganz einfach erklärt: Der Deserteur hat seine Truppe verlassen mit der Absicht, nicht zurückzukehren. Das musste aber nicht verbunden sein mit dem Verrat von Geheimnissen. Deshalb hat man formal auch abgetrennt über die Rehabilitierung der Deserteure und derjenigen, die wegen Kriegsverrats verurteilt worden waren, entschieden. Bei genauer Prüfung hat sich aber herausgestellt, dass viele Fälle gar nichts mit einem Verrat kriegswichtiger Informationen zu tun hatten.

tagesschau.de: Können Sie uns Beispiele dafür nennen?

Wette: Unsere historischen Recherchen haben ergeben, dass es oft um banale Dinge ging. Da hatte beispielsweise eine Gruppe von Soldaten, die unter Stress stand durch vorherige Kampfhandlungen mit der Roten Armee, zu viel Alkohol getrunken und auf ein Hitlerbild geschossen. Das hat gereicht, um 17 Soldaten des Kriegsverrats zu beschuldigen und zum Tode zu verurteilen. Oder es hat schon ausgereicht, dass ein Soldat sich mit russischen Kriegsgefangenen über politische Themen unterhalten hat. Der Richter hat dann entschieden, derjenige habe damit Partei für die gegnerische Seite ergriffen. Oder Soldaten, die Juden geholfen haben – auch sie ereilte das gleiche Schicksal: Sie wurden zum Tode verurteilt.

Wir können das heute gar nicht mehr nachvollziehen. Widerständisches Handeln, ja selbst nur widerspenstiges Verhalten, wurde erbarmungslos mit der Höchststrafe belegt. Die NS-Militärjustiz hat insgesamt etwa 30.000 Todesurteile gefällt, von denen etwa 20.000 vollstreckt wurden.
Gefangennahme von vermutlichen Deserteuren durch Soldaten der Wehrmacht (Foto: picture-alliance / akg-images) [Bildunterschrift: Gefangennahme von vermutlichen Deserteuren durch Soldaten der Wehrmacht: Deserteure wurden im nationalsozialistischen Unrechtsstaat nicht immer wegen angeblichen Kriegsverrats angeklagt.
Archivfoto (vermutlich 1944) ]

Todesurteile wurden schnell vollstreckt

tagesschau.de: Gab es denn Überlebende? Wie wurden sie in der Nachkriegsgesellschaft behandelt?

Wette: Wegen Kriegsverrats angeklagte Überlebende gab es nicht, mit Ausnahme des in Abwesenheit verurteilten Generals von Seydlitz-Kurtzbach. Die Hinrichtungen wurden sehr schnell vollstreckt. Aber es gab wegen Desertion oder Hochverrats zu lebenslanger Haft Verurteilte, die überlebt haben. Sie wurden auch nach 1945 verleumdet und diffamiert. Denn das Denken in nationalsozialistischen Kategorien hat ja noch jahrzehntelang nachgewirkt.

Anders ist es ja auch gar nicht zu erklären, dass erst ab etwa 1980 eine Debatte über die Rehabilitierung der Deserteure aus der Nazi-Zeit begonnnen hat.

Dann hat es dann noch einmal – man muss wirklich sagen: schändliche - mehr als zwanzig Jahre gedauert, bis sich eine Mehrheit im Bundestag für die Rehabilitierung gebildet hat. Und dann hat es noch einmal sieben Jahre gedauert, bis die wegen Kriegsverrats verurteilten Soldaten zu ihrem Recht gekommen sind. Man muss bedenken: Sie galten bis dahin als Verbrecher, die die Todesstrafe verdient hatten.

tagesschau.de: Ihr Buch "Das letzte Tabu - Militärjustiz und Kriegsverrat", das Sie 2007 zusammen mit Detlef Vogel veröffentlicht haben, hat ja zur Entscheidungsfindung beigetragen. Inwiefern?

Wette: Wir haben herausgearbeitet, dass unter dem Willkürvorwurf "Kriegsverrat" viele Akte zivilen Widerstands geahndet worden sind. Diese Erkenntnisse haben wir in den politischen Meinungsfindungsprozess eingebracht, um deutlich zu machen, dass die Politiker 2002 nicht nur übervorsichtig waren, sondern dass ihre Entscheidung auf falschen Annahmen beruhte. Uns war wichtig klarzumachen, dass es an der Zeit ist, mit diesem letzten Tabu der Militärjustiz der NS-Zeit aufzuräumen.

"Endlich Gerechtigkeit"

tagesschau.de: Ist denn diese späte Genugtuung überhaupt noch eine Genugtuung? Ludwig Baumann, der Vorsitzende der "Bundesvereinigung Opfer der Militärjustiz", sagt ja, für ihn gehe damit ein Traum in Erfüllung.

Wette:  Er musste jahrzehntelang mit dem Trauma leben, ein Krimineller zu sein. Das NS-Urteil gegen ihn als Deserteur wurde erst 2002 aufgehoben, das heißt, er musste von 1945 bis dahin damit leben, als Krimineller abgestempelt zu sein. Für ihn selbst und im Namen seiner Kameraden, die mit dem Tode bestraft wurden, ist es fraglos eine Genugtuung, dass ihnen endlich Gerechtigkeit widerfährt, indem jetzt alle rehabilitiert werden. Damit ist endlich auch diese Scharte in unserer Erinnerungskultur ausgewetzt.

 Das Interview führte Nea Matzen, tagesschau.de

http://www.tagesschau.de/inland/kriegsverraeter104.html

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