Norbert Fischer - Kurzvita

Norbert Fischer - Kurzvita
Norbert Fischer
Norbert Fischer, geb. 1957; Dr. phil. habil.; Sozial- und Kulturhistoriker, Professor an der Universität Hamburg.

homepage des Autors: http://www.n-fischer.de

Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte: Geschichte von Tod, Friedhof und Trauerkultur; Küstengesellschaft und maritime Kultur; räumlicher Wandel im Hamburger Umland/Metropolregion Hamburg;

Buchpublikationen (Auswahl): „Inszenierungen der Küste“, Berlin 2007 (Hg., mit S. Müller-Wusterwitz, B. Schmidt-Lauber); „Im Antlitz der Nordsee. Zur Geschichte der Deiche in Hadeln“, Stade 2007; „Hamburg und sein norddeutsches Umland. Aspekte des Wandels seit der Frühen Neuzeit“, Hamburg 2007 (Hg., mit D. Brietzke, A. Herzig); „Nekropolis – Der Friedhof als Ort der Toten und der Lebenden“, Stuttgart 2005 (Hg., mit M. Herzog); -Totenfürsorge – Berufsgruppen zwischen Tabu und Faszination. Stuttgart 2003 (Hrsg., mit M. Herzog); „Wassersnot und Marschengesellschaft. Zur Geschichte der Deiche in Kehdingen“, Stade 2003; „Zwischen Tod und Technik – Zur Geschichte der Feuerbestattung und Krematorien“, Berlin 2002, „Geschichte des Todes in der Neuzeit“, Erfurt 2001; „Vom Gottesacker zum Krematorium – Eine Sozialgeschichte der Friedhöfe seit dem 18. Jahrhundert“ (Köln u.a. 1996; Online-Version: www.sub.uni-hamburg.de/disse/37/inhalt.html); Wie wir unter die Erde kommen – Sterben und Tod zwischen Trauer und Technik. Frankfurt/M. 1997; „Das Herzchen das hier liegt, das ist sein Leben los“. Historische Friedhöfe in Deutschland. Hamburg 1992




Militär und Totenkult

Foto Prof. Dr. Norbert Fischer

Militär und Totenkult seit dem Ersten Weltkrieg

Das schwierige Gedenken

Nie zuvor waren so viele Menschen vom Massentod betroffen wie im 20. Jahrhundert.
Dennoch wurde das Massensterben immer wieder mythisch verklärt – beispielsweise durch Kriegerdenkmäler. Der Soldatenfriedhof im heutigen Verständnis entstand in Europa erst im Umfeld des Ersten Weltkrieges. Bis dahin waren Gefallene in der Regel in anonymen
Massengräbern beigesetzt worden. Der Tod in den Schützengräben wurde nach Kriegsende im
Gefallenenkult nationalistischer Kreise zum Mythos verklärt. Vor diesem Hintergrund erlangten auch die neu angelegten Soldatenfriedhöfe ihre hohe symbolische Bedeutung und konnten politisch instrumentalisiert werden.
Vortrag und Diskussion mit Prof. Dr. Norbert Fischer, Einführung: Pastor Rolf Sänger-Diestelmeier.
Norbert Fischer ist Kultur- und Sozialhistoriker an der Universität Hamburg; Forschungsschwerpunkte:
Geschichte des Todes, Landschaftsgeschichte und norddeutsche Regionalgeschichte.

Donnerstag, 18. Juni 2009, um 19.00 Uhr im Kultursaal der Arbeitnehmerkammer, Bürgerstr. 1

Veranstalter: Georg Elser-Initiative Bremen e.V. und Arbeitnehmerkammer
Die Veranstaltung findet im Rahmen der Ausstellung »Was damals Recht war ... Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht« (Untere Rathaushalle) statt.
Bremen
Eine Veranstaltung der Arbeitnehmerkammer

Begrüßung am 18.6.09

Ungleich bis in den Tod
Wie der Täter gedacht wird und die Opfer verleugnet werden

Wie wir das Thema gefunden haben
-    Massensterben in den industrialisierten Kriegen
-    Massenhafte Gewaltverbrechen im 2. Weltkrieg
-    Beteiligung der Bundeswehr an Kriegen
-    Denkmal in Berlin
-    Verschiedene Arten und Möglichkeiten des Gedenkens an die Opfer
-    Erinnern und politische Bildung: „Kriegsgräberfürsorge“ als Ausdruck der Scham über den deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg und unter Einbeziehung der diversen Opfergruppen Juden, Sinti und Roma, ....

Ungleich bis in den Tod
Armin T. Wegner schildert aus dem ersten Weltkrieg eine Szene, in der sich der abartige Dünkel des Militärs entlarvt: „Ich kam schon sehr bald im Winter 1914/15 nach Polen an die russisch-deutsche Front, wo ich den Krieg in seiner schrecklichsten Weise erlebte. (Wir) verbrachten Monate im vordersten Schützengraben, in der Erde in einem Unterstand, wo die zum großen Teil hoffnungslos verwundeten Deutschen zuerst hinkamen und neben mir in diesem Unterstand starben. Eines Tages lag ein Unteroffizier dort mit einem schweren Bauchschuss. ... Er hatte mich hilfesuchend umklammert, und als ich am Morgen erwachte, erwachte ich in den Armen eines Toten. Ich ließ ihn mit zwei anderen, die in derselben Nacht gestorben waren, in meinem Unterstande zusammen in einem Grabe begraben und mußte erleben, wie der Feldwebel unserer Heeresabteilung zu mir kam und sagte: ‚Was, Sie haben einen Unteroffizier zusammen mit einfachen Soldaten begraben? Sofort wieder ausgraben! Der Unteroffizier erhält sein eigenes Grab!’ Dafür fehlte mir jedes Verständnis, denn der eine war so gut ein Toter wie der andere und der eine wie der andere ein Deutscher, aber diese Bemerkung charakterisiert das Ganze, was ich mit Grauen immer wieder erlebt habe im deutschen Heere, die Bedeutung, die Heiligkeit der Anordnungen des Heeres, des sogenannten Kommiss, das Wort, das eigentlich von Kommissbrot, das Brot, das alle gemeinsam essen, herkommt.
Martin Rooney: Weg ohne Heimkehr, Armin T. Wegner zum 100. Geburtstag. Bremen 1986, S. 21.


Wie der Täter gedacht wird und die Opfer verleugnet werden
Vor dem Krieg bestand Lublin aus zwei Flügeln, zwei Lungenflügeln - einem christlichen und einem jüdischen Viertel. Dorthin haben die Nazis das Hauptquartier der Aktion Reinhard verlegt. ... Im christlichen Viertel hatte das Dritte Reich eine regelrechte SS-Stadt eingerichtet. Das Judenviertel von Lublin wurde vollkommen zerstört. Heute gleicht Lublin einem Vogel, dem ein Flügel amputiert wurde. ..

Mein Mitarbeiter Maxim reißt mich aus meinen Erinnerungen: »Es gibt auch den Friedhof der Deutschen.« Der Friedhof ist etwa fünfzehn Kilometer entfernt. Die Straße ist asphaltiert, in gutem Zustand und von sattem Grün gesäumt. Maxim erzählt uns: »Diese Straße ist sehr eigen. Alle sagen, dass sie Unglück bringt. Die Sowjets sollen sie mit dem Sand vom jüdischen Friedhof Rawa-Ruskas erbaut haben. Wissen Sie, es gibt viele Unfälle auf dieser Chaussee, und die Leute sagen, die Straße hätte nicht mit den Knochen der Toten erbaut werden dürfen.«

Wir halten am Eingang des deutschen Friedhofs in der Gemeinde Potelytsch. Der Friedhof ist riesig. Eine hübsche Parklandschaft entfaltet sich über Hunderte von Metern. Auf jedem Hügel wurden drei massive Granitkreuze errichtet. Ein Wärter erscheint und erklärt uns: »Hierher werden die Leichen aller Deutschen überführt, die während des Zweiten Weltkriegs in der Ukraine gefallen sind. Dort«, sagt er zu mir und zeigt auf eine lange Reihe geöffneter Gräber, »erwarte ich viertausendvierhundertsieben deutsche Leichen aus Ternopil. Ihre Namen bekommen wir heraus, indem wir die Blechmarke, die sie um den Hals tragen, nach Berlin schicken. Auf einer Mauer sollen die Namen kompanieweise verzeichnet werden: Wehrmacht, Waffen-SS oder SS. Die Leichen werden in Showkwa gelagert, bis ihre Zahl groß genug ist. Jede Leiche wird einzeln in einem Pappsarg bestattet.« Dann zeigt uns der Wärter eine Liste mit allen Toten, die bisher zu ihm gelangt sind. In jeder Zeile sind die Nummer der Erkennungsmarke und eine kurze Beschreibung der sterblichen Überreste zu lesen. Ich frage ihn, wie dieses Projekt zustande gekommen ist. »Das ist eine deutsche Privatstiftung, die möchte, dass alle Deutschen anständig begraben werden. Wir schicken einen Aufruf in alle Gebiete. Wenn eine Familie beispielsweise nach einem Gefecht einen Deutschen in ihrem Garten begraben hat, setzt sie sich mit uns in Verbindung, und wir lassen den Toten holen. Ich zeige Ihnen hinten auf dem Friedhof das Geviert der SS.«

Im hinteren Teil des Friedhofs erhebt sich ein riesiges Granitkreuz mit je zwei Kreuzen zu beiden Seiten. An einem der Gedenksteine sind offenbar vor kurzem Stofftiere niedergelegt worden. Eine Schleife: »Unserem lieben Opa.«

Während die Massengräber der zu Tausenden erschossenen Juden unauffindbar sind, ist jeder im Krieg gefallene Deutsche unter seinem Namen umgebettet worden. Die Friedhöfe entsprechen dem Maßstab des Dritten Reichs. Prachtvolle Friedhöfe für die Deutschen, auch die SS- Männer, kleine Gräber für die Franzosen, weiße Steine unter Brombeergestrüpp für die anonymen sowjetischen Soldaten und absolut nichts für die Juden. So ist denn auch unter der Erde jeder an seinem Platz - wie es die Hierarchie des Reichs vorsah. Es kann nicht angehen, dass wir dem Nationalsozialismus diesen posthumen Sieg lassen. Es kann nicht angehen, dass die Juden wie Tiere verscharrt bleiben. Es kann nicht angehen, dass wir diesen Stand der Dinge hinnehmen und unseren Kontinent auf das Vergessen der nationalsozialistischen Opfer gründen.
Aus: Patrick Desbois, Der vergessene Holocaust. Die Ermordung der ukrainischen Juden, Berlin Verlag, 2007, S. 50-52.


Während des Zweiten Weltkrieges ermordeten deutsche Besatzungstruppen in der Ukraine 1,5 Millionen Juden. Partick Desbois hat die Spuren dieses   vielfach verdrängten Kapitels des Holocaust gesucht und ist noch lebenden Zeugen begegnet, die nach Jahrzehnt
Während des Zweiten Weltkrieges ermordeten deutsche Besatzungstruppen in der Ukraine 1,5 Millionen Juden. Partick Desbois hat die Spuren dieses vielfach verdrängten Kapitels des Holocaust gesucht und ist noch lebenden Zeugen begegnet, die nach Jahrzehnten des Schweigens  zum ersten Mal über ihre Erinnerung sprechen.

"Die Menschen erzählen, als wären diese Dinge erst gestern geschehen, als hätte es die sechzig Jahre dazwischen nicht gegeben. Manche fragen:»Warum kommen Sie so spät? Wir haben auf Sie gewartet.«"
Patrick Desbois


Patrick Desbois
Der vergessene Holocaust
Die Ermordung der ukrainischen Juden
Eine Spurensuche
2009 Berlin Verlag GmbH,Berlin

ISBN 978-3-8270-0826-8
http://www.berlinverlag.de

Einführung in die Thematik (Sänger-Diestelmeier)

Militär und Totenkult seit dem Ersten Weltkrieg

Im Mai war Kirchentag in Bremen. Ort des Zentrums Kinder beim Deutschen Evangelischen  Kirchentag war unter anderem das Denkmal auf der Altmannshöhe in den Bremer Wallanlagen hinter der Kunsthalle. Ein kreisförmiger Mauerring aus roten Backsteinen nach Art germanischer Totenburgen. Auf der Innenseite dieses Rings sind in die Steine die etwa 10.000 Namen der im 1. Weltkrieg gestorbenen Soldaten und der Division Gerstenber und des Freikorps Caspary eingeprägt. Das Denkmal erinnert an die im „Weltkrieg 1914/ 18, sowie um die Befreiung Bremens am 4. Februar 1919 und im Kampf um das Dritte Reich gefallene Krieger“. Bei dem sog. “Kampf um die Befreiung Bremens” handelte es sich um die Niederschlagung der Bremer Räterepublik durch Freikorps und Reichs- wehr. Das waren diejenigen, die 1919 die Bremer Räterepublik zusammengeschossen haben. Über den Feldern mit den Namen läuft ein Spruchband mit dem Text von C.F.Meyers “Chor der Toten”. Innerhalb des Steinrings befindet sich ein auf einer Sockelplatte ruhender Sandsteinal- tar. Seine Vorderseite trägt die Inschrift: “10.000 Männer und Jünglinge zogen aus dieser Stadt in Krieg und Tod”. (In Verbindung mit dem Text von C. F Meyers “Chor der Toten” und dem Hinweis auf ein “dort oben” erscheint der Tod als das erstebenswerte Leben im Jenseits). Die Rück- seite des Altars trägt den Text:  “Niemand hat größere Liebe, denn die, dass er sein Leben lässet für seine Freunde”, ein Wort aus dem Johannes- evangelium, dass sich dort auf den gewaltlosen Opfertod Jesu bezieht und hier blasphemisch umgedeutet wird auf den Soldatentod als Opfer und Hingabe. Achsial auf den Altar ausgerichtet steht auf dem mauerumgürte-ten Vorplatz des Denkmals eine madonnenartige Steinplastik, die Figur einer Mutter. Ein Kind auf dem Arm, ein weiteres Kind an der Hand, ein Knabe mit geballter Faust. Seine Haltung und sein Blick sind Zeichen des Angriffs. Die Ikoniographie ist eindeutig: Die Mutter führt ihre Kinder dem Opferstein zu, zum Opfer auf den Altar des Vaterlandes. So hat es nach- weislich auch der Schöpfer des Denkmals Ernst Gorsemann verstanden.

Das Denkmal wurde am 13. Oktober 1935 durch eine Abordnung der SS, der SA, der NSDAP und der Deutschen Wehrmacht sowie des Bremischen Senats und seines Präsidenten des Regierenden Bürgermeisters und SA-Mannes Otto Heider eingeweiht. Letzterer war übrigens in Personalunion Präsident der Bremischen Evangelischen Kirche. Beteiligt waren darüber hinaus der Bremer Domchor und der deutschchristliche Bischof Heinz Weidemann. 

Bereits in den fünfziger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts tauchten Forderungen nach Veränderung dieses Denkmals in der Öffentlichkeit auf. In den sechziger Jahren und seitdem immer wieder befasste sich der Bremer Senat mit einer Neugestaltung des Denkmals, auch mit der Idee, das Gedenken an die Gestorbenen des 2. Weltkrieges in das Denkmal einzubeziehen.  Wettbewerbe zur Umgestaltung, Veränderung und inhaltlichen Neuorientierung wurden ausgelobt, ohne dass es im Widerstreit unterschiedlicher politischer, historischer und ästhetischer Auffassungen zu einer Entscheidung über die Neugestaltung gekommen wäre. Die Friedensinitiative Ostertor eröffnete 1983 die Auseinandersetzung um das Denkmal neu. Sie spielte nach gründlicher historischer Recherche die Einweihungsfeier kritisch nach und verdeutlichte so den militaristischen und menschenverachtenden Charakter des Denkmals. Diese Aktionen brachten der  Initiative den Friedenspreis der Villa Ichon aber auch viele Anfeindung ein.

Und nun kam der Kirchentag mit seinem Zentrum Kinder in diesen Steinkreis und versuchte, sich mit Kindern und auf kindgerechte Weise mit diesem Ort, und mit seinen Aussagen auseinander zu setzen. Ob und wie das gelungen ist, möge jede und jeder selbst entscheiden. Es wird an uns liegen, diesen Kreis zu druchbrechen, den Teufelskreis der Gewalt, damit Kinder nicht mehr Krieg lernen. Absicht war, mit den Kindern zu überlegen, wie wir in Verantwortung vor unserer Geschichte und für eine Zukunft in Gerechtigkeit und Frieden leben können und für die Zeit des Kirchentages diese Totenburg in einen Garten des Lebens verwandeln.

Funktion des militärischen Totenkultes ist es, gesellschaftlichen Werten durch den Tod höchste Weihe zu vermitteln. Das müsste eigentlich mit dem Zweiten Weltkrieg ein zwangsläufiges Ende gefunden haben. Denn dieser Krieg mit seinen 50 Millionen Toten (davon die Hälfte Zivilisten) und die Ideologie, die ihn anzettelte und die Ermordung von 6 Millionen Juden, aber auch Siniti und Roma, Homosexuellen und politischen Häftlingen ließ alle Sinnstiftungen, die bis dahin üblich waren, in sich zusammenbrechen.

Nun wird seit 17 Jahren die Bundeswehr in Auslandseinsätze und Kampfeinsätze geschickt. Und es gibt militärische Tote. Auf´s neue stellt sich die Frage nach Zwecksetzung und politischer Legitimation, die Frage: Hat sich dafür – wofür? – der Einsatz des Lebens gelohnt? Und in diesem Zusammenhang wird die Frage eines Denkmals diskutiert, geplant, umgesetzt. Gaben diese Soldaten ihr Leben? Oder wurde es ihnen genommen? Inschrift für das Denkmal im Bentlerblock: “Den Toten unserer Bundeswehr/ Für Frieden, Recht und Freiheit”. Geht es um das, was diese höchst werthaltigen Allgemeinplätze annoncieren? Oder geht es um die Verteidigung von Rohstoffwegen am Horn von Afrika und deutsche Interessen in der Weise, dass Flüchtlinge ferngehalten und Handelswege offengehalten werden? Sind solche Denkmäler und die an ihnen und anderen Orten praktizierten Totenkulte und Totenreden nichts anderes als die ideologische Beteuerung gegen die Einsicht, diese Tode könnten “umsonst” gewesen sein? Und warum richtet sich der Kreis der zu gedenkenden Toten allein auf Militärangehörige, während doch Anspruch und Praxis der Auslandseinsätze angeblich von dem Impuls getragen sind, das Friedensgebot des Grundgesetzes durchzusetzen? Von Denkmlälern für zu Tode Gekommene Friedensarbeiter oder Entwicklungshelfer ist mir nichts bekannt. Geht es also doch letztlich um nichts anderes als um die staatliche Anerkennung des militärischen Dienstes? Und schließlich: wenn in diesem Zusammenhang von Opfern geredet wird – auf dem Altar welcher Götter wurden sie geopfert? Sind sie bloß victims, wie der englische Begriff jene bezeichnet, die unwillentlich einem fremden Geschick ausgeliefert wurden. Oder geht es – ich erinnere an den Altar im Denkmal Altmannshöhe und seine Inschrift – doch und schon wieder um eine religiöse Überhöhung, also die Stilisierung der Toten zu einem sacrificium, sacrifice, also um eine Aufopferung und Hingabe im religiösen Sinne, also um die religiöse Verklärung des Todes im Zusammenhang mit dem Militär? Aber um welcher Zwecke, Mächte und Götter willen.

Ich bin mit Ihnen gespannt auf den Vortrag von Prof. Fischer und darauf, wie er solche Fragen mit uns reflektiert und diskutiert.

Norbert Fischer - Militär und Totenkult seit dem Ersten Weltkrieg


Von Prof. Dr. Norbert Fischer (Universität Hamburg)

Der Erste Weltkrieg 1914-1918 war der erste jener Kriege, in denen die industrialisierte Technik fatale Folgen zeitigte.  Minen, Handgranaten und Maschinengewehre kamen zum Einsatz und sorgten für millionenfaches Leid. Der Krieg kostete insgesamt 13 Millionen Menschen das Leben, mehr als doppelt soviele wie in allen Kriegen zwischen 1790 und 1914 zusammen. Statt des Todes in der einzelnen, zeitlich begrenzten Schlacht wurde das Sterben in den Schützengräben etwas Alltägliches. Hier wurde der Tod allgegenwärtig. Fast jedes Dorf war vom Kriegstod betroffen, und noch die kleinsten Tageszeitungen füllten sich in den ersten Kriegsmonaten rasch mit Todesanzeigen. Der Kriegstod blieb in den Folgejahren ein steter Weggefährte - und wurde in der Presse weiterhin zum „Heldentod“ verklärt. Umgekehrt wurden, mit fast trotzigem Stolz, militärische Beförderungen gemeldet. Das Bild vom Kriegstod fernab der Schützengräben hatte häufig etwas Verharmlosendes, ja Verniedlichendes an sich. Druckgrafiken, Postkarten und Nippes, vor allem aber die Presseberichterstattung sollten die Kriegsgegner herabwürdigen und die eigenen Taten verklären.

Aber Feldpostbriefe kündeten von einer anderen Realität, wie der folgende vom November 1914: „Ihr könnt Euch ja gar nicht ausmalen, wie so ein Schlachtfeld aussieht, man kann es nicht beschreiben ... alle hundert Meter ein neuer Schützengraben, und überall Tote, reihenweise. ... Und jede Trupe, die zur Unterstützung vorgeht, muss kilometerweise durch dieses Chaos hindurch, durch Leichengestank und durch das riesige Massengrab.“

Trotz allem Leid kam es häufig zu nachträglichen Verherrlichungen.  In dem 1920 erschienenen Buch „In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger scheint immer wieder die fragwürdige Faszination durch, die das technisierte Töten auf den Schriftsteller ausübte: „Gegen Mittag“, so heißt es bei Jünger, „schwoll das Artilleriefeuer zu wüstem Tanze an. Ununterbrochen flammte es um uns auf. Weißes, schwarzes und gelbes Gewölk mischte sich. ... Dazwischen zwitscherten zu Dutzenden die Zünder mit ihren eigenartigen, an Kanarienvögel erinnernden Gesang. Mit ihren Ausschnitten, in denen die Luft sich mit trillerndem Flöten verfing, zogen sie wie kupferne Spieluhren oder wie eine Art von mechanischen Inseken über die lange Brandung der Einschläge dahin.“

Der Tod in den Schützengräben wurde nach Kriegsende im Gefallenenkult nationalistischer Kreise zum Mythos verklärt. In Deutschland, das seine politisch-gesellschaftliche Identität nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches noch längst nicht gefunden hatte, wurde dieser Gefallenenkult zum zentralen Element nationalistischer Ideologien. Vor diesem Hintergrund erlangten auch die neu angelegten Soldatenfriedhöfe ihre hohe symbolische Bedeutung und konnten politisch instrumentalisiert werden.

Der Soldatenfriedhof im heutigen Verständnis entstand in Europa erst im Umfeld des Ersten Weltkrieges. Zuvor waren Gefallene in der Regel in anonymen Massengräbern beigesetzt worden. In den USA dagegen wurde bereits 1862 die Anlage von Soldatenfriedhöfen gesetzlich geregelt. In Gettysburg, Schauplatz einer der Entscheidungsschlachten des amerikanischen Sezessionskrieges, wurde Ende 1863 ein Teil des Schlachtfeldes zum offiziellen Soldatenfriedhof. Zur bekanntesten Einrichtung dieser Art wurde der amerikanische Nationalfriedhof Arlington bei Washington. Der erste deutsche Soldatenfriedhof entstand im Zuge des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71, wurde aber noch nicht zu einer jenen nationalen Gedenkstätten wie die Soldatenfriedhöfe des frühen 20. Jahrhunderts. Immerhin wurde im Friedensvertrag von 1871 vereinbart, daß die vorhandenen Gräber auf dem gegnerischen Territorium erhalten und gepflegt werden sollten. 

Der Erste Weltkrieg mit seinen zahllosen Opfer, die die industrialisierte Kriegstechnik forderte, stellte das Totengedenken vor eine neue Aufgabe. Noch zu Kriegszeiten wurden in Deutschland, Großbritannien und Frankreich die Voraussetzungen geschaffen, um – soweit möglich – den Toten einzelne Gräber zuzuweisen. Frankreich erließ 1915 ein Gesetz, wonach alle Kriegstoten ewige Ruhe zugesichert wurde, andere europäische Staaten folgten. Dies war auch ein Ergebnis nationalstaatlicher Identitätssuche: „Der den Helden der Nation vorbehaltene Soldatenfriedhof sollte innerhalb des Mythos vom Kriegserlebnis eine zentrale Aufgabe erfüllen.“   In Der Versailler Friedensvertrag von 1919 sah völkerrechtlich die gegenseitige Erhaltung der Gräber vor. Dabei wurde fein säuberlich nach Nationalität getrennt, nur selten fanden die eigenen Toten auf des Kriegsgegners Soldatenfriedhof die letzte Ruhe – lieber exhumierte man bereits bestattete Leichen und überführte sie. In Deutschland gab es während des Krieges besondere Einheiten und Offiziere, die sich um diese Aufgabe kümmerten. Zugleich kamen Bestimmungen für die dauerhafte Pflege von Kriegsgräbern heraus. Man begann, die einzelnen Gräber in Friedhöfen zu vereinigen. Jeder Staat war für die Pflege der auf seinem Territorium liegenden Soldatenfriedhöfe zuständig.

Allerdings war der in Deutschland offiziell zuständige staatliche „Deutsche Gräberdienst“ auf Grund der schwierigen wirtschaftlichen Situation den umfangreichen Aufgaben nicht gewachsen. So kam es nach Kriegsende zu nicht-staatlichen Initiativen, die sich um die Kriegsgräberstätten kümmerten. Nachdem zunächst regionale Organisationen entstanden waren, wurde auf dieser Basis am 16. Dezember 1919 in Berlin der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gegründet. Getragen von unterschiedlichen gesellschaftlichen Interessengruppen, waren zunächst nationalistisch-chauvinistische Tendenzen ebenso vertreten wie pazifistische und gewerkschaftliche. Dem Gründungsvorstand gehörten sowohl der Kriegerverein „Kyffhäuser-Bund“ als auch der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund an, der Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg als Symbolfigur der politischen Rechten ebenso wie der liberale Politiker und spätere Außenminister Walther Rathenau (der 1922 von rechtsextremistisch-antisemitischen Offizieren ermordet wurde). Ende Februar 1921 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift „Kriegsgräberfürsorge“. Der Volksbund breitete sich rasch aus: Ende 1922 verfügte er über mehr als 530 Ortsgruppen mit rund 60 000 Mitgliedern, 1925 waren es rund 75 000 Mitglieder, 1932 rund 131 000. 

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge verstand sich vor allem als Sachwalter von Soldatenfriedhöfen. Er bildete damit die entscheidende Instanz für den Umgang mit dem Kriegstod und die Ausgestaltung der Gefallenengedenkens. Hauptziel war zunächst die Herrichtung, Schmuck und Pflege der Soldatenfriedhöfe im In- und Ausland. Die Soldatenfriedhöfe des Ersten Weltkrieges ähnelten sich zunächst in allen Nationen und orientierte sich am britischen Vorbild, das die einheitlich gestalteten Gräber um ein Opferkreuz und Gedenkstein (manchmal auch eine Kapelle) gruppierte. „Die Grundelemente der englischen Soldatenfriedhöfe brachten die Verbindung zwischen den Gefallenen und dem Opfertod Christi mit seiner Hoffnung auf eine Auferstehung zum Ausdruck“, schreibt George L. Mosse. Neben der christlichen Symbolik prägten weite Rasenflächen die Anlagen. Die Form der Grabsteine war national unterschiedlich, aber immer einheitlich: Britische Soldatenfriedhöfe kannten die Stele, französische das Betonkreuz mit Namenplakette. Aber schon bald legte man in Deutschland Wert auf eine besondere Gestaltung. Beispielsweise verwendete man Eisenkreuze – sie erinnerten an das Eiserne Kreuz als deutsche Kriegsauszeichnung.   

Das Hauptaugenmerk des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge richtete auf Frankreich. Hier lag die höchste Zahl Gefallener aus dem Ersten Weltkrieg. Die wichtigsten Vorarbeiten waren bereits geleistet. Der französische Gräberdienst hatte die auf einer Vielzahl kleiner Friedhöfe verstreut liegenden Toten umgebettet und in teilweise neu geschaffenen Anlagen zusammgenfaßt (darunter Neuville-St.-Vaast mit über 36 000 Einzelgräbern). Die meisten dieser insgesamt 209 Anlagen bestanden aus langen Reihen einfacher Holzkreuze ohne Bepflanzung und Abgrenzungen.

Der Volksbund strebte danach, diese schmucklosen Anlagen architektonisch und landschaftsgärtnerisch umzugestalten. Dazu wurden unter anderem Hecken, Bäume und Rasen, Hochkreuze und kleine Kapellen für die Gesamtanlage, Natursteineinfassungen und Bepflanzungen für einzelne Grabstätten verwendet.  Deutsche Soldatenfriedhöfe sollten ein besonderes „deutsches Empfinden“ ausdrücken: „Es liegt nahe, einen Vergleich zwischen den eigenen und fremden, besonders englischen und amerikanischen Friedhöfen zu ziehen. Aber trotz der Pracht, die diese Anlagen aufweisen, entsprechen sie nicht deutschem Empfinden. Und wenn wir noch soviel Mittel aufwenden könnten, wir wir dieser Art Gestaltung nicht folgen.Das deutsche Empfinden ist tiefer, es will Weihestätten, an denen die Seele stillen Gottesdienst feiern kann. Unsere Kriegsgräberstätten sollen in ihrem Ernst, ihrer ganz großen Schlichtheit deutschen Glauben und deutschen Opfergedanken verkörpern und in fremder Erde Heimat – Vaterland werden.“ 

Damit sollte der gefallene Soldat als Individuum gänzlich gegenüber dem als organisches Ganzes verstandenem „deutschen Vaterland“ zurücktreten. Um dieses auch äußerlich rigoros durchzusetzen, unterlag die Ausgestaltung der deutschen Soldatenfriedhöfe strengen Richtlinien. Blumenbepflanzungen an den Gräbern waren untersagt, das Rasengrün bildete den einzigen Schmuck.  1929 hieß es dazu in der Zeitschrift „Kriegsgräberfürsorge“ aus der Feder eines führenden Repräsentanten des Volksbundes: „Das ist kein bequemes Einebnen und herzloses Gleichmachen, sondern der innerlich begründete Ausweg zu dem Ziel, sie alle in einem geistbelebten Denkmal zusammenzufassen, deren vereinte Kraft sich für uns weihte. Das Persönliche geht auf in der großen Schicksals- und Grabesgemeinschaft der Gefallenen. Da sind zusammengeballt Einzeltat und Heeresleistung, Einzelopfer und Volksopfer; das Ich wird zum Wir! Ein Herzschlag, ein Geist, ein Wille, im Verband der Waffenbrüder jeder ‚ein Stück von mir‘. Was das Leben und das Sterben vereinte, kann auch das Grab nicht scheiden.“ 

Der Schriftsteller Erich Kästner sah das anders, als er den Besuch eines Soldatenfriedhofs zum Anlaß nahm, kritische Verse gegen Krieg und Militarismus zu dichten: „Da liegen wir/den toten Mund voll Dreck./Und es kam anders, als wir sterbend dachten./Wir starben. Doch wir starben ohne Zweck./Ihr lasst euch morgen, wie wir gestern, schlachten.“

1931 betreute der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge allein in Frankreich 70 Friedhöfe mit über 324 000 Gefallenen. In einer  zeitgenössischen Broschüre zu den deutschen Soldatenfriedhöfen in Frankreich hieß es: „Besondere Schwierigkeiten bereitet die Behandlung der Gräberflächen. Auf sie hat der Volksbund daher seine besondere Aufmerksamkeit gerichtet. Die Erfahrungen haben gelehrt, dass weder Einzelhügel noch erhöhte Grabbeete von Dauer sind. Hochstehende Grabkanten werden durch Witterungseinflüsse mit der Zeit zerstört. Auch niedrige Steineinfassungen gewähren selten Schutz, da sie leicht vom Regen unterspült werden. Damit die Gräberflächen dauernd in ordentlichem Zustand erhalten bleiben, müssen sie flächig bepflanzt oder besät werden.“  Die deutschen Soldatenfriedhöfe im Ausland wurden zu regelrechten „Wallfahrtsorten“ und „Stätten nationaler Andacht“. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde der Mythos vom Kriegstod durch organisierten Fahrten und  Zeremonien immer wieder wach gehalten.

Auch auf den in in Deutschland angelegten Soldatenfriedhöfe wahrte man strikte Einheitlichkeit. Dies zeigt das Beispiel des Soldatenfriedhofs auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg – noch immer heißt die Straße, an der er liegt, bezeichnenderweise „Kriegerehrenallee“. Auf einer weiten Rasenfläche stehen uniforme Reihen von einfachen Sandstein-Stelen in Kopf-an-Kopf-Belegung. Sämtliche Stelen weisen exakt die selben Abmessungen auf: 65 cm hoch, 35 cm breit und 8 cm tief. 

Paradoxerweise wurde angesichts der uniformen Gestaltung der Soldatenfriedhöfe immer wieder Furcht vor einer „seelenlosen“ industrialisierten Massenproduktion der Grabsteine laut. In antimoderner Wendung wurde kulturkritisch die vermeintlich heile Welt der vorindustriellen Epoche beschworen. George L. Mosse schreibt: „Der Kampf gegen die Massenherstellung von Grabmalen und anderen Monumenten für die Gefallenen gehörte zu dem stets neu aufflammenden Konflikt zwischen dem Heiligen und dem Profanen. Der Gefallenenkult gehörte fraglos zur Sphäre des Heiligen, und er musste vor einer Trivialisierung geschützt werden, die sich mit Erfolg zahlreicher Gegenstände und Symbole des Krieges bemächtigte. Die Kriegstoten waren der Gegenstand eines Kultes, einer säkularisierten Religion, die allein schon dem Wesen nach etwas Außergewöhnliches war. Die vorindustrielle Symbolik der Nation befriedigte auch die Bedürfnisse des neuen Kults.“

Zum Höhepukt nationaler Erhabenheit wurden die von Robert Tischler, der ab 1926 für über 30 Jahre als Chefarchitekt des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge wirkte, entworfenen „Totenburgen“.  Tischler entwarf bis zum Zweiten Weltkrieg ein Dutzend dieser Totenburgen, die übrigens auch Adolf Hitler gefielen. Überhaupt arbeitete der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der politisch immer mehr nach rechts gerückt war, mit den Nationalsozialisten eng zusammen.  Einer der Gründungsväter des Volksbundes, Siegfried Emmo Eulen, schrieb im Editorial der Volksbund-Zeitschrift „Kriegsgräberfürsorge“ Anfang 1935 über das Verhältnis zur NS-Diktatur und zu Hitler: „Hingabe ist mehr als Pflicht, die von Vielen verlangt und erfüllt wird. Hingabe ist dargebrachtes Opfer. Der Volksbund kennt nur dieses, weil er für die Verewigung des heldischen Opfergedankens kämpft ... Der Führer lebt mit in unserem Werke. ... So schlagen unsere Herzen ihm entgegen und geloben, sich auch im neuen Jahre dem Werke der Heldenehrung hinzugeben, auf dass es aus deutscher Sehnsucht und deutschem Glauben weiterwachse.“  Während des Zweiten Weltkriegs wirkten Architekten des Volksbundes bei der Anlage der ersten Soldatenfriedhöfe in Polen, Norwegen, Belgien, Holland und Frankreich mit.

Natürlich: Der Pathos des Kriegstodes blieb nicht auf Deutschland beschränkt. In Paris und London gab es 1920 pompöse Zeremonien bei der Einweihung des Grabmals des Unbekannten Soldaten. Aber hier fehlte jene politische Brisanz, die der Kriegstod des Ersten Weltkriegs in Deutschland durch die sogenannten „Dolchstoßlegende“ erhielt - durch das Gefühl, „im Krieg unbesiegt“ geblieben und erst durch Verhandlungen von Politikern „verraten“ worden zu sein.

Dieser Symbiose von Politik, nationalistischer Ideologie und einem mythisch verbrämten Deutschtum entsprach es, dass die Soldatenfriedhöfe mit vermeintlich „deutscher“ Natur verbunden wurden. Dazu erkor man sich Bäume aus, insbesondere Eichen. Baumbestandene Toten- und Heldenhaine wurden zum „erhabenen“ Ort stilisiert: „In den Heldenhainen verband sich nationale Symbolik in Eichen und Findlingen mit der Symbolisierung des ewigen Kreislaufs von Werden und Vergehen in der Natur. Tod und Erneuerung in der Natur verwiesen auf Elementarkräfte, die auch den Frontsoldaten zugesprochen wurden ....“

Übrigens blieb die Gestaltung der Kriegsgräberstätten nicht ohne Auswirkung auf die zeitgenössische Friedhofsästhetik. Ausdrücklich wurde auf ihre Uniformität verwiesen, als es – wie im zweiten Kapitel erläutert – um den Reformfriedhof der 19020er-Jahre ging. Schon im Verlauf des Ersten Weltkriegs hatten reformorientierte Architekten und Gestalter bei dem Versuch mitgewirkt, angemessene Begräbnisplätze für die zahllosen Gefallenen zu schaffen. Der Deutsche Werkbund widmete sein Jahrbuch 1916/17 vollständig dem Thema „Kriegsgräber und –denkmäler“.  So trugen kriegsbedingtes Massensterben und Totengedenken letztlich auch zu einer neuen uniformen, das Individuum negierenden Friedhofsästhetik bei. Sie bestätigen damit auf ihre Weise Modris Eksteins' These von den Knotenpunkten zwischen den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges und der Kultur der Moderne.

Neben den Soldatenfriedhöfen bildeten die Kriegerdenkmäler ein weiteres Element des Totengedenkens.  Fast jeder Ort ließ in den 20er-Jahren ein eigenes Gefallenendenkmal errichten (oder ergänzte bereits bestehende Denkmäler, meist von 1870/71, um neue Inschriften). Ihre Inschriften transzendierten den Kriegstod in aller Regel als „Opfer für das Vaterland“. Ein Beispiel für manchmal vorherrschende Monumentalität war das im Münchener Hofgarten errichtete Kriegerdenkmal: Ein Travertinblock überdeckt eine Gruft, die die vom Bildhauer Bernhard Bleeker geschaffene Marmorfigur eines Frontsoldaten aufnimmt. Die Wände des Ehrenhofs – sie wurden durch einen Bombenangriff 1945 zersötrt – enthielten die Namen aller Gefallenen. Solche Denkmale waren häufig auch Ziele für Reisende. Übrigens war damals die Idee, Denkmäler auch für „einfachen Soldaten“ zu stiften, historisch kaum älter als 100 Jahre. Erst seit den sogenannten Befreiungskriege 1813 waren nicht mehr, wie zuvor, allein die „Feldherren“ denkmalwürdig erschienen.

Nicht selten entstanden Kriegerdenkmäler auch auf Friedhöfen, manchmal als Mittelpunkt einer kleineren Anlage zur Beisetzung von Gefallenen oder anderen Kriegsopfern. Auf dem Heidelberger Bergfriedhof beispielweise wurde ein Denkmal für die im Rahmen des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 im örtlichen Lazarett verstorbenen Soldaten errichtet. Gestaltet im historisierenden Neuklassizismus, verherrlicht es den Kriegstod durch die Darstellung von Kriegsgerät.  Das Ehrenmal auf dem Stuttgarter Fangelsbach-Friedhof erinnert an die Gefallenen des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 sowie des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Das im Zweiten Weltkrieg durch eine Fliegerbombe stark zerstörte Denkmal zeigte eine mächtige Figur des „Vaterlandes“, auf einem Sarkophag thronend und Lorbeerkränze in den Händen haltend.  Auf dem Leipziger Südfriedhof erinnert ein monumentaler Pfeilerrundbau an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten des 107. Infanterie-Regimentes, dem Stammregiment der Leipziger Garnison. An den Außenwänden wurden bronzene Kriegerköpfe angebracht – darunter sind die Namen jener Schlachtfelder verzeichnet, auf denen die Soldaten fielen. 

Eine andere Variante des – immer chauvinistischer gefärbten – Totengedenkens in den 1920er-Jahren bildete der „Volkstrauertag“. Frühzeitig zielte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge auf seine Einrichtung. 1925 war auf Anregung des Volksbundes vom Reichsinnenministerium zunächst der Sonntag Invocavit (erster  Sonntag der Fastenzeit) per Erlaß zum Volkstrauertag erklärt worden – das bedeutete: Vergnügungsveranstaltungen sollten unterbleiben, halbmast geflaggt und die Gedenkfeiern des Volksbundes unterstützt werden.  1926 wurde er auf den Sonntag Reminiscere verlegt, dem fünften Sonntag vor Ostern. Zunächst Gedenktag für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, wurde er unter den Nationalsozialisten 1934 zum „Heldengedenktag“ hochstilisiert.

Die nationalsozialistische Diktatur und der Zweite Weltkrieg vervielfachten das Leiden noch einmal. In Massenserien gefertigte Panzer und andere industriell ausgefeilte Technologien steigerten das im Ersten Weltkrieg begonnene mechanisierte Töten. In der nationalsozialistischen Propaganda wurde privater Schmerz und Trauer politisch instrumentalisiert. Die unterstellte Verbindung mit dem Dienst am „nationalsozialistischen Vaterland“ brachte ideologisch aufgeladene Trauerliturgien hervor: „Die Toten wurden zu Opfern, so wurde ihr Sterben idealisiert und zugleich wurden durch die Kraft des Blutes auch Zweifelnde eingebunen in dieses System der legalisierten Kriminalität und der kriminellen Legalität,“ schrieb der Kulturwissenschaftlicher Utz Jeggle.  Dabei konnte das von den Nationalsozialisten propagandistisch geschürte vermeintliche „Heldentum“ auf eben jenen Mythen aufbauen, die im Gefallenenkult nach dem Ersten Weltkrieg  geschaffen worden waren. Symbole wie Feuer und Rauch versinnbildlichten im nationalsozialistischen Heldenkult den Opfertod. Dennoch: Angesichts des massenhaften Sterbens nicht nur auf den Schlachtfeldern, sondern auch in den deutschen Städten, ließ sich der Heldengedanke während des Zweiten Weltkrieges auf Dauer nicht halten – die „Heldenehrungsfeiern“ mußten 1943 in „Gefallenenehrungsfeiern“ geändert werden.

Dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge war es, wie gesagt, nicht schwergefallen, dem nationalsozialistischen System zu dienen. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er unbeirrt weiter. Seine Aufgaben vervielfachten sich auf Grund der enorm hohen Zahl und weltweit verstreuten Lage der Kriegstoten. Das Prinzip einheitlicher Grabreihen blieb bei allen Unterschieden in der Gestaltung bestehen. Wurden am Anfang häufig Bodenplatten mit Name, Dienstgrad, Geburts- und Sterbedatum verwendet, so ging man Mitte der 1950er-Jahre zu stehenden Kreuzen über.

Zu den bedeutendsten Anlagen nach dem Zweiten Weltkrieg zählt der 1969 eingeweihte Soldatenfriedhof am Futa-Pass zwischen Bologna und Florenz mit seinen über 30 000 deutschen Gefallenen. Das national gefärbte Pathos der Zwischenkriegszeit fand hier keine Fortsetzung. Dem ansteigenden Gelände entsprechend wurde eine zwei Kilometer lange Natursteinmauer, die die Anlage zugleich terrassiert, vom Friedhofseingang hinauf den Hügel geführt, wo sie einen 16 m hohen, abstrakt modellierten Abschluß findet. Die einzelnen Grabstätten sind durch liegende Granitpultsteine gekennzeichnet. Die Freiflächen bestehen aus Rasen mit nur wenigen Bäumen. Wie einer der beteiligten Architekten, Dieter Oesterlen, schrieb, war man bemüht, „kein Pathos in üblicher Gestalt anzuwenden, das Unerbittliche des erlittenen Schicksals und keine Glorifizierung des Krieges darzustellen“.

Auch bei den nach dem Zweiten Weltkrieg errichteten Denkmälern wiederholte sich die politische Instrumentalisierung des Kriegstodes kaum. Wurden nach 1945 neue Gefallenendenkmäler errichtet, so kannten sie keine Heldengestalten mehr. Wegen der großen Zahl an Toten mußte an vielen Orten auf eine namentliche Nennung verzichtet werden. Statt Nationalismus und Chauvinismus dominierte nun irritierte Sprachlosigkeit oder der schicksalsergebene Rückgriff auf christlichen gefärbten Trost, etwa durch Bibelzitate.

In der Kunst führte der Kriegstod zu „obsessionellen Verwesungsdarstellungen“ (wie bei Otto Dix), „Kadaverästhetik“ und regelrechten Leichenbergen, wie Walther K. Lang festhält. Auch Statt des Heldentums in den Schlachtengemälden waren es im späten 20. Jahrhundert die hilflosen Opfer technisierten Tötens, die zum Thema wurden.

Diesen Vortrag finden Sie auch als Kapitel des jüngsten Buches des Autors 

http://www.n-fischer.de

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