„Die Post von Danzig“

Dieter Schenk
Dieter Schenk

Eine der ersten Kriegshandlungen der deutschen Wehrmacht beim Überfall auf das Nachbarland Polen war der Angriff auf das Polnische Postamt im Freistaat Danzig. Die 38 überlebenden Verteidiger wurden wegen „Freischärlerei“ von einem deutschen Feldkriegsgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet. Günter Grass hat diesen Männern in seiner „Blechtrommel“ ein Denkmal gesetzt.

Der damals amtierende Richter Dr. Kurt Bode begann in Danzig seine Rolle als Blutrichter. Er wirkte an hunderten von weiteren Todesurteilen im besetzten Polen mit. Nach 1945 wurde er nicht etwa zur Rechenschaft gezogen, sondern machte im Nachkriegs-Bremen Karriere als Vizepräsident des Hanseatischen Oberlandesgerichts.

Dieter Schenk, Jahrgang 1937, war von 1980 -1988 Kriminaldirektor beim Bundeskriminalamt. 1989 stellte er den Antrag auf vorzeitiges Ausscheiden aus dem Polizeidienst wegen unüberbrückbarer Gegensätze zum BKA.

Forschungen über Nationalsozialismus, besonders während der Besetzung Polens. Ehrenbürger der Stadt Danzig, seit 1998 Honorarprofessor der Universität Lodz. Verfasser von Büchern über das BKA, u.a. „Auf dem rechten Auge blind – Die braunen Wurzeln des BKA“ 2001.

1995 erschien bei Rowohlt das Buch: Die Post von Danzig. Geschichte eines deutschen Justizmordes.


Weser-Kurier Stadtteilkurier vom 17.6.2009

 ZEITUNG FÜR SCHWACHHAUSEN • HORN-LEHE • OBERNEULAND • BORGFELD

 
Karriere trotz NS-Belastung
Dieter Schenk spricht über früheren Bremer Richter Kurt Bode

Altstadt (scd). Erst durch Dieter Schenks Buch "Die Post von Danzig - Geschichte eines deutschen Justizmords" wurde 1996 die Nazi-Vergangenheit von Kurt Bode, nach dem Krieg Richter am Oberlandesgericht Bremen, bekannt. Am Mittwoch, 17. Juni, ist Schenk, der als Kriminalbeamter beim Bundeskriminalamt tätig war, im Rahmen der Ausstellung "Was damals Recht war" in Bremen zu Gast und berichtet ab 19 Uhr auf einer öffentlichen Veranstaltung im Schwurgerichtssaal des Landgerichts, Domsheide 16, über seine Recherchen.

1939 verurteilte Bode als Vorsitzender eines Feldkriegsgerichts 38 Postler, die das Danziger Postamt gegen SS- und SA-Leute verteidigt hatten, wegen "Freischärlerei" zum Tode. Die Postler wurden erschossen. Bode wurde nie belangt und machte nach dem Krieg eine steile juristische Karriere.

1998 kam es aufgrund von Schenks Buch auf Anordnung des Bundesgerichtshofs zur Wiederaufnahme des Prozesses von 1939 vor dem Landgericht Lübeck. Er endete mit einem posthumen Freispruch der Postverteidiger. Das Gericht stellte fest, dass seinerzeit die Nazi-Juristen "ihre Amtspflichten verletzten" und eine "Verurteilung um jeden Preis" erfolgte. Diese vorsätzliche Rechtsbeugung stempelte Bode, seit 1933 NSDAP-Mitglied, quasi zum Mörder, er war allerdings inzwischen verstorben.


 

Einführende Worte von Frau Donate Fink Medienarchiv Günter Grass Stiftung Bremen


Meine sehr verehrten Damen und Herren, sehr verehrter Herr  Schenk, liebe Frau Schenk,

Den  Organisatoren der Veranstaltungen „ Was damals Recht war“, danke ich dafür, dass sich die Medienarchiv Günter Grass Stiftung  an der heutigen Veranstaltung beteiligen darf und insbesondere danke ich für die mir erwiesene Freude, über Dieter Schenk  sprechen zu dürfen.

Ich gehe wohl recht in der Annahme, dass der Grund für die Einladung an die Stiftung darin liegt, dass Günter Grass  in der „Blechtrommel“  den kämpfenden und dann hingerichteten Postbeamten ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

Für jeden „Blechtrommel-Leser“ ist die Geschichte unvergessen, die Günter Grass um diesen Kampf spinnt: wie Oskar, der in einem Wäschekorb voller Briefe eingeschlafen war, von Maschinengewehr-feuer aufwachte, wie er seine Trommel in den Briefen vergrub, um sie zu schützen, wie er dann auf dem Weg zu Jan Bronski, seinem „mutmaßlichen Vater“, in die Kämpfe hineingeriet. Wie der erste Verwundete gebracht wurde, wie sich die Männer mit Kartenspielen am Leben halten wollten: „Skat! Bis zum Zusammenbruch der Verteidigung spielten wir Skat“.
„Da alle Briefkörbe schon mit Verwundeten belegt waren, setzten wir Kobyella gegen einen Korb, banden ihn endlich, da er von Zeit zu zeit umsinken wollte, mit den Hosenträgern eines anderen verwundeten fest, brachten ihm Haltung bei, verboten ihm, seine Karten fallen zu lassen, denn wir brauchten Kobyella. Was hätten wir tun können ohne den dritten fürs Skatspiel notwendigen Mann ?“ 

Und wie weiter Jan Michón, der Doktor Michón, unter dessen Kommando die Verteidigung gestanden hatte, von den Flammenwerfern „soweit gebracht „ worden war, dass er „den Stahlhelm absetzte, zu einem Bettlaken griff, und da ihm das nicht ausreichte, noch sein Kavalierstüchlein zog und, beides schwenkend, die Übergabe der Polnischen Post anbot.
Und sie verließen, an die dreißig halbblinde, versengte Männer, die erhobenen Arme im Nacken verschränkt, das Postgebäude durch den linken Nebenausgang, stellten sich vor die Hofmauer, warteten auf die langsam heranrückenden Heimwehrleute.“

Grass hat das geschrieben, wie wir alle wissen, vor etwa 52 Jahren, vor 50 Jahren ist „Die Blechtrommel“ erschienen. Es ist faszinierend, dieses Kapitel mit dem dokumentarischen Wissen von heute, das Dieter Schenk zu danken ist, neu zu lesen. Es ist faszinierend zu sehen, wie genau Grass recherchiert hat und wie er daraus seine Erzählung von innen heraus zusammengefügt hat. 

Grass hat damals aus eigener, dunkler, schwammiger Erinnerung an einen „Onkel“, einen Cousin seiner Mutter, der bei dem Kampf um die Polnische Post erschossen worden ist und über den in der Familie nicht gesprochen wurde, begonnen, darüber nachzuforschen, was denn damals wirklich passiert war. Er hatte die – großzügige -  Genehmigung, man bedenke die Zeit !   -  1958, erhalten, im Gdansker Stadtarchiv lesen zu dürfen, nachdem er 1954 und 1956 bereits Familien aufgesucht hatte, die ihm aus der Erinnerung berichteten. 
Nun mag man sich fragen, wieso „Polnische Post“? Was ist daran besonderes,  dass die Post „Polnische Post“ heißen muß? Nun, dazu kurz die Erläuterung: ohne jetzt auf die komplizierte Geschichte Polens und Danzigs  genauer einzugehen:

der Freien Stadt Danzig waren 1925 durch einen Beschluss des Völkerbundes  exterritoriale Standorte zugestanden worden, insgesamt 17.
Dazu gehörten 1 Gymnasium, der Zoll und eben die Polnische Post. Damit verbunden war das Recht, einen eigenen Postdienst einzurichten und eigene Briefmarken zu drucken. Im Stadtgebiet von Danzig gab es 10 Briefkästen der Polnischen Post.

Man rechnete im bevorstehenden Kriegsfall mit einem Angriff auf die Polnische Post und hatte Order ausgegeben, die Post so lange zu verteidigen, bis die reguläre polnische Armee einträfe. Als der Angriff eröffnet wurde, wussten die Postbeamten nicht, dass diese Order inzwischen zurückgezogen worden war und dass die polnische Armee nicht eingreifen würde. Und so kämpften sie von 11Uhr vormittags  bis 19 Uhr abends.

Sie, Herr Schenk, haben Ihrem Buch einen Auszug aus dem Kapitel vorangestellt und somit Günter Grass Ehre erwiesen, dessen „Blechtrommel“ den Anstoß gegeben hat, die literarische Verarbeitung dokumentarisch zu verfolgen.

Ihre Aufarbeitung des Geschehens in  „Die Post von Danzig“ hat dazu geführt, dass das Landgericht Lübeck die Verteidiger der Polnischen Post, die als „Freischärler“, das heißt: als Partisanen, hingerichtet worden waren, posthum freigesprochen hat.

Das war 1998. Das Gericht stellte fest, dass seinerzeit die Juristen eine „Verurteilung um jeden Preis“ haben wollten. 

Damit war bestätigt, dass sich  Dr. Kurt Bode des Mordes schuldig gemacht hatte.

Der war allerdings bereits verstorben.

Ihr Buch hat die Geschichte des Kampfes um die Polnische Post  als reales historische Ereignis in das deutsche Bewusstsein geholt – im polnischen es  fest verankert  -  und es  als das Verbrechen, das es war,  justiziabel, gerichtsfest,  gemacht.

Nun lässt der Werdegang eines Kriminaldirektors des BKA nicht unbedingt schlussfolgern, dass Sie es sich zur Aufgabe machen würden  sich Themen der Inneren Sicherheit, der Menschenrechte und des Nationalsozialismus zu widmen und deren inneren Zusammenhänge aufzuspüren und nachzuweisen.
 
Bis 1988 war Dieter Schenk, über die Stationen einer ordentlichen  höheren Polizeilaufbahn, Kriminaldirektor in der Stabsstelle Interpol des Landeskriminalamtes Wiesbaden, zuständig als Berater des Auswärtigen Amtes für die Sicherheit des deutschen diplomatischen Dienstes.

1989    - vor 20 Jahren also – und mit 52 Jahren, nach 25 Dienstjahren, stellte Dieter Schenk einen „Antrag auf vorzeitiges Ausscheiden aus dem Polizeidienst wegen unüberbrückbarer Gegensätze mit dem BKA insbesondere wegen der Ignoranz des BKA gegenüber Menschenrechtsverletzungen in Folterregimen“.

Diesem Antrag war die kritische Sicht auf das eigene Tun und das des BKA vorausgegangen, das sich in vielen Jahren Alltagsarbeit entwickelt hatte. Die Begründung des Antrags sagt aus, aus welchen Gründen er in dieser Behörde nicht mehr tätig sein wollte und konnte, in welche Widersprüche er zu seinen Vorgesetzten und seinen Kollegen geraten war.

Seit 1990 wirkt Dieter Schenk als  „Freier Publizist“ und hat  seitdem mindestens 11 Sachbücher und Romane  veröffentlicht , Hörspiele, Drehbücher und Kurzgeschichten und schreibt Gastkommentare für Zeitungen.

Der Büchertisch hat eine Auswahl für Sie bereit.  „Die Post von Danzig“ werden Sie dort nicht finden, dieses Buch gibt es wohl nur noch 3 oder 4 mal in Deutschland, da müssen Sie bei amazon reinschauen oder booklooker.de und mehrere Versuche starten, bis Sie es bekommen. Ich weiß, wovon ich rede ….

Aus der Arbeit an dem Buch über die „Post von Danzig“ ist Dieter Schenk seitdem eine  enge Verbindung mit Polen erwachsen. Das Leid des polnischen Volkes unter den Deutschen bewegt ihn immer wieder.

Er hat mit „ Hitlers Mann in Danzig“ über den Gauleiter Forster ein weiteres Buch über die Gräuel der Nazi-Zeit in Danzig und ein Buch über „Hans Frank – Hitlers Kronjurist und Generalgouverneur“, der für das gesamte besetzte Polen zuständig war,  verfasst. 

Die Stadt Gdansk hat Dieter Schenk 2002 die Ehrenbürgerwürde verliehen  - wie auch Günter Grass Ehrenbürger der Stadt Gdansk ist - die Universität  Łodz,  hat Dieter Schenk  zum Honorarprofessor ernannt mit einem Lehrauftrag für Geschichte des Nationalsozialismus. :.. Ein Deutscher mit diesem Lehrauftrag in Polen … das ist denkwürdig und bedeutet eine hohe Auszeichnung.
Wie die meisten der Auszeichnungen, die er bisher erhalten hat, polnische sind.

1997 erhielt Dieter Schenk die St.-Adalbertus-Medaille in Anerkennung seiner Verdienste um die Stadt Danzig

1998 eine weitere Medaille für seine Verdienste um die deutsch-polnische Zusammenarbeit

2000 Offizierskreuz des Verdienstordens der Republik Polen für die Förderung der deutsch-polnischen Beziehunghen

2002 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Danzig (s.o.)


Auszeichnungen in Deutschland sind

1998 das Bundesverdienstkreuz am Bande  für die Förderung der deutsch-polnischen Beziehungen

Und 2003 den Fritz  Bauer -  Preis der Humanistischen Union      in Anerkennung der Verdienste um Danzig
Dieter Schenk ist Gründungsmitglied des Arbeitskreises Polizei bei amnesty international und im Vorstand des Vereins Business – Crime – Control.

In Ihrer Gedenkrede zum 20. Juli 2005 in der Adam-von-Trott-Stiftung Imshausen wird deutlich, dass Sie ein Vorbild hatten, Herr Schenk : den Hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer.  Fritz Bauer war mit seiner Familie vor den Nazis nach Dänemark geflohen. für die deutsch-polnische Zuammenarbeit 
11956 wurde Fritz Bauer hessischer Generalstaatsanwalt in Frankfurt am Main. Er war einer der bedeutendsten Vorkämpfer für Strafrechts- und Strafvollzugsreformen, für Resozialisierung und für eine gesellschaftliche Verantwortung des Justizwesens beim Wiederaufbau einer demokratischen Gesellschaft.


Sie schlossen diese  Rede mit den Worten:

 „Wir verdanken dem Widerstand gegen das Nazi-Regime unendlich viel: Er ebnete den Weg zur Völkerverständigung.

Dass das großherzige polnische Volk nach allem, was geschehen ist, uns zur Versöhnung die Hand reicht, erfüllt mich bei meinen häufigen Besuchen in Polen mit Demut und Dankbarkeit“.

Sehr verehrter Herr Professor Dr. Schenk, heute sind Sie Vorbild.
Sie haben den Bruch in Ihrer Karriere riskiert, um sich selber treu bleiben zu können. In einer Zeit, in der man bei Widerständigkeit nicht mit dem  Tode bestraft wird,  in der sie meistens auch nicht einen solchen Bruch wie den Ihren mit sich bringt, fällt es dennoch vielen Menschen allzu schwer, um letztlich unbedeutender Nachteile willen, Integrität zu zeigen.

Sie geben ein Beispiel von Zivilcourage und aufrechtem Gang.

Das macht Mut und dafür danken wir Ihnen und freuen uns, dass Sie hier sind.     000 Jahre Stadt Danzig in Anerkennung der Verdienste für die deutsch-polnische Zusammenarbeit 

Donate Fink
Bremen, 17. Juni 2009

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