Wehrkraftzersetzung Luise Otten

Wehrkaraftzersetzung Luise Otten

„Am anderen Morgen habe ich mich leider dazu hinreißen lassen etwas zu sagen,was wohl wahr war, aber man eben nicht sagen durfte.“
Luise Otten

W.E.H.R.K.R.A.F.T.Z.E.R.S.E.T.Z.U.N.G.



Rezitation: Gabrielle Blum und Michael Meyer
Kleine  Kantorei Unser Lieben Frauen Bremen -
Leitung: Hans Dieter-Renken
Schlagzeug: Friedemann Bartels
Video-Environment: Andreas Tillmanns/Peter Schenk
Regie/Textmontage: Peter Schenk

Texte: Gerichtsprotokolle 1944/1959, Brief aus dem Gefängnis, Heiner Müller, Franz Kafka
Musik: Felix Mendelssohn Bartholdy, Hans-Dieter Renken.

Montag, 22. Juni 2009, 20 Uhr
Kultursaal der Arbeitnehmerkammer, Bürgertraße 1


Veranstalter: Arbeitnehmerkammer Bremen in Kooperation mit der Georg-Elser-Inititative e.V.

Begleitprogramm zur Ausstellung „Was damals Recht war... Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht“

Einlassmusik:  vom Band (Schlager 1943-44)
Projektionen: (Privatfilmeaufnahmen aus Bremen 1933-45) Schlagzeug:  Friedemann



Chor: 
Die Toten warten auf der Gegenschräge
Manchmal halten sie eine Hand ins Licht
Als lebten sie. Bis sie sich ganz zurückziehn
In ihr gewohntes Dunkel das uns blendet.

(Heiner Müller: DRAMA)




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Wehrkraftzersetzung Luise Otten

Wehrkraftzersetzung     Luise Otten

A b s c h r i f t


Feldgericht des Kommandeurs
der 2. Jagddivision.
K. St.L 426/44. B.

Urteil mit Gründen abgesetzt
OKGR.d.Lw. Dr. Struck
am 26. Juli 1944
Zur Geschäftsstelle am 26.07.1944
Gez. Unterschrift
Justizinspektor d. Lw

Urteil bestätigt am 25.09.1944
Im Gnadenwege in eine Zuchthausstrafe
Umgewandelt. – s.Bl.37 –
Justizinspektor d. Lw.
.
F e l d u r t e i l

Im Namen des deutschen Volkes !

In der Strafsache gegen die Lw.- Helferin Luise Otten,
7./ Ln.- Flugm. – Regt. 101-
seit 21.7.44 in U.- Haft im Frauengefängnis in Bremen
geb. am 13.8.1913 in Paderborn
wegen Zersetzung der Wehrkraft
hat das am 25. Juli 1944 in Bremen zusammengetretene Feldgericht,
an dem teilgenohmmen haben

als Richter :
Kriegsgerichtsrat der Lw. Dr. Struck, als Verhandlungsleiter,
als Beisitzer: Major Graf, I. Ln.Regt. 202,
Obergefr. Rodewald II. Ln. Flugm. Rgt. 101,

als Vertreter der Anklage :
Kriegsgerichtsrat d. Lw. Krapp
als verpflichtete Urkundsperson :
Unteroffizier Löhr
Für Recht erkannt :

Die Anklage wird wegen Zersetzung der Wehrkraft
zum Tode
verurteilt.
Gleichzeitig werden der Angeklagten die bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit aberkannt.

G r ü n d e :

Die Angeklagte ist 30 Jahre alt. Sie ist die Tochter eines Polizeiwachtmeisters in Bremen. Ihr Bekenntnis ist evangelisch. Nach dem Besuch der Schule war die Angeklagte als  Hausgehilfin tätig, bis sie im Jahre 1932 einen Maschinisten heiratete. Die Ehe, aus der ein jetzt 11 Jahre alter Sohn stammt, ist im Sommer 1942 geschieden und die Angeklagte für schuldig erklärt worden. Nachdem die Angeklagte 2 Jahre lang als Straßenbahnschaffnerin tätig war, wurde sie am 1.11.42 als Ln.- Helferin eingezogen. Zur Ihrer Einheit gehört sie seit dem 1.8.43. Sie führt dort die Küche. – die Angeklagte ist Mitglied des Frauenwerks. Die Angeklagte ist weder gerichtlich noch disziplinar bestraft. Seit dem 21.7.44 befindet sie sich in Untersuchungshaft. In ihrem Dienst hat sich die Angeklagte bewährt. Sie hat sich stets als fleißig, als sauber und auch als kameradschaftlich bewährt. Mit Ihren Kameradinnen steht sie sich durchweg gut.

II .

In der Hauptverhandlung ist auf Grund der glaubhaften, uneidlichen Bekundungen der Zeugen Ln.- Oberhelferin de Vegt, der Ln.- Helferinnen Windhorst, Wagner, Büscher, Lorenz, Böcherer und Herras, der Reichsangestellten Lübbe sowie des Feldwebels Ketels und des Obergefr. Menge in Verbindung mit den eigenen Angaben der Angeklagten folgender Sachverhalt festgestellt worden:

Am Vormittag des 21.7.44 hatten die Zeuginnen Wagner und Windhorst Küchendienst. Als die Zeugin Lübbe gegen 8 Uhr erschien, kam das Gespräch alsbald auf den Führer verübten Anschlag. Die Helferinnen hofften von Frau Lübbe, die nicht bei der Einheit untergebracht ist, noch etwas Neues zu erfahren.
Die Angeklagte stand dabei auf dem Herd und reinigte die Fliesen. Frau Lübbe stand dicht dabei an einem Tisch, die beiden Zeuginnen Wagner und Windhorst in gleichfalls geringer Entfernung an einem anderen Tisch und beschäftigten sich mit Gemüse putzen. Neues wußte Frau Lübbe nicht zu erzählen. Sie brachte aber zum Ausdruck, wie unausdenkbar es gewesen wäre, wenn das Attentat auf den Führer geglückt wäre.
Darauf sagte die Angeklagte: “Schade“ und gab dem Sinne nach zum Ausdruck, dass sie bedauerte, dass der Anschlag mißglückt sei, denn dann hätten wir Frieden bekommen. Wenn sie Offizier gewesen wäre, wäre sie auch dabei gewesen. Die Zeugin Windhorst sagte darauf, es sei sehr fraglich, ob wir dann Frieden bekommen würden. Frau Lübbe warnte die Angeklagte und erklärte sie solle mit Ihren Äußerungen vorsichtig sein. Darauf entgegnete die Angeklagte, sie sei doch nicht feige und meinte, die jenigen, die das getan hätten, seien auch keine schlechten Menschen und in ihrem Sinne Freiheitskämpfer. Auf die weitere Warnung der Zeugin Lübbe, sie solle an ihr Kind denken, entgegnete die Angeklagte nichts.

Die Angeklagte wurde sodann aus der Küche herausgerufen. Die Zeuginnen Windhorst und Wagner begaben sich alsbald auf den Hof, um dort Kartoffeln zu schälen. Dort erzählte die Zeugin Windhorst die Äußerungen der Helferin herraus. Diese machte der Einsatzgruppenführerin, der Zeugin de Vegt, kurze Zeit darauf Mitteilung. Die Zeugin de Vegt meldete den Vorfall der Kafü, der Zeugin Jensen. Durch sie wurde der Sachverhalt dem Kompanieführer Hauptmann Köster unterbreitet.
 

III .

Die Angeklagte bestreitet den Sachverhalt. Sie gibt zu, das Wort “Schade“ gebraucht zu haben und zwar sowohl am Abend vorher, als sie erstmalig von dem Anschlag gehört habe, als auch bei dem Gespräch mit Frau Lübbe habe sie gesagt,: “Wenn etwas geschehen wäre, wäre vielleicht eine Umwälzung gekommen, vom menschlichen Standpunkt aus könne sie verstehen, dass es immer Menschen geben wird, die danach trachten werden, eine Führung zu beseitigen.“ Sie will weiter gesagt haben, “die Betreffenden hielten sich für Freiheitshelden.“ Wenn sie anders verstanden worden wäre, so sei sie mißverstanden worden.

Diese Einlassung der Angeklagten ist durch die Beweisaufnahme widerlegt worden, Nicht nur die beiden Kameradinnen der Angeklagten, die Zeuginnen Windhorst und Wagner, haben eindeutig bekundet, dass der Sinn der Äußerungen der Angeklagten anders gewesen ist, auch die Zeugin Lübbe bestätigt diese Zeugenbekundungen. Die Aussage der Frau Lübbe hat deshalb besonders Gewicht, weil diese Zeugin bei ihrer Aussage offensichtlich bestrebt war, die Angeklagte zu schonen. Trotzdem hat sie auf Vorhalt eindeutig angeben müssen, dass der Sinn der Worte der war, dass die Angeklagte ihrem Bedauern Ausdruck gabe, dass das Attentat mißglückt sei. Zwar hat sich der genaue Wortlaut der Äußerungen nicht mehr feststellen lassen, der Sinn der von der Angeklagten gemachten Äußerung ist aber eindeutig erwiesen. Das Feldkriegsgericht hatte nicht die geringsten Bedenken, den übereinstimmenden Äußerungen der drei Zeuginnen zu glauben. Von diesen Zeuginnen ist keine mit der Angeklagten auch irgend wie verfeindet. Die Glaubwürdigkeit der Bekundungen wird auch nicht dadurch erschüttert, weil die Zeuginnen nicht sofort zu ihren Vorgesetzten gegangen sind un eine Meldung erstattet haben. Es ist gerichtsbekannt, dass Mädchen eine solche Meldung sehr oft unterlassen.- Gestützt ist die Überzeugung des Feldkriegsgerichts durch das Verhalten der Angeklagten. Wenn die Angeklagte nur das gesagt hätte, was sie angibt, dann müßte sie auf die Warnung der Zeugin Lübbe erkennen, dass sie mißverstanden war. Dann würde sie dieses Mißverständnis sofort zu klären versucht haben und nicht entgegnet haben, “sie sei doch nicht feige“.

Der Angeklagten ist trotz ihrer angeblichen positiven nationalsozialistischen Einstellung die Tat zuzutrauen, Sie hat sich schon vor einiger Zeit in einer Weise zu Kameradinnen geäßert, die für ihre Einstellung bedenklich ist. Sie hat bei einm Gespräch, bei dem das Schicksal der Bevölkerung der Ukraine bedauert wurde, ohne ersichtlichen Anlaß sich gegen diese Einstellung gewendet und gesagt,- die deutsche Wehrmacht habe in Polen die Juden ähnlich behandelt.- Die Angeklagte will zwar bei diesem Gespräch auch mißverstanden worden sein. Auf Grund der Bekundungen der Zeuginnen Harras und Büscher hat das Feldkriegsgericht jedoch keinen Zweifel, diese Äußerungen auch so gefallen sind., wie die Zeuginnen angaben. Denn nicht allein die Zeugin Harras, die sich mit der Angeklagten nicht gut steht, hat diese Bekundungen eindeutig gemacht, auch die Zeugin Büscher hat dasselbe bekundet, ohne dass die Angeklagte behaupten könne, die Zeuginnen machten ihre Aussage, um sie in ein falsches Licht zu setzten.
IV .

Die Angeklagte hat nach dem festgestellten Sachverhalt Zersetzung der Wehrmacht begangen. Sie hat öffentlich den Willen des deutschen Volkes zur Wehrhaften Selbstbehauptung zu zersetzen gesucht. Die Angeklagte ist, wie die Hauptverwaltung ergeben hat, intelligent. Sie hat die Bedeutung und Wirkung ihrer Äußerungen erkannt und sie trotzdem getan. Die Äußerungen sind öffentlich erfolgt, denn sie sind sofort einem großen Kreis bekannt geworden und dadurch in die Öffentlichkeit gedrungen. Die Angeklagte war hiernach wegen Zersetzung der Wehrkraft aus § 5 der Kriegssonderstrafenrechtsverordnung zu bestrafen.


V .

Bei der Frage, welche Strafe für die Tat erforderlich sei, spielte die Schutzbehauptung der Verteidigung, die Angeklagte sei bei ihrer Ortsgruppe für die positive Einstellung zum Nationalsozialismus bekannt, überhaupt keine Rolle. Die Angeklagte mag sich, solange sie im Dienst des Frauenwerks tätig war, noch so sehr eingesetzt haben, für die jetzt von der Angeklagten begangenen Tat ist dieses frühere Verhalten der Angeklagten ohne jede Bedeutung.
Die Zersetzung der Wehrkraft wird nach dem Gesetz mit dem Tode bestraft. Von der Todesstrafe kann nur dann Abstand genommen werden, wenn es sich um einen sogenannten minder schweren fall handelt. Diese Frage muß verneint werden. Die Äußerungen sind zu einer Zeit gefallen, in der das einmütige Bekenntnis zum Führer und der Abscheu über das an dem Führer begangene Verbrechen so selbstverständlich sind, dass es darüber keine Worte bedarf.
Wer in diesem Augenblick nicht nur Zweifel an seiner Gesinnung aufkommen läßt, sondern, wie die Angeklagte es getan hat, sich zu den Verbrechen bekannt, die dem Führer nach dem Leben getrachtet haben, muss ausgemerzt werden. Für ein solches Verbrechen gibt es nur die Todesstrafe. Demgemäß hat das Feldkriegsgericht gegen die Angeklagte entschieden. Es erschien dem Feldkriegsgericht als selbstverständlich, der Angeklagten gemäß § 32 RStGB. die bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit abzusprechen.


gez. Dr. Struck
Kriegsgerichtsrat d. Lw.

 

A b s c h r i f t


Der Reichsmarschall
Hauptquartier den 25.9.44
Des Großdeutschen Reiches                             Tel: 120044



M. St. L. 2683/ 44 ( Best…) (LR 2 I )


In der Strafsache gegen

die Ln. – Helferin Luise Otten
7. / Ln. – Glugm. – Regiment 101 in Bassum Bez Bremen
wegen Zersetzung der Wehrkraft

bestätige ich das Feldurteil des Feldkriegsgerichtes des Kommandeurs der 2. Jagddivision vom 25.7.1944.

Im Gnadenwege wandle ich die Todesstrafe in eine Zuchthausstrafe von 10 Jahren um. Der Verlußt der bürgerlichen Ehrenrechte wird gnadenweise auf 10 Jahre herabgesetzt.

Die Zuchthausstrafe ist zu vollstrecken. Zu diesem Zwecke ist die Verurteilte der Reichsjustizverwaltung zu übergeben.


gez. Göring

Für die Richtigkeit
Berlin, den 30. September 1944
gez. Dr. Frh.v. Hammerstein
Generalstabsrichter

Stempel





Landesamt für Wiedergutmachung Bremen
Bremen, den 24. August 1959


Frau
Luise Röhrs

B r e m e n
Auf dem Halm 1



Betr.:  Antrag auf Gewährung von Entschädigung wegen Schadens an Vermögen sowie im beruflichen Fortkommen


Am 4.8.1959 erhielt die Entschädigungsbehörde ein Schreiben des Hernn Eduard Lübbe, Bassum, Bremer Str. 14, in dem dieser auf Ihre Aufforderung hin bestätigt, dass Sie zur Zeit Ihrer Verurteilung im Jahre 1944 eine Gegnerin des damaligen “Führers“ Adolf Hitler gewesen war.

Diese Zeugenaussage reicht jedoch noch nicht aus, um Sie als Verfolgte des Nationalsozialismus im Sinne der Bestimmungen des § 1 des Bundesentschädigungsgesetzes ( BEG ) vom 29.6.1956 anzuerkennen.

Vielmehr ist es erforderlich, dass Sie weitere Zeugen benennen, die nicht nur über Ihre politische Haltung während der Zeit der Verfolgung im Jahre 1944 Auskunft erteilen können, sondern in der Lage sind, über Ihre Einstellung zum Nationalsozialismus in den Jahren vor 1944 auszusagen.

Nach § 1 des BEG ist es Voraussetzung, dass eine politische Gegnerschaft vorgelegen hat, auf Grund derer nationalsozialistische Gewaltmaßnahmen eingeleitet worden sind. Diese politische Gegnerschaft gegen das NS- Regime müßte von Ihnen nachgewiesen werden.

Es darf in diesem Zusammenhange aufmerksam gemacht werden, dass gelegentliche “Unmutsäußerungen“ über damalige Mißstände oder Ereignisse nicht zu einer Anerkennung der Verfolgteneigenschaft im Sinne der Wiedergutmachungsbestimmungen führen können.




                                      In Vertretung
   
                                           Lüken

                                         ( Lüken)







Landesamt für Wiedergutmachung
    Bremen                              Bremen, den 27. November 1959
                                  Meinkenstraße 1
                                  Fernruf: 361 20 66
Aktenzeichen: 4080/ E 6145 / 3                          Fernschreiber: 0244804 senat Bremen
                                    Rud / Wi





B e s c h e i d


Über den am 20.3.1950 eingegangenen Antrag der Frau Luise Röhrs geb. Göbelsmann,
gesch. Otten, geb. am 13.8.1913 in Paderborn, wohnhaft in Bremen, Auf dem Halm 1,
wurde entschieden:


I.    Es wird festgestellt, dass die Antragstellerin
nach den Bestimmungen des Bundesentschädigungsgesetzes (BEG)
vom 29.6.1956 wegen Schadens an Eigentum und im beruflichen
Fortkommen nicht entschädigungsberechtigt ist.

II.    Der Antrag wird als unbegründet zurückgewiesen.



G r ü n d e :


Die Antragstellerin macht einen Anspruch auf Entschädigung wegen Schadens an Eigentum sowie
Im beruflichen Fortkommen geltend. Zur Begründung derselben führt sie aus, dass sie am 21.7.1944
Aus politischen Gründen verhaftet und im Anschluß daran durch Urteil des in Bremen am 25.7.1944
Zusammengetretenen Feldgerichts des Kommandeurs der 2. jagddivision wegen Zersetzung der Wehrkraft zum Tode verurteilt worden sei, weil sie ihr Bedauern darüber ausgesprochen hätte, dass das auf den Führer Adolf Hitler verübte Attentat mißglückt sei. Diese Strafe sei am 25.9.1944 umgewandelt und nach Ausgang des Krieges ganz gelöscht worden. Die gesamte Haftzeit habe vom
21.7.1944 bis einschließlich 13.5.1945 gedauert ( Bl. H1. 7-9. 13).

Die Antragstellerin ist der Meinung, daß sowohl die Verhaftung als auch die Verurteilung eine gegen sie gerichtete NS- Gewaltmaßnahme dargestellt habe, die auf Grund ihrer politischen Gegnerschaft gegen das damalige Regime erfolgt sei, sodass sie deshalb Anspruch auf die begehrte Entschädigung habe.

Wegen des weiteren Vorbringens wird auf den Inhalt der Akte E 6145 Bezug genommen.

Der Antrag, der im Hinblick auf die Bestimmungen des früher geltenden Gesetzes zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts (Entschädigungsgesetz) vom 16.8.1949 gestellt worden ist, behält, da bisher über das anhängige Verfahren noch nicht entschieden wurde, seine Gültigkeit und es richtet sich sowohl die Entscheidung über den Antrag als auch die Befriedigung des Anspruchs nach den Vorschriften des nunmehr anzuwendenden Bundesentschädigungsgesetzes (BEG) vom 29.6.1956 ( §§228,231 Abs. 1 BEG ). Die sachliche und örtliche Zuständigkeit des landesamtes für Wiedergutmachung Bremen ist nach §§ 4 und 185 aaO gegeben, weil die Antragstellerin am 31.12.1952 ihren Wohnsitz im Lande Bremen hatte.

Der Antrag ist jedoch nicht begründet.

Gemäß § 1 BEG hat Anspruch auf Entschädigung, wer u.a. aus Gründen politischer Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus durch nationalsozialistische Gewaltmaßnahmen verfolgt worden ist und hierdurch einen im gesetz näher bezeichneten Schaden erlitten hat (Verfolgter).

Diese Voraussetzungen liegen jedoch nicht vor.

Wie sich aus der Akte, insbesondere aus dem von der Antragstellerin zur Akte gegebenen nicht beglaubigten Feldurteils des Feldgerichts des Kommandeurs der 2. Jagddivision ergibt, äußerte die Antragstellerin am Tage nach dem Attentat auf den damaligen sogenannten “Führer Adolf Hitler“ am 21.7.1944 ihr Bedauern darüber, dass der Anschlag mißglückt sei, Sie war der Meinung, dass es bei Gelingen dieses Attentats Frieden gegeben hätte. Desweiteren erklärte sie, wenn sie Offizier gewesen wäre, wäre sie auch dabei gewesen.

Wenn auch diese Äußerungen im damligen Zeitpunkt persönlichen Mut erforderten, so kann jedoch nicht erkannt werden, dass die Antragstellerin eine politische Gegnerin des NS- Regimes war, und sie als solche durch Verhaftung und Verurteilung getroffen werden sollte. Gegnerische Beweggründe, die die Antragstellerin zur Tat veranlaßt haben könnte sind nicht erkennbar und erscheinen im Hinblick auf die auch vom Feldgericht gestgestellte positive Einstellung der Antragstellerin zum Nationalsozialismus nach Lage der Dinge unwarscheinlich. Abgesehen davon, ist auch für die Verhängung der hohen Strafe nach den Gründen des Urteils die Äußerung der Antragstellerin als solche allein auschlaggebend gewesen.

Zum Begriff des politischen Gegners gehört, dass der Nationalsozialismus, wenn auch nicht in allen seinen Erscheinungen, so doch in seinen wesentlichen Grundsätzen, Zielen und Methoden abgelehnt wird. Eine kritische Stellungnahme zu einzelnen Punkten des nationalsozialistischen Programms unter Billigung grundsätzlicher Forderungen macht niemand zu einem politischen Gegner des nationalsozialistischen Systems. Auch eine gelegentliche Unmutsäußerung oder aus persönlicher Verärgerung stellt keine Gegnerschaft im Sinne des Gesetzes dar. Im wesentlichen kommt es auf diegesamten Umstände und die gesamte Persönlichkeit des Einzelnen an.
Die durchgeführten Prüfungen ergaben jedoch nicht, dass die Antragstellerin negativ zum Nationalsozialismus eingestellt war. Wie aus den vorliegenden Unterlagen ersichtlich ist, war sie Mitglied des NS- Frauenwerks. Außerdem ergibt sich aus dem in Abschrift vorliegenden Gerichtsurteil die positive Einstellung derselben, zur NSDAP. Sie kommt ebenfalls dadurch zum Ausdruck als unter anderem ausgeführt wird: “der Angeklagten ist trotz ihrer angeblich positiven nationalsozialistischen Einstellung die tat zuzutrauen“.
Außerdem wird in Abs.5 des Gerichtsurteils zum Ausdruck gebracht, dass die positive Einstellung der Antragstellerin zum Nationalsozialismus bei ihrer Ortsgruppe bekannt sei.


Die Genannte wurde durch das vorgenannte Feldgericht wegen Zersetzung der Wehrkraft verurteilt. Diese Begründung seitens des Gerichts läßt hier nicht den Schluß zu, dass die verurteilte ein Gegner des Nationalsozialismus war und als solche getroffen werden sollte.

Da nach den vorstehenden Ausführungen die Voraussezungen des § 1 BRG nicht erfüllt sind, wurde davon Abstand genommen, weitere Ermittlungen wegen des angemeldeten Schadens an Eigentum und im beruflichen Fortkommen durchzuführen.

Nach allem war – wie geschehen – zu entscheiden.


Rechtsmittelbelehrung :

Soweit durch diesen Bescheid der geltend gemachte Anspruch abgelehnt worden ist, kann der Antragsteller gegen die Freie Hansestadt Bremen, vertreten durch den Senator für Arbeit, innerhalb einer Frist von drei Monaten Klage erheben. Die Frist beginnt mit dem Tage der Zustellung dieses Bescheides. Die Klage ist entweder schriftlich unter Beifügung einer Abschrift beim Landgericht Bremen – Entschädigungskammer- oder mündlich zu Protokoll der dortigen Geschäftstelle einzureichen.

Die Klageschrift soll als Klage bezeichnet werden. Sie muß enthalten: die Bezeichnung der Parteien und des Gerichts, die bestimmte Angabe des gegenstandes und des Grundes des erhobenen Anspruchs sowie einen bestimmten Antrag. Die zur Begründung dienenden tatsachen und der angegriffene Bescheid sind anzugeben.

Das gerichtliche Verfahren ist gebühren- und auslagenfrei. Für offensichtlich unbegründete Klagen können jedoch dem Klage die Kosten auferlegt werden. Ist die Rechtsverfolgung offenbar mutwillig, so kann ein Kostenvorschuß erhoben werden.

 








Frau                                gez. HenningsLuise Röhrs                             


B r e m e n                                (Hennings)
Auf dem Halm 1                        Oberregierungsrat
                                F.d.R.d.D.
                                Bremen, den 07. November 1959
      Lübeck, den 1.4.1945
      1.Ostertag morgens gegen 10 Uhr

 

Meine Lieben, lieben Eltern!

Ich schreibe hier zwei Briefe auf einmal, meinen Fristbrief durch Zensur und jetzt diesen.Den anderen habe ich nur so auf dem Tisch liegen und brauche ich ihn nur, wenn jemand kommt. Ich weiß garnicht, was ich da schreiben soll, aber der eine Bogen wird auch schnell voll. Gestern ließ ich einige Zeilen rausgehen an euch, welche auch hoffentlich früher ankommen als dieser Brief. Ich bestätigte darin den Erhalt des Paketes. Ich war schon so traurig, dass das Paket verlorengegangen sei und da kamm Monika am Freitag mit den ersten Sachen daraus an und morgen bringt sie mir den Rest. Ich habe mich  so gefreut, dass ich es garnicht sagen kann und da Ammelie auch ein Paket von zu Hause hatte, haben wir Ostern wie viele anderen nicht. Wir wissen es auch bestimmt zu schätzen und gehen nicht einfach zur Tagesordnung über.
Jeder Bissen wird gelobt und gepriesen und den Spendern dafür gedankt.
Wir haben sogar Ostern mit Ostereier, hatte keine von uns nur geahnt. Das alles ankommt von Monika brauche ich Euch wohl nicht erst zu versichern? Hat alles seine Ordnung bei ihr. Sie Selbst tut uns so leid, vor einigen Tagen kam ihre Schwester mit einem 13 Monate alten Kinde als Flüchtling aus Gotenhafen und nun kann sie nirgendwo unterkommen. Monika selbst ist auch nur so grade bei einer angeheirateten Tante aufgenommen worden, als sie in Kiel ihre Wohnung verlor. Es ist alles so maßlos traurig. Wir stellten ihr gerne unser Zimmer zur Verfügung, aber das geht ja nicht. Wir können ihr leider nicht helfen.
Eben waren wir draußen, Freistunde. Es war nicht sehr schön heute, es nieselt ein wenig und ist auch ziemlich windig. Hier in unserer Zelle ist es ganz nett und fast gemütlich. Alles schön sauber, nette Blumen an dem Fenster, selbstgezogene Tulpen, welche aber leider an Mangel von Sonne nicht aufgeblüht sind. Ein Topf mit vier Tulpen steht hier neben mir auf dem Tisch und wir haben sogar ein paar  Kätzchen dazwischen stecken können. Erika sitzt und liest, Ammelie fegt den Flur und was ich mache merkt Ihr ja. In der letzten Nacht habe ich nur ganz wenig geschlafen und war in meinen Gedanken immer zu Hause. War das vielleicht Übertragung, konnte Mutter vielleicht auch nicht schlafen? Es war noch ganz dunkel , da sang unsere Drossel uns schon ein Lied. Sie bringt uns jeden Morgen und Abend ein Ständchen. Bei uns hier im Garten blühen Veilchen, Primeln und Schneeglöckchen. Der Flieder hat ganz dicke Blütenansätze und alles fängt an grün zu werden.Wenn die hohe Mauer nicht wär und der  Säulsemarsch immer rundherum, könnte man fast vergessen wo man sich befindet.Gestern Abend haben wir uns einen Eimer warmes Wasser geholt aus dem Keller und uns tüchtig abgeschrubbt. Wo wir uns morgens und abends immer tun von oben bis unten, ist es auch sehr nötig. Na aber mit warmen Wasser ist es auch mal schön.Nun sitzen wir ganz sauber und blank hier. Anfang der Woche hatten wir den Kopf gewaschen und auch saubere Wäsche bekommen und da einige neue Sachen dabei waren, bekammen wir die natürlich. Hemd, Hose und Schürze neu. Das Hemd sticht furchtbar vor lauter Holzsplitter. Gestern habe ich es durch Wasser gezogen und dann trocken gebügelt, aber es ist kaum besser geworden. Na, ich weiß wenigstens, dass es nichts lebendes ist und das ist die Hauptsache. Unsere Tracht ist hier so: schwarzes Kleid mit gelben Ärmelstreifen,weiße Schürze, Kopftuch in blauweiß kariert, weiße Strümpfe (allerdings nur für Kalfaktorinnen, wozu wir drei gehören) und schwarze Schuhe. Ist garnicht so häßlich. Früher wurde Sonntags auf dem Kleid ein breiter weißer Kragen getragen und eine weiße Haube. Da unser Sonntagskleid wärmer ist, haben wir diesen den ganzen Winter getragen. Bald wird es Mittag sein und ich muss dann erstmal schluß machen. Morgen habe ich auch noch den ganzen Tag, also Zeit genug.
So, jetzt ist es bereits Nachmittag, das Essen haben wir intus und auch ein Schläfchen gehalten. Erbsensuppe gab es, schmeckte ganz gut, wenn man uns die Erbsen vorher waschen würde. Kann uns aber nicht erschüttern, wir essen einiges. Draußen hinter unserem Fenster sind einige aus unserer Station am Holz zerkleinern. In der Nähe, so paarmal um die Ecke sind Kaninchenställe und Steckrüben für dieselben. Alles ist natürlich .......  dafür lecker. Zweimal wurde Erika ans Fenster gerufen und brachte jedesman eine halbe Steckrübe mit. Das ging folgendermaßen zu: Draußen steht eine an der Ecke mit der halben Rübe in der Tasche, eine unterm Fenster und wenn Erika dann aus zweite Bett geklettert ist und oben aus dem Fenster sehen kann, kommt die mit den Rüben auch zum Fenster und dann klettert eine auf die andere und die Rübe wandert durch die Gitterstäbe nach innen. Im Augenblick essen wir sie ja nicht vor Hunger, dies dürfen wir den anderen natürlich nicht sagen und müssen und riesig darüber freuen. Es ist alles nur Falscheit auf der Welt. Gestern bekammen wir eine ganz dicke Rübe von der Gartenkalfaktorin Lenchen, welche auch die Kanninchen füttern muss. Ob die Kanninchen vom Oberinspektor sehr darunter leiden müssen?Ich hatte für Lenchen ein Osterkärtchen gemalt. Ja, die Rüben, die Rüben!! Heute ist unsere Werkbeamtin bei uns, der wir richtig unterstellt sind, sie heißt Rubozek, von uns kurz „Rubi“ genannt. Sie ist mit uns dreien ganz nett, aber eben durch und durch Beamtin und kein “Hilfskreuzer“ wie unsere Monika und Frieda Denzin. Die Beiden haben wir am meisten in unser Herz geschlossen und wir verabschieden uns oft durch ein Küsschen auf die Backe von Ihnen. Ammelie muß immer ein wenig schmusen und ist das angefangen. Sie läßt sich auch auch abends mit Vorliebe von mir zudecken und einpacken. Sie kann dann besser schlafen, behauptet sie. Wir drei verstehen uns ganz gut und das ist ein Stück, wir haben uns gesucht und gefunden.

2).
So, nun kommt mal etwas ganz anderes, ich fange jetzt mal am 20.Juli 1944 an zu erzählen.
An dem tage war ich in Bremen bei der Abteilung und holte Fisch von dort. Abends kam gegen 6 Uhr die Sache mit dem Attentat durchs Radio. Ich war noch bei der Abteilung und natürlich war alles voll davon, aber ich habe mich dort nicht schlecht geäßert, wie man mir vorwarf. Als ich dann nach Hause kam zu .......,haben wir darüber gesprochen, was die meisten dachten. Am anderen Morgen habe ich mich leider dazu hinreißen lassen etwas zu sagen, was wohl wahr war, aber man eben nichts sagen durfte. Vater kennt ja die näheren Umstände, ich freue mich heute noch, dass er bei der Verhandlung war. Frau Lübbe hat mich mit am meisten belastet, obwohl sie es nicht wollte. Sie hatte aber auch eine Äußerung getan, die sie ebensogut hinter Gittern gebracht hätte und hatte nun wohl große Angst, ich könnte die Gemeinheit besitzen und sie mit hinein ziehen. Darüber hat sie vollkommen den Kopf verloren. Ich hätte meine Sache dadurch in keinem Deut verbessert und habe von der ersten Minute an behauptet, keiner habe sich dazu geäßert außer mir. Man war eben neidisch auf meine Arbeit und Stellung in Bassum. In der Woche vorher kam ein Gerücht auf, dass ich Sachen verschöbe aus der Küche. Da ich aber eine reine Weste hatte, ging ich zum Hauptmann und dann bekammen die Leutchen an der Spitze, Frau Jensen, einen auf den Deckel. Na, wenn man unbedingt den Hund werfen will, findet man endlich auch den Stein. Also wie gesagt, ich war nicht vorsichtig genug. (Erika und ich haben uns gestärkt, haben „gekaffert“. Hat sehr gut geschmeckt.) Eine halbe Stunde vorher, etwa gegen 10 Uhr am 21. hatte ich noch eine nette Auseinandersetzung mit Köster, in welcher beschlossen war, dass ich doch noch zu einem Lehrgang sollte. Dann kam das maleur aus heiterem Himmel. Ich hatte natürlich nicht die geringste Ahnung von der Klatscherei. Frau Jensen kommt an die Küchentür und bittet mich zu Köster.Ich, nichts ahnend, hopp hopp wie immer die Treppe rauf, komm ins Dienstzimmer und seh in lauter starre Gesichter. Köster, Hoplin, Erest, Schildt und Jensen.Köster eröffnete das Verhör und ich muß schon sagen, es lief kalt und heiß den Rücken runter und die haare sträubten sich einzeln.Ich weiß heute noch nicht wieso, aber von der ersten Minute an wusste ich das Urteil und habe auch mit nichts anderem gerechnet, trotzdem wusste ich ebensogut, dass ich die Wahrheit gesagt hatte. Ich fragte ihn in aller Ruhe, welche ich keine Minute verloren habe, ob nichts daran zu ändern sei. Köster sagte: „Nein, ich habe bereits der Abteilung Meldung gemacht.“ Ich habe natürlich mit vollster Ruhe überlegt und in meinem Kopf geredet. Es ist mir gelungen, die Zeugen konfus zu machen, dass sie nicht zum Eid kommen konnten. Ich glaubte dann auch schon gewonnen zu haben, rechnete mit dem Annahmegesetz. Ich würde kurz nach Mittag mit Frau Lübbe und noch einer, welche unbedingt unschuldig war, ins Bassumer Gerichtsgefängnis eigeliefert. Wir kamen jeder in eine andere Zelle. In meiner waren die Wände, Türen und Spind mit Schriften und Hammer und Sichelzeichen übersäht. Abschiedsworte an Eltern und sonstige Angehörigen und es war ein böses Omen für mich. Gegessen habe ich garnichts und trotz allem gut geschlafen. Zunächst habe ich immer gegrübelt, mir dann aber alle Gedanken aus dem Kopf geschlagen und es ist mir auch gelungen. Ich mußte feststellen, dass ich günstiger hätte nicht aussagen können, und vor allen Dingen mich nicht wiedersprechen durfte. Also ließ ich die Sache an mich herankommen. Am Samstagnachmittag, den 22.7. kam Schildt und holte mich ab. Ich mußte noch am gleichen Abend nach Bremen gebracht werden auf höherem Befehl. Er ging mit mir zur Baracke und ich habe erstmal gründlich geduscht, mich frisch angezogen und dann in der Küche gegessen. Von Lienen hat mir noch ein paar gute Butterbrote geschmiert, die kamen in Bremen in ein paar hungrige Mägen. Feldwebel Eichler und eine Helferin brachten mich dann nach Bremen. Hauptmann Köster gab mir den Rat, die Ohren steif zu halten und keinen Fluchtversuch zu machen, Eichler habe Order sofort zu schießen. Ich antwortete: Meinetwegen, nur auf mich werde ich ihm keine Gelegenheit geben. Geraucht habe ich wie ein Schlot, das war das Einzige, welches mich in einiger Verfassung hielt. Ich gab doch keinem eine Szene, wie vielleicht erwartet. Ich hätte bestimmt türmen können, aber wozu? Damit hätte ich höchstens etwas schlimmer machen können, aber nicht besser. Um viertel nach neun wurde ich in Bremen eingeliefert und dieses wichtige Ereignis von Ort und Stelle fernmündlich der Abteilung gemeldet. In Bremen nahm mich  Fräulein Beeden nahm mich in Empfang und ich war angenehm überrascht. Der Beamte in Bassum war aber auch prima. Fräulein Beeden nahm sofort Feldwebel Eichler zur Seite und seiner Aussage hatte ich auch die sofortige gute Behandlung zu verdanken. Nach eingehender Musterung, welche aber sofort abgebrochen wurde, als sie sah, dass ich sauber war, kam ich in eine Zelle, in welcher Frau Wiening mit einem jungen Mädel war. Mit Frau Wiening blieb ich bis zum Schluß zusammen. Ein Bett war nur darin und in dem schlief Frau Wiening, da sie die Ältere war. Für mich wurde noch ein Strohsack geholt und dann konnte ich auf der Erde kampieren. War alles halb so schlimm, war Holzfußboden und immer ganz warm. Zunächst wurde sich im dunkeln berochen und gleich gefragt: was gibt’s neues draußen? Wir kamen auch auf das Attentat und als sie eine unvorsichtige Äußerung tat, sagte ich ihr, dass das mein Vergehen sei. Sofort war sie stumm.

3.) An schlafen war natürlich nicht zu denken und als man wußte, dass ich einigen Mut hatte, sagte sie mir, dass sie den Strohsacke eben aus der Totenzelle geholt habe, wo die Kakerlaken nur so wimmelten. Ich fragte wieso Totenzelle? Ja, wenn einer ein Todesurteil hatte früher, der wurde in der letzten Nacht dort untergebracht, außerdem eine Dunkelarrestzelle. Na, mir langte es langsam! Aber ich bin immer zurück gekommen. Alles drehte sich bei mir nur um ja oder nein, leben oder nicht. Beim spazierengehen habe ich die Steine in der Mauer, die Gitterstäbe an den Fenstern, die Fenster selbst und die und die Schritte rundherum auf dem Hof danach abgezählt. Es war schon in gewisser Hinsicht eine
Marter, besonders nach dem 25. Juli, nach dem Termin. Aber immer habe ich versucht, nur die Gedanken zu vertreiben und oft ist es mir auch gelungen. Nicht immer, ist ja auch kein Wunder. Fast den ganzen Tag haben wir Kartoffeln geschält, zuerst die Beamtenkartoffeln und dann die Leutekartoffeln. Erstere sind natürlich besser.Wurzeln und Kohlrabi haben wir gepuzt und in Maßen gefuttert, dabei entstand auch das Arbeitslied. (Morgen weiter.)

2.Ostertag, nachmittags: Heute gab es Haferflockensuppe mit Steckrüben. Vorgestern haben wir mit Frida Kartoffeln geklaut im Kückengang und die haben wir uns heute mittag auf dem Bügeleisen gekocht, dazu von Ammelies Speck ausgebraten und mit einem Spiegelei. Hat großartig geschmeckt und als Nachtisch jetzt einen wunderschönen Apfel. Eben kam Monikas Tasche zu uns rein und damit die zweiten drei Eier. Leider war eines daran angeknickt und dann schlecht geworden auf der langen reise, schade aber nicht zu ändern. Heute morgen haben wir das Bügeleisen erst von oben holen müssen und zu dem Zweck mußten wir natürlich alle drei mit nach oben, mußten doch erst eine Zigarette rauchen. Ja, wenn wir unsere Frida nicht hätten, machte das ganze Zuchthaus keinen Spaß. Heute Nachmittag können wir schon kaffern, kochen uns selbst Kaffee und essen dazu Kuchen. Wußtet ihr nicht, dass es im Zuchhaus sowas gibt? Nein? Ich auch nicht! Wenn Ammelie aufs Örtchen muss, dann kommt sie immer zu uns herein und nun sitzt sie eben da und es ist Montag und noch nicht die Karten um´s Glück befragt? Her mit den Karten, den Bock vors Örtchen und dann geht’s los, wenn das kein Glück bringt? Erika schreibt auch und will auch für Euch einen Zettel mit einlegen. Sehr symphatisch ist sie mir nicht, sie ist zu rechthaberisch, aber wir kommen schon aus, wir lassen ihr eben ihr Recht, es gäbe schlechtere.
Meine beiden Lieben, nun will ich mal da weiter machen, wo ich gestern aufgehört habe. Also in Bremen war ich soweit ganz gut aufgehoben. Die Oberin mochte ich zwar garnicht, sie hielt am meisten die Spechstunde ab und habe ich mich so sehr geärgert, als Mutter ihr mal so nett die Schulter klopfte. Sie war eine Frau ohne jedes Gefühl und Herz. Als ich damals die Handfesseln bekam, kam sie mit einem süßen Lächeln und machte mir die Eröffnung und als ich ihr keine Schwierigkeiten machte und tat, als ob mich das garnicht berührte, meinte sie:“Ja, das ist ja auch weiter garnicht schlimm und man gewöhnt sich an alles.“ Ich habe ihr diesen Satz bei jeder Gelegenheit zu spüren gegeben und ging sie mir geflissentlich aus dem Wege und ich ihr. Getraut hat sie mir nie richtig, oder besser, sie hätte mir gerne etwas ans Zeug geflickt, aber ich gab ihr keine Veranlassung dazu. Frau Warninger war mir am liebsten, es ist die Beamtin, welche den Mantel tauschte bei Mutter und die uns so schön lange reden ließ. Sie weinte nacher direkt bei mir und meinte, das täte ihr alles so leid und sie könne nur hoffen, dass das alles gut ausliefe. Dann war da noch Frau Stahlberg, ganz nett und durchaus korrekt und zum Schluß Frau Kohring und unser Hähnlein (Hahne). Frau Kohring hat immer für uns gesorgt, steckte uns mal ein Stück Zucker in den Mund oder luchste ihrem Mann, welcher meist Schließerposten hatte, eine Birne für uns ab. Aber unser Hähnlein war unser bestes Stück, sprach ein fabelhaftes Kauderwelsch, nannte uns „Du“ und „Biester“ und traute sich zu, uns den berühmten Propeller einzusetzen zur schnelleren Fortbewegung. Schon am ersten Tage hatte ich es mit ihr, Sie kommt am Sonntag zum Dienst, schließt bei uns auf und dann :“wie heißen Sie?“ Ich sagte meinen Namen und stand ganz leicht am Tisch angelehnt. Darauf Sie: „Stellen sie sichgefälligst mal anständig hin, wenn ich mit Ihnen rede, Sie sind hier im Gefängnis und nicht im Sonatorium!“
Ich darauf:“Ich habe es bereits gemerkt und gebe mir alle Mühe mich danach zu richten, aber daß ich unanständig stehe, hat mir noch nie jemand gesagt, obwohl ich schon an anderen Orten verkehrte und in anderer Gesellschaft.“ Sie hat mich dann nie wieder belästigt und wir kamen gut miteinander aus. Unsere Oberin oder kurz „Oh“, wie wir sie nannten, hatte man im ganzen Haus gefressen. An einem Abend beim Alarm war sie mal draußen auf dem Hof und da einige Zellen ziemlich laut waren, bat sie in einem schreienden Ton um Ruhe. Nun waren auf der linken Seite von draußen die Männer und alle Oberlichter auf. Da ruft von der Männerseite eine ruhige, tiefe Stimmer: „Halt den Schnabel, alte Nebelkrähe!“ Aus sämtlichen zellen, von Frauen und Männern, brach ein schallendes Gelächter los und sie hat sich einige Tage krank gemeldet. (Übrigens, Hähnlein kennt Vater. Sie hat ihn am letzten Tage die Briefe und Sachen übergeben und mir die Äpfel). Ja Abwechslung hatten wir immer. Einmal habe ich mit Frau Wiening für die Beamten Heringssalat gemacht und da wir ihn in der Zelle fertigmachen mußten, bekammen wir alles dort hin. Daß wir dabei nicht zu kurz gekommen sind, könnt Ihr Euch gut vorstellen? Wir haben tagelang nach Fisch gerochen und Äpfel waren auch drin. Es war ein großer Topf voll und da ich den Kübel nicht schwencken konnte, weil er zu schwer war, habe ich meine fünfzinkigen Gabeln zum umrühren genommen. Gesehen hat es keiner, dass ich bis zu den Ellenbogen drin herum gemacht habe, aber wir haben Tränen dabei gelacht und uns allerlei Vorstellungen gemacht. Geschmeckt hat es allen wie nie und die „Oh“ brachte uns persönlich einen Kump daran, den haben wir vorläufig zu den anderen unters Bett gestellt und dann tagelang Heringssalat gegessen.
Wenn es abends noch hell oder leicht schumrig ist, kann man natürlich nicht schlafen, dann liegt man und lauscht auf jedes Geräusch. Man hört jeden Tritt, jeden Laut und der Straßenlärm dringt herrein. An manchen Tagen haben wir auch gesungen. Ja, ein draußenstehenderhält es kaum für möglich, aber man empfindet selbstlange die Lage nicht so schlimm wie Ihr. Eines nachts wachen wir auf, da singt am Tor eine Frauenstimmer unter wachsender Tränenflut: „Und ich hab ja so viel Heimweh, und ich sehn mich so nach Dir.“ Alles liegt wach und horcht und dann entspinnt sich folgendes Gespräch:„Heini!“ „Antwort: Ja“ „Heini, hörst du mich?“ Antwort von einem Mann: ja! „Heini sei nicht traurig, wird alles wieder gut, ich warte auf Dich, du kommst doch wieder? Wann kommst du?“-Bald mein Dern!- Zuletzt antworteten schon alle voller Sorge, dass man Heini bald entlassen würde und sie solle nur nicht mehr weinen. Danach kam sie drei Nächte lang, immer kurz nach der Entwarnung und dann wurde es dem Beamten zu viel und jagte sie weg. Einmal kam eine Gesellschaft von drei bis vier Personen und da rief auch eine Frau: „Rudi, mein .......... schlaf gut, wenn du wiederkommst, darfst auch einen mittrinken.“ Das sowas alle freute, könnt Ihr Euch wohl denken? Am 18.-19. August hatten wir dann wohl den schlimmsten Angriff in der damaligen Zeit und auch Fräulein Wiening hat da ihre Wohnung verloren. Die Angriffe waren für uns die reinsten Nervenproben, sicher kein (.........) Vergnügen. Wir kannten zuletzt schon die Geräusche der fallenden Bomben so genau, dass wir wußten in welcher Gegend der Seegen runterkam und ob es uns treffen würde. Oft genug war es nahe dran. Am 19.8. kam Frau Uhlmann mit Frau von Seidlitz und zwei Töchtern zu uns. Es waren sehr nette Menschen und wir freuten uns immer, wenn wir mal einige kurze Worte zusammen reden konnten, was bei Fräulein Beeden der Fall war (Fräulein Beeden war früher hier in Lübeck).
Am 19. September bekam ich, nachdem der Generalstaatsanwalt im Hause gewesen war, abends um 8 Uhr die Handfesseln an. Es ist dies eine Verordnung bei Todesstrafe und in Hamburg und anderswo für den ganzen Tag vorgesehen. Die Beamtinnen versahen den Dienst abends mit Tränen in den Augen und ich machte manchen Spass dabei, um es Ihnen zu erleichtern. Wenn ich meinen „Schmuck“ nicht anhatte konnte ich ja auch nicht schlafen. Ich konnte mir den Hummor ja leisten, da ich Dank dem Mitleid der Beamtinnen und Vaters Rasierseife nur dreimal damit geschlafen habe. Allerdings kostete es mich oft Mühe und ein paar blaue Flecken auf den Händen, aber das machte nichts aus. Lieber blaue Flecke, als bei den Angriffen mit gefesselten Händen liegen. Es ist in den fünf Wochen, bis zum 25. Oktober niemand dahinter gekommen. Am 09. November wurde Frau von Seidlitz bis Kriegsende in Ehrenhaft gesteckt, Frau Uhlmann war noch in einen Zigarettenschwindel verwickelt, sie hatte teuer Zigaretten gekauft, welche geklaut waren. In den Prozeß waren über 14 Personen verwickelt und sagte sie mir damals, als ich ihr aufwiedersehen sagte: „Wenn der Krieg noch lange dauert, komme ich Ihnen noch nach.“Bis jetzt ist sie hier noch nicht gelandet. Am 16. November ging es dann auf die Reise nach Lübeck. Nachmittags um kurz nach drei Uhr rin in die Minna. Ich fuhr mit einer Frau Fahrenholz, einem netten jungen Frauchen, die wegen Rundfunkhörens 1 Jahr bekam. Zunächst zum Osterdeich, wo wir noch Zuwachs bekammen, im ganzen waren wir etwa 30 Personen, Russen, Polen und sonstiges Volk und wir beiden da so mittenmang.
Ich mache jetzt hier Schluß, schreibe aber noch laufend weiter, was erst im nächsten Brief folgt. Ich muss diesen Brief schließen, wenn Monika kommt, bin ich sonst nicht fertig.
Es geht schon langsam dem Ende von Ostern entgegen und hoffe ich, das Nächste in Freiheit zu verbringen. Euch können wir dieses für uns schöne fest zu verdanken und tue ich dieses vom ganzen Herzen.
Bis jetzt war alles ruhig, nichtmal der Tannung war da, beide Nächte Ruhe.
Ich schließe für heute mit den herzlichsten Grüßen und tausend lieben Küssen für Euch meine lieben Eltern,

Eure Sissi

Sollten Hörbiger und Diehl Leidensgenossen sein von mir?
Der Amerikaner ist im Anmarsch auf Paderborn lesen wir eben. Was machen alle Bärmer?
An Dilchen, Tulli und Anhang liebe Grüße, ich antworte Tulli in den nächsten Tagen.

Hat im Jahre 2000 Selbstmord begangen.
 
Rehabilitation 2002 (Bundestag)

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